Gesellschaft | Alltagsgeschichte

Standhafte Zinnsoldaten in gelben Westen

Auf Deutsch heißen sie Schülerlotsen, aber ein Nonno oder eine Nonna Vigile sind mehr - viel mehr.
Nonni Vigili
Foto: nonnivigilibolzano
  • Der Nonno Vigile am Zebrastreifen vor der Rosmini Schule in der Fagenstraße in Bozen verstand keinen Spaß. Er nahm die Kinder auf dem Gehsteig in Empfang und gebot ihnen, mit einem zur Schranke ausgestreckten Arm, stehen zu bleiben. Dann richtete er seinen grimmigen Blick auf die Autos, die sich dem Zebrastreifen näherten.

     

    Er führte seine Kinderschar über den Zebrastreifen, wie Moses die Israeliten durch das geteilte Rote Meer.

     

    Motoren brummten, teils wütend, teils ehrfurchtsvoll, Autos blieben stehen und der Nonno Vigile führte seine Kinderschar über den Zebrastreifen, wie Moses die Israeliten durch das geteilte Rote Meer. Ungeduldigen Autofahrern schmetterte er entgegen: „Ehi, ci sono i ragazzi!“ 

    Kein Vater, keine Mutter, kein Lehrer und keine Lehrerin hatten auch nur den leisesten Zweifel, dass dieser Mann sich selbstvergessen vor ein Auto werfen würde, um ein Kinderleben zu retten. 

    Ob er da noch steht am Zebratsreifen vor der Rosminischule? Ich bin lange nicht mehr dort gewesen. 

  • Lotse oder Nonno?

    Das deutsche Wort für Nonno Vigile ist Schülerlotse, aber das ist nicht dasselbe. Ein Schülerlotse hat etwas Mechanisch-Militärisches. Ein Nonno oder eine Nonna Vigile – das ist viel mehr.

    Da stehen sie am Straßenrand, mit ihren gelben Schutzwesten. Bei jedem Wetter. Bei brütender Hitze stehen sie in der prallen Sonne und wischen sich ächzend den Schweiß von der Stirn. Null Grad und Schneeregen? Nonno und Nonna Vigile stehen da. Wie der standhafte Zinnsoldat in Andersens Märchen. Nur auf zwei Beinen und mit gelber Weste.

     

    Seit Kurzem hat er einen Stock, aber er steht immer noch da.

     

    Die ältere Dame, zum Beispiel – nein, nicht Dame: Frau! – an der Kreuzung Oswaldweg-Weggensteinstraße. Ein teures Eck. 

    Wenn Mama, Kind und Hund nachmittags an ihr vorbeigehen, hält sie nicht nur die Autos an. „Posso dare al cane un biscottino?“, fragt sie. Und der Hund wedelt, setzt sich brav hin und frisst der Nonna aus der Hand. Morgens steht an der selben Kreuzung seit vielen Jahren ein kleiner Nonno Vigile mit Glatze und Brille. Seit Kurzem hat er einen Stock, aber er steht immer noch da.

  • Der Maestro und sein Orchester

    Am Ende der Runkelsteiner Straße dann: eine gefährliche Kreuzung. Dort schleicht ein Nonno Vigile mit silbergrauem Haar zwischen Goetheschule und Franziskaner Gymnasium hin und her und regelt mit minimalistischen Gesten den Verkehr. Das lange schüttere Haar hat er nach hinten gekämmt. Er ist der Maestro, der sein Orchester aus hastenden Eltern, schnatternden Kindern, brummenden Autos und klingelnden Fahrrädern harmonisch zusammenspielen lässt. 

    Nonna und Nonno Vigile interessiert es dabei nicht, ob ein Kind gute oder schlechte Noten hat oder ob es Deutsch, Italienisch oder eine andere Sprache spricht. Auch nicht hier – vor der Goetheschule. 

     

    Das ist keine Kleinigkeit in dieser blöden Welt.



    Es interessiert sie auch nicht, ob ein Kind, brav, frech oder problematisch ist. Heute hat ein Nonno Vigile ein kleines Einhorn in Regenbogenfarben über die Straße begleitet. Schließlich ist Fasching. 

    Nonna und Nonno Vigile wollen nur eins: dass Kinder sicher in die Schule und wieder nach Hause kommen. Das ist keine Kleinigkeit, in dieser blöden Welt.

    Und da stehen sie, jeden Morgen, bei jedem Wetter. Wie der standhafte Zinnsoldat in Andersens Märchen – nur auf zwei Beinen, manchmal mit Stock und immer in gelben Westen.