Gesellschaft | Gastreportage

Stimmen hinter den Ringen

Olympia kommt mit großen Versprechen. Eine Spurensuche zu den Spielen vom Pustertal bis nach Bozen. Mit den Fragen: Wie bewegt das Großevent die Menschen? Was bleibt?
Valentina Huber & Michaela Bachmann
Foto: Valentina Huber & Michaela Bachmann
  • Montagmorgen. Kurz nach zehn. Im Biathlonstadion Antholz ist die Stimmung ruhig, fast verhalten an diesem kalten Dezembertag. Nur das Knirschen des Schnees unter den Langlaufskiern und vereinzelte Schüsse durchbrechen das Summen der Schneekanonen.

  • Die Ruhe vor dem Sturm

    Auf den Tribünen verteilen sich an die fünfzehn Menschen, verstreut zwischen blauen Plastikstühlen, und beobachten neugierig, wie sich Biathletinnen und Freizeitsportler, umringt von hohen Scheinwerfern und Gipfel der Rieserfernergruppe, die Langlaufstrecke teilen. 

    Die Ruhe vor dem Sturm. Dass dieser Ort in zwei Monaten Schauplatz eines globalen Großereignisses wird, ist bislang kaum spürbar. Nur der Banner hinter der Loipe, Dorothea Wierer, die Ringe auf dem Trikot, begleitet vom Logo Milano Cortina 2026, erinnert daran.

    Erstmals in der Geschichte werden Olympische Spiele auf Südtiroler Boden ausgetragen. Von 6. bis 22. Februar wird Antholz, das Mekka des Biathlonsports, zur olympischen Bühne für täglich über 18.000 Besucher:innen. Mit dem Zuschlag 2019 kehren die Ringe nach zwei Jahrzehnten nach Italien zurück – unter dem großen Versprechen „nachhaltiger Spiele“: Bestehende Sportstätten sollen genutzt, neue Bauten auf ein Minimum reduziert werden. Olympia soll sich dem Territorium anpassen, nicht umgekehrt. So zumindest das erklärte Ziel. 

    Das klingt zunächst vielversprechend. Doch wie realistisch sind diese Versprechen? Kann ein Mega-Event wie Olympia nachhaltig sein? Und wer profitiert am Ende?

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  • Abenteuer Olympia

    Rasen-Antholz. Im Autofenster ziehen grünbraune Wiesen an uns vorbei, vergeblich sucht man hier in Niederrasen nach der winterlich-weißen Stimmung. Gleich wie der Schnee fehlt auch das Olympiafieber, die Winterspiele scheinen weit entfernt – „Die Lait wern schun kemm“, heißt es schulterzuckend in der Dorfbäckerei. 

    Auch das Gemeindehaus wirkt entspannt, trägt dieselbe Ruhe, mit der Bürgermeister Thomas Schuster uns an diesem Morgen in schwarzem Rollkragenpullover begrüßt. 
    „Olympia ist ein Abenteuer“, der SVP-Politiker rückt seine ovale Brille zurecht. Wo man in den 1980ern noch von der ganzen Palette Olympischer Spiele geträumt hat, ist heute bereits ein Wettkampf so komplex, dass er alle Kräfte beansprucht. Mit bedachter Stimme reflektiert Schuster über die organisatorisch und gesellschaftlich große Herausforderung eines solchen Mega-Events für eine kleine Gemeinde wie Rasen-Antholz. Zu kurze Vorbereitungszeiten, zähe Entscheidungsprozesse und viel „verbrannte Energie“ in Rollenfragen zwischen Gemeinde, Stadionbetreiber, Landesebene und der Stiftung Milano-Cortina. Hinzu komme die komplexe Koordination von Bauabschnitten im Stadion, vom Schießstand über die Beleuchtung bis zur Stromversorgung, sowie juristische Streitigkeiten und Schadenersatzzahlungen.

    Und doch überwiegt für den Rasner Bürgermeister der strategische Blick nach vorne. Die Winterspiele sind für ihn in erster Linie ein Hebel für die Zukunftsfähigkeit des Biathlon Weltcups und für die internationale Positionierung von Antholz. Ohne Olympiagelder, sagt er offen, wären zentrale Investitionen in Stadion und Infrastruktur nicht möglich gewesen. 

