Gesellschaft | Ernährung

Gibt es ein Recht auf billiges Fleisch?

Die Preise für Lebensmittel werden steigen. Auf den ersten Blick keine sehr gute Nachricht – vor allem nicht für die Konsumenten.
Schwein
Foto: Gauly Matthias
Wie hoch die Lebensmittelpreise letztendlich steigen werden, ist derzeit noch nicht absehbar. Einerseits spielen die Preisexplosion bei den Rohstoffen und Produktionskosten eine treibende Rolle sowie der Konflikt in der Ukraine – dabei wird allerdings von einer kurz- bis mittelfristigen Preiserhöhung ausgegangen; andererseits ist man sich auf europäischer Ebene darüber im Klaren, dass insbesondere die Preise für tierische Produkte wie Fleisch und Milch derzeit „zu niedrig“ sind.
 
 
 
„Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb ein Kilo Hühnerfleisch gleich viel kostet wie ein Kilo Äpfel oder ein Liter Milch gleich viel wie ein Liter Wasser“, bringt EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann das Problem auf den Punk, wenn er erklärt, dass die Preise für Fleisch und Milch auf einem teilweise lächerlich niedrigem Niveau sind. Langfristig werden aber auch in dieser Sparte die Preise steigen müssen: zum einen aufgrund zusätzlicher Tierwohlauflagen, die in der Folge zu höheren Produktionskosten führen werden, zum anderen durch die hohen Futtermittelpreise. „Ich persönlich empfinde das nicht als dramatisch, sondern gerechtfertigt“, erklärt der EU-Parlamentarier und spricht damit ein Thema an, das erst seit kurzer Zeit einer breiteren Öffentlichkeit immer stärker ins Bewusstsein dringt. Der Fleischkonsum liegt in der EU zwischen 60 und 80 Kilogramm pro Kopf und Jahr oder wie Dorfmann es ausdrückt: „Der Fleischkonsum ist mehr als hoch genug“. Seiner Ansicht nach würde es im Interesse aller liegen, einen vernünftigen Ausgleich zwischen tierischen und pflanzlichen Produkten zu schaffen –  sowohl im Konsumverhalten wie auch in der Preisgestaltung.
 

Tierwohl kostet

 

In der EU wurden bereits zahlreiche Auflagen, die dem Tierwohl dienen, eingeführt, wie beispielsweise das Verbot der Kleinkäfige in der Hühnerhaltung. Von der Käfighaltung für Geflügel oder Kleintiere wird man sich zukünftig wohl endgültig verabschieden und der gesamte Bereich wird auf Freilandhaltung umstellen, berichtet Dorfmann. Dass die Preise für Eier oder Geflügelfleisch deshalb explosionsartig ansteigen, sei allerdings nicht zu erwarten. „Es werden bereits heute Freiland-Eier im Supermarkt angeboten, die etwas teurer sind als die Eier aus der konventionellen Haltung, aber dieser Unterschied ist nicht dramatisch“, so Dorfmann. Auf das mögliche soziale Konfliktpotential angesprochen, sollten sich Nahrungsmittel wie Fleisch- oder Milchprodukte erheblich verteuern, reagiert der EU-Parlamentarier mit einer Gegenfrage: „Gibt es das Recht auf billiges Fleisch?“ „Meiner Meinung nach nicht!“, äußert sich Dorfmann dann auch klar. Er sehe keine größeren Probleme für die Gesellschaft, wenn Fleisch wieder zu einem höher wertigen Produkt und damit etwas teurer wird – zumindest sollte es mehr kosten als 1,20 Euro, die derzeit pro Kilo Schweinefleisch verlangt werden.
 
 
 
Das andere Extrem – der vollkommene Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte – sei allerdings auch keine Lösung, um Probleme wie den Klimawandel aufzuhalten. 50 Prozent der Agrarflächen in der EU sind Dauerwiesen, in Südtirol beträgt der Anteil an Dauerwiesen und Almflächen sogar 70 Prozent. „Wenn wir kein Vieh mehr halten, dann können wir auch die Almflächen und Dauerwiesen abschreiben“, ist Dorfmann überzeugt und hält eine vernünftige Balance für den sinnvollsten Weg: Ziel sollte es sein, die bestehenden Futterflächen optimal zu nutzen und in Europa wieder mehr auf die Eigenversorgung zu setzen. Damit könnte nämlich ein weiteres, gesamteuropäisches Problem gelöst werden: der hohe Anteil an Futtermittelimporten. Im schlimmsten Fall stammen diese auch noch aus Regionen wie Südamerika. „Damit tut man dem Klima beim besten Willen keinen Gefallen“, so Dorfmann, der betont, dass man sich die Frage stellen müsse, was ein Mastbetrieb mit 10.000 Schweinen, die mit südamerikanischem Soja gefüttert werden, noch mit europäischer Landwirtschaft zu tun hat.