„Raffinierte Frage“
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SALTO: Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit nachhaltiger geprägt, als Sie damals je geglaubt hätten?
Maria E. Brunner: „Die wunderbare reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ von Selma Lagerlöf, aus der Privatbibliothek einer Verwandten, sie war Volksschullehrerin. Und die Vorlesestunden in der Volksschule, aus dem Buch „Le avventure di Pinocchio“ unserer Italienischlehrerin in der dritten Klasse.
Welcher letzte Satz eines Romans ist und bleibt für Sie ganz großes Kopfkino?
„Einer der Zweige der großen Akazie, die im Garten wuchs, berührte fast die Mauer, und er konnte die von der Lampe beleuchteten Zweige mit ihren federartigen Blättern sehen, die vor dem Hintergrund der Finsternis leise bebten, die ovalen, vom elektrischen Lichtgrell grün gefärbten Foliolen, die hin und wieder schwankten wie Federbüschel, plötzlich wie von einer eigenständigen Bewegung durchzuckt, als ob der ganze Baum erwachte, schnaubte, sich schüttelte, und dann besänftigte sich alles, und sie sanken zurück in ihre Regungslosigkeit.“ Claude Simon: Die Akazie.
...und auf Rai 3 die Sendung „Fahrenheit“.
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„Die Ausgewanderte“ und „Was wissen die Katzen von Pantelleria“: Lesung mit Maria E. Brunner am 17. März um 1900 in Bozen bei Rosmini77 Foto: Karin PriemReimen ist doof, Schleimen ist noch doofer… Auf welches – anscheinend gute – Buch konnten Sie sich nie wirklich einen Reim machen?
Paolo Rumiz „Canto per Europa“; dabei meine ich die Form (Homers Verstechnik, in die italienische Sprache geschmuggelt), nicht die Botschaft des Buches.
Ein Fall für Commissario Vernatschio. Wie erklären Sie einem Außerirdischen die geheimnisvolle Banalität von Lokalkrimis?
Da muss ich passen – leider kenne ich den Commissario gar nicht – eine Bildungslücke... Eine Satire, die wie ich hier als Provoktion behaupte auch Krimi-Aspekte hat, könnte ich dem ET erklären: „Die Piefke-Saga“, von der Realität überholt. Aber zu den Lokalkrimis: von den Anfängen an boten die besten britischen Krimis auch schon viel Lokalkolorit, oft reine ländliche Idylle. Wohlfühlkrimis beruhigen, auch wenn die Provinz scheinbar besonders viel verbirgt an Fällen, die einen Commissario auf den Plan rufen....
Gewichtig! Welchen Buch-Tipps schenken Sie noch uneingeschränkt Vertrauen?
Neugierde, Gespräche mit „Eingeweihten“, Buchhandlungen (die den Namen noch verdienen), Lektüre von Feuilletons....und auf Rai 3 die Sendung „Fahrenheit“.
Die Ausgewanderte: Wir haben das Meer lange gefürchtet, dann haben wir es lieben gelernt. Die Ausgewanderte wird Zeugin vieler Fluchtrouten. Bis zum Tod der Mutter im Hochtal auf dem Bergbauernhof harrt sie auf einer unwirtlichen Mittelmeerinsel aus. Dort wird ihr in einer Hafenbar von der jungen Alaa ihre Passage von Libyen auf die Mittelmeerinsel erzählt. Foto: Edition LaurinWas für ein Fehlschlag! Welches Buch würden Sie auf einer einsamen Insel zurücklassen?
Raffinierte Frage: sie setzt voraus, dass ich mir das Buch aus irgendeinem Grund (und aus freien Stücken) irgendwie beschafft haben muss; ich gebe es hier unumwunden zu: ich bin am „Glasperlenspiel“ von H. Hesse gescheitert....
Das Rauschen des Blätterns. Welches Buch würden Sie auf keinen Fall am E-Book-Reader lesen?
Habe keine Erfahrungen mit einem E-Book-Reader. Kann mir aber nicht vorstellen, dass sich Antonio Lobo Antunes eignen würde, man denke nur an „Welche Pferde sind das, die da ihren Schatten werfen aufs Meer?“
Welches Buch zu Südtirol oder eines/einer Autors/Autorin aus Südtirol würden Sie unbedingt weiterempfehlen?
Claus Gatterer „Schöne Welt Böse Leut“.
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