    Olympia ist weit mehr als ein sportliches Großereignis: Es wirkt als Katalysator für langfristige Infrastrukturvorhaben, die sogenannten „Legacyprojekte“. Allein das Land Südtirol investiert rund 185 Millionen Euro.

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  • Im Spannungsfeld der Spiele

    Schuster verschweigt nicht, dass der Prozess vor Ort Reibung erzeugt hat. Dialog sei extrem wertvoll, betont er, gleichzeitig brauche es bei einem Projekt mit fixem Zeitplan auch Entscheidungsfähigkeit. Nicht jede Maßnahme lasse sich endlos diskutieren. Ein Großevent wie Olympia geht mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit einher: „Man ist in einem Schaufenster: Der eine wirft mit Steinchen, der andere schaut zu – und jeder projiziert seine eigenen Erwartungen hinein.“

    Diese Erwartungen bekommen wir auf unserer Fahrt vom Hochpustertal über Bruneck bis in die Landeshauptstadt zu spüren. Besonders laut werden die Stimmen zum neuen Speicherbecken oberhalb der Arena. Rund 2,5 Hektar Wald fielen den behördlichen Auflagen zur Schneesicherheit zum Opfer. Die Gemeinde selbst spricht von gebundenen Händen und Bauchschmerzen: „Ohne Speicher, kein Schnee.“
    Alternativen, wie etwa die Entnahme von Wasser aus dem Antholzer See, scheiterten an Schutzbestimmungen und Genehmigungsfragen. Das Speicherbecken ist damit zum Symbol geworden: für eine ganz eigene Genehmigungspraxis im Schatten der Ringe. Umweltverbände reichten aufgrund fehlender Umweltprüfungen Rekurse gegen das Becken ein – jedoch erfolglos.

    Über die Zugschiene fahren wir weiter zu jenen, die den Umgang mit Olympia offen kritisieren. In einem Bruneckner Gasthaus treffen wir Maximilian Gartner und Katja Renzler der Grünen Bruneck und werden im Laufe des Gesprächs von immer mehr Parteimitgliedern überrascht, die ihre Haltung zu den Winterspielen bei Macchiatone und Kräutertee deutlich machen.

  • Die Marke Olympia

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    Bezogen auf Speicherbecken, Umbauarbeiten und Millionenbeträge fällt immer wieder ein Ausdruck: „Marke Olympia“. Kaum steht Olympia im Raum, so die Kritik, verlieren Maß und Verhältnismäßigkeit an Bedeutung. Entscheidungen würden unter enormem Zeitdruck getroffen, organische und nachhaltige Planungsprozesse blieben auf der Strecke.

    Aus Sicht der Grünen Partei zeigt sich das besonders deutlich bei Umweltstandards: Projekte von „öffentlichem Interesse“ könnten auf staatlicher Ebene umgesetzt werden, ohne dass Umweltverträglichkeitsprüfungen zwingend vorgesehen seien. Die Parteimitglieder fordern eine transparente Aufarbeitung und ehrliche Bilanz nach den Spielen. Initiativen wie „Open Olympics“ hätten gezeigt, dass öffentlicher Druck notwendig sei, um Kontrolle und Transparenz in der Olympiaplanung herzustellen.

    Als eigentlicher Unterstützer des Ursprungsgedanken von Olympia blickt Maximilian Gartner enttäuscht auf die Winterspiele 2026. „Ich habe überhaupt keinen Bezug mehr dazu – die Auswüchse sind schlicht bedenklich“. Sinnbild dafür ist die geplante Kreuzung nach Olang.

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  • Überdimensionierung?

    Auf der Pustertaler Straße Richtung Bozen passieren wir besagte Stelle, an der der neue doppelstöckige Knoten entstehen soll. Noch deutet nichts auf das künftige Bauwerk hin – die Bauarbeiten verlaufen abseits der Straße.

    Das von der Provinz als „harmonisches Landschaftsprojekt“ beschriebene Vorhaben soll den Verkehrsfluss optimieren und die Sicherheit erhöhen. Rechtfertigt dies seine Dimension? 

    Mobilitätsexperte Hanspeter Niederkofler, Parteimitglied der Grünen, bezweifelt das. Er sieht weder eine organische Planung noch einen Sicherheitsgewinn. Durch größere Kapazitäten werde Verkehr eher begünstigt: „Das Vernünftigste wäre, einen einfachen Kreisverkehr hinzusetzen“, sagt er.

