Politik | Landtag

„Unsere Jungen verlieren eine Chance“

Mehrsprachige Schule: Die Grünen erhalten überraschend Unterstützung von Landesrat Christian Bianchi und Renate Holzeisen. Doch der Gegenwind ist enorm – die Abstimmung wird vertagt.
Christian Bianchi
Foto: Seehauserfoto
  • „Endlich wurde im ASTAT-Sprachbarometer erhoben, dass der Wunsch nach einer mehrsprachigen Schule kein Randphänomen ist. 70 Prozent sprechen sich für dieses Zusatzmodell aus“, erklärt Brigitte Foppa bei der Vorstellung ihres Gesetzesentwurfs für eine mehrsprachige Schule. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen setzt sich bereits seit 20 Jahren dafür ein. Nun bringt sie ihn aus aktuellem Anlass erneut aufs Paket, da eine Gruppe von Eltern in Villandes Italienisch im deutschen Kindergarten fordert. 

    Die Stimmung im Landtag ist angespannt, wegen der langen Redebeiträge zum Thema wird die Abstimmung auf März vertagt. Trotzdem zeigt sich: Die Fronten laufen weniger geradlinig als erwartet, denn mit Landesrat Christian Bianchi (Forza Italia) hat sich ein Mitglied der Regierung für den Vorschlag ausgesprochen: „Heute ist es alleine durch den Schulbesuch für beide Sprachgruppen nicht möglich, dass die Zweitsprachen auf einem Niveau erlernt werden, um die Zweisprachigkeitsprüfung der Provinz erfolgreich zu absolvieren.“ 

  • Die Debatte im Landtag

    „Inzwischen sprechen junge Menschen lieber Englisch miteinander, aus Angst und Scham die Zweitsprache zu sprechen. Das ist eine Bankrotterklärung für unser aktuelles System. Der vorliegende Gesetzesentwurf ist ein Destillat unserer Arbeit der letzten Jahre, rechtlich geprüft und mit unserem Autonomiestatut vereinbar. Außerdem wäre es eine Entlastung der deutschen Schule, welche enorm unter Druck steht“, erklärt Foppa.

  • Brigitte Foppa: „Inzwischen sprechen junge Menschen lieber Englisch miteinander, aus Angst und Scham die Zweitsprache zu sprechen.“ Foto: Seehauserfoto
  • Nach dem leidenschaftlichen Plädoyer der langjährigen Politikerin herrscht im Landtag zunächst kurzes Schweigen. Erst nach einigen Sekunden meldet sich der PD-Abgeordnete Sandro Repetto und befürwortet den Entwurf. SVP-Abgeordnete Waltraud Deeg erteilt dem Vorschlag als Vertretung der Mehrheit aber anschließend mit ihrer Wortmeldung eine klare Absage. 

    „Wir diskutieren hier nicht über ein Schulmodell, sondern über einen tragenden Pfeiler der Südtiroler Autonomie, auf den wir stolz sein können. Es betrifft somit einen sehr sensiblen Bereich, Art. 19, dem Grundrecht von Unterricht in der Muttersprache. Das ist kein veralteter Paragraph, sondern das Fundament des Minderheitenschutzes in Südtirol. Das Schlimmste für eine Minderheit ist es, das Gefühl zu verlieren, eine Minderheit zu sein“, so Deeg. 

     

    „Ihr öffnet hier die Büchse der Pandora.“ 

     

    Hannes Rabensteiner, Abgeordneter der Süd-Tiroler Freiheit (STF) aus Villanders, erklärt: „Die Sprache ist die Seele eines Volkes und die Muttersprache ist ein sehr emotionales Thema. Ich wurde in dieser aktuellen Debatte zu Villanders angefeindet bis hin zur Morddrohung – das spricht Bände“, so der STF-Abgeordnete. Nach dieser heftigen Kritik verteidigt Madeleine Rohrer, Abgeordnete der Grünen, den Entwurf: „Wir haben als Erziehungsberechtigte und als Schülerinnen und Schüler sehr viele Möglichkeiten bei der Wahl des Bildungswegs. Wir haben aber nicht die Freiheit, in eine Schule zu gehen, wo beide großen Landessprachen gleichermaßen unterrichtet werden.“ 

    Es folgen Stellungnahmen von Bernhard Zimmerhofer (STF) und Zeno Oberkofler (Grüne): Zimmerhofer spricht von einem Niedergang der Minderheit, Oberkofler von dem Glück, in einer zweisprachigen Familie mit Italienisch und Deutsch aufgewachsen zu sein. „Ich bin mehrsprachig aufgewachsen und auch ich bin Sohn dieses Landes“, erklärt der jüngste Abgeordnete des Landtags. Es folgen ablehnende Wortmeldungen von Myram Atz (STF) und Jürgen Wirth Anderlan.  

  • Renate Holzeisen: „Ich war als Mutter entsetzt darüber, dass mein Sohn seine Deutschkenntnisse in einem deutschen Kindergarten in Bozen Ende der 90er Jahre verschlechtert.“ Foto: Seehauserfoto
  • Renate Holzeisen von der Liste Vita erklärt hingegen überraschend ihre Zustimmung für den Gesetzesentwurf. „Ich war als Mutter entsetzt darüber, dass sich die Deutschkenntnisse meines Sohns in einem deutschen Kindergarten in Bozen Ende der 90er Jahre verschlechterten. Deshalb schrieb ich ihn schlussendlich in einen italienischen Kindergarten ein“, so Holzeisen. Als Wirtschaftsanwältin sehe sie in dem Zusatzangebot einer mehrsprachigen Schule einen längst überfälligen Schritt.   

     

    „Damit verlieren unsere Jungen eine Chance, das sage ich als Vater.“ 

     

    „Es ist ein zentrales Thema, weil es die Zukunft unserer jungen Menschen betrifft. Ich weiß, die Schule ist nicht isoliert zu betrachten und mit Identität und Schutz der Traditionen verbunden“, erklärt im Folgenden Landesrat Christian Bianchi. „Die einzige Methode, um eine Sprache zu lernen, ist sie zu nutzen. Etwas funktioniert hier heute nicht und so verlieren unsere Jungen eine Chance, das sage ich als Vater.“ Und das zeige auch die Forderung der Eltern aus Villanders. 

    Sven Knoll (STF) vertritt erwartungsgemäß eine ablehnende Position gegenüber dem Vorschlag der Grünen. „Ihr öffnet hier die Büchse der Pandora.“ Auch Landesrätin Ulli Mair (Freiheitliche) erklärt in ihrer Stellungnahme ihre Ablehnung. Damit endet in dieser Landtagswoche die Zeit der Opposition und über den Gesetzesvorschlag wird voraussichtlich im März abgestimmt. 

  • Der Entwurf

    Die Grüne Landtagsfraktion hatte den Gesetzesentwurf bereits 2023 eingebracht: Ihr Vorschlag einer mehrsprachigen Schule sieht ein Zusatzangebot im Kindergarten, in der Unter- und Oberstufe vor. Laut Gesetzesentwurf soll der Unterricht in den Muttersprachen Deutsch und Italienisch abgehalten werden. „In den Klassen mit mehrsprachigem Schwerpunkt wird rund die Hälfte der Unterrichtszeit in der primären Schulsprache unterrichtet, die restliche Zeit in der Zweitsprache und, falls vorgesehen, in der Fremdsprache bzw. den Fremdsprachen“, so der Entwurf.