    Im Landhaus 2 in Bozen verweist Mobilitätsdirektor Martin Vallazza hingegen auf einen langen Planungs- und Optimierungsprozess. Die Projekte seien funktional gedacht und basierten auf umfangreichen Simulationen, erklärt der Ressortdirektor mit ruhiger Stimme.

    Ein Büro weiter liegt die Broschüre zu den Infrastrukturprojekten im Pustertal auf dem Tisch. Ingo Dejaco, persönlicher Referent von Landesrat Daniel Alfreider, blättert zufrieden durch die dicken Seiten. Überdimensionierung könne man nicht pauschal sagen. Bei Olang sei die Kritik nachvollziehbar, man müsse aber die technischen Einschätzungen berücksichtigen. Ziel sei stets die kleinstmögliche Lösung gewesen, die verkehrstechnisch funktioniere. Ein einfacher Kreisverkehr, wie ihn Mobilitätsexperte Niederkofler fordert, habe in den Simulationen nicht bestanden. „Die Techniker meinten, da sei sogar noch die Null-Variante besser.“

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  • Wer wird gefragt?

    Die Einbindung der Bevölkerung bleibt einer der sensibelsten Punkte der Olympiaplanung. So organisierten Aktivist:innen im Januar 2023 die erste Versammlung zu den geplanten Kreisverkehren. Zwei Monate später folgte erst eine Bürgerversammlung ausgehend von der Landesregierung zu den Projektentwürfen.

    Dejaco beschreibt Bürgerversammlungen als Gratwanderung: Technische Erklärungen würden oft von Emotionen überlagert, „die Stimmung war so aufgeheizt, dass sich manche gar nicht getraut haben, sich positiv zu äußern.“ Ein Beteiligungsformat müsse immer allen Meinungen Rechnung tragen und die Fakten berücksichtigen.

    Ressortdirektor Vallazza unterstreicht mehrfach den demokratischen Prozess und die Transparenz der Projektplanung, die ja klar „von beiden Gemeinden und der Bevölkerung ausgingen“ und in der Gemeinde zur Einsicht auflag. 

    Im Laufe unserer Gespräche wurde immer wieder der Vorwurf einer „uninteressierten Bevölkerung“ hörbar. Für Katja Renzler aus Antholz greift dieses Argument zu kurz: Wer nicht informiert werde, könne sich kaum einbringen. Viele hätten erst spät oder eher zufällig von den Plänen erfahren. Ähnlich ernüchtert beschreibt Antholzer Hotelierin Astrid Zingerle, Entscheidungen seien über die Köpfe der Menschen hinweg gefallen: „Wir wurden nie gefragt, ob wir Olympia wollen“. Die Bewerbung sei vom Bürgermeister ausgegangen – für sie ein unterschriebener Blankoscheck, ohne zu wissen, was auf das Tal zukommt. 

  • Was bleibt für Antholz?

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    Die vielen Fragezeichen in der Bevölkerung sieht die Tourismusgenossenschaft Antholzertal als typisches Begleitphänomen eines Großevents wie Olympia. Die Informationsweitergabe habe zwangsläufig schrittweise erfolgen müssen, heißt es dort – schließlich stehe hinter dem Projekt ein komplexes Planungskonzept, das seit der Vergabe der Spiele 2019 von der Stiftung Milano Cortina gemeinsam mit den Akteur:innen vor Ort entwickelt werde. Während Abläufe beim alljährigen Biathlon-Weltcup eingespielt seien, habe Olympia als einmaliges Ereignis neue Unsicherheiten mit sich gebracht. Zudem haben Dorfgespräche und Gerüchte diese Unsicherheit verstärkt. Umso wichtiger sei es, so die Genossenschaft, sich auf bestimmte Entwicklungen einzulassen.

    Die Stimmung bleibt aber verhalten, wie eine junge Antholzerin vom Skiverleih des Biathlonstadions beschreibt – ein Gefühl zwischen Vorfreude und Ungewissheit, ein Spannungsfeld, das die Stimmung im Tal bis heute prägt. 

    Ab 7. Jänner wird das Biathlonzentrum zur „Zone 0“ und aus Sicherheitsgründen abgesperrt. Der Skiverleih geschlossen. Für viele in Antholz bedeutet das nicht nur das Ende des Sportelns im Stadion, sondern auch wirtschaftliche Einbußen. 

    Auch in der warmen Stube im Hotel Messnerwirt spürt Astrid Zingerle die Folgen direkt: „Bei uns kommt vielleicht ein Prozent der Stammgäste“, sie lächelt matt. Die Besucher des traditionsreichen Familienbetriebs kommen für das ruhige Bergerlebnis, zum Langlaufen, Wandern und Innehalten. In diesem Winter ist der Naherholungsbereich aber gesperrt. Der Olympiagast, sagt die Gastwirtin, sei ein anderer: Er bleibe ein, zwei Nächte und reise weiter. „Unser Kapital ist die Landschaft“, betont sie mit leiser, aber bestimmter Stimme und spricht damit für viele Gastgeber im Tal, deren Erfolg auf sanftem, kleinstrukturiertem Tourismus im Einklang mit der Natur beruht. 

    Anders handhaben es Hotels wie das Falkensteiner, das den Vertrag mit der Fondazione Milano Cortina 2026 unterschrieben hat: Zimmer für Mannschaften und Funktionäre werden pauschal vermietet, das wirtschaftliche Risiko damit abgefedert. Hoteldirektorin Karen Sigmund blickt voller Vorfreude auf die Olympischen Spiele: Ein „once-in-a-lifetime“ Moment, kein gewöhnlicher Winter. Neben der unmittelbaren Absicherung bedeutet die Präsenz der Spiele für sie vor allem Bekanntheit und Sichtbarkeit für Antholz, das sonst oft im Schatten anderer Tourismusregionen steht. Auf den wirtschaftlichen Aufschwung hofft auch der politisch viel thematisierte Bausektor. Manfred Gasser der Markus Gasser GmbH betont, dass das Auftragsvolumen der Infrastrukturprojekte zwar schön sei, wichtiger ist aber der „Nachbrenneffekt“ zukünftiger Projekte, besonders in Tourismus und Hotellerie. 

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  • „Olympia ist Olympia“

    Antholz, Oberrasen. Fast beiläufig führen die Treppen an drei Olympiamedaillen vorbei, ausgestellt vor einer selbstgebastelten Patronenhülsenwand, in die modern eingerichtete Wohnküche des ehemaligen Spitzenathleten und heutigen Biathlontrainer Dominik Windisch. Für ihn schließt sich mit der Heimolympiade in Antholz ein Kreis. Wenn am 27. Jänner das olympische Feuer von Oberrasen nach Niederrasen gebracht wird, darf Windisch selbst eine Fackel tragen. 

    Der Antholzer erinnert sich beeindruckt an vergangene Winterspiele, wo er Olympia hautnah erlebt hat: Sochi, Pyeong Chang und Peking – Orte großer Inszenierung und militärischer Präsenz, fern von der lokalen Bevölkerung. Antholz, sagt Windisch, soll anders werden: Weniger Fassade und ein Wettkampfort, der auch nach den Spielen weiterlebt, von dem Sportler:innen nachhaltig profitieren. 

    Windisch war dabei, als die „Südtirol Olympic Arena“ am Ende des Seitentals noch keine Tribüne hatte und man den Athlet:innen auf Steinen zuschaute: Das Biathlonstadion ist mit ihm mitgewachsen. 2019 wurde die Arena im Rahmen der Weltmeisterschaften bereits umfassend modernisiert und galt laut Landeshauptmann als „olympiareif“. Vier Jahre später folgte eine zweite, deutlich größere Ausbauphase, wobei rund 58 Millionen Euro in neue Vorgaben des IOCs, aber auch Wunschprojekte der Stadionbetreiber flossen. Dazu zählen unter anderem eine leistungsfähigere Beschneiungsanlage, technische Aufrüstung, erweiterte Medienflächen sowie gesichertes Waffen- und Munitionslager. 

    Besonders der unterirdische Schießstand sei eine wertvolle Investition, sagt der heutige Biathlontrainer: „Wenn sie in Antholz etwas umsetzen, dann machen sie es mit Kopf und Fuß“. Dass Sperrzonen und Ungewissheit im Tal die Vorfreude dämpfen, merke auch er: Olympia fühle sich fremder an als der vertraute Biathlon Weltcup. Doch beim 36-Jährigen überwiegt die Vorfreude: Olympia bleibt für ihn das höchste Sportevent. 

  • Die verpasste Chance

    Foto: Valentina Huber & Michaela Bachmann

    Auf den Tribünen der Biathlonarena gesellen sich uns italienische Touristen zu. Ob sie dieses höchste Sportevent im Februar verfolgen werden? Ja, sicher. Die Biathlon Wettkämpfe? Eher nicht. Da ziehe man Ski Alpin oder Bobrennen in Cortina vor. 

    Zurück in Bozen sitzt uns Team K-Politiker Alex Ploner im Landtagsbüro gegenüber und formuliert genau diese Sorge nüchtern. Biathlon sei eine Randsportart – abhängig von Einschaltquoten und öffentlichem Interesse, das keineswegs selbstverständlich weiterwächst. „Wir setzen alles auf ein Pferd, eine Marke, ein Event, das morgen nicht mehr so funktionieren könnte“. Umso zentraler sei die Frage, was für Antholz nach Olympia bleibt. Aus Angst, den Weltcup zu verlieren, sei zu kurzfristig entschieden worden, ohne klare Vision für langfristigen Mehrwert und ohne Einbindung des „wertvollen Schwarmwissens“ der Südtiroler:innen.
     „Olympia war eine Chance“, sagt Ploner enttäuscht. Der ehemalige Eventmanager gehört zu denjenigen, die sich auf die Spiele gefreut haben: Eine Chance, der Welt zu zeigen, dass es anders geht. Nachhaltiger. Authentischer. Bescheidener.

    Ein nachhaltiges Großevent? Eigentlich ein Widerspruch in sich. Klimafolgenforscher Marc Zebisch der Eurac Bozen erklärt uns: Globale Anreise, massiver Ressourcenverbrauch und langfristige Eingriffe machten Olympia per Definition nicht nachhaltig. Man könne Emissionen reduzieren und den Impact minimieren, aber sicher nicht ausgleichen. Trotzdem sei gerade in geopolitisch schwierigen Zeiten wie heute die gesellschaftliche Dimension der Spiele wertvoll: Olympia als friedlicher Begegnungsort für Menschen aus aller Welt. 

    Auf unserer Reise durch geborgene Hotelstuben und nüchterne Landesbüros, vorbei an gerodeten Wäldern, Beton und schneefreien Wiesen, erleben wir genau diese Kontraste. Stirnrunzeln und strahlende Augen. Beides existiert gleichzeitig.
    Olympia ist nicht schwarz-weiß: Zukunftssorgen, Hoffnungen, Chancen und tiefe Enttäuschung treffen aufeinander und färben die Ringe blau, gelb, grün und rot.

  • Foto: Valentina Huber & Michaela Bachmann
  • Ein letzter Blick

    Kurz bevor die Zone 0 gesperrt wird, machen wir uns nochmal auf den Weg nach oben. Vorbei an den Olympischen Ringen, die Antholzer Straße hoch zur Biathlon Arena.
    Die Sonne strahlt heute durch die neuen Beleuchtungsmasten und lässt den Schnee auf der Piste weiß leuchten. Unter wolkenlos blauem Himmel steht das Festzelt bereit, gespannt wie vor einem Auftritt. Noch ist es leer. Noch gehört der Ort den Sportler:innen. 

    Einladender wirkt er jetzt, lebendiger als bei unserem ersten Besuch. Und doch liegt etwas Endgültiges in der Luft. Wir bleiben stehen und beobachten, wie sie heute ein letztes Mal durch die Loipen gleiten. 

    Erst in einem Monat wird dieses Stadion wieder öffnen. Wenn hier Kameras stehen, Fahnen wehen, die Welt zuschaut: Olympia in Südtirol. 
    Danach erst wird sich zeigen, was bleibt für Antholz.

    „Vielleicht die Ringe“, lacht Astrid Zingerle, „und ein bittersüßer Nachgeschmack“.

  • Valentina Huber (22) kommt aus Bozen und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und an der Universiteit van Amsterdam. Besonders interessiert sie sich für Wintersport, Umweltthemen, Politik und Reportagejournalismus.

    Michaela Bachmann (21) aus Niederdorf studiert im 5. Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien. Besonders interessiert sie Unternehmenskommunikation und Sport.