„Das Bedürfnis zu verstehen“
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SALTO: Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit nachhaltiger geprägt, als Sie damals je geglaubt hätten?
Andreas Neeser: Zuhause gab es keine Belletristik. Meine Mutter sammelte Mondo-Punkte, die es ermöglichten, Sachbücher verbilligt zu erwerben. Die Fotos musste man selbst einkleben. „Ureinwohner am Amazonas“, hiess eines der Bücher, wenn ich mich recht erinnere. Vater las ab und an einen gekürzten Roman aus dem Programm von Reader’s Digest.
Mit Literatur wurde ich erst am Gymnasium konfrontiert. Baudelaire, Rimbaud, Flaubert, Maupassant in Französisch. Sterne, Blake, Pound, Poe in Englisch. Walser, Fontane und Rilke in Deutsch. Zum Glück war es da auch erlaubt, Texte NICHT zu verstehen.Welcher letzte Satz eines Romans ist und bleibt für Sie ganz großes Kopfkino?
„Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.“
Der letzte Satz aus „Malte Laurids Brigge“, Rilkes einzigem Roman. Der Satz ist so geheimnisvoll und vieldeutig wie der ganze Roman.
Ich habe erst einen Lokalkrimi gelesen. Und ja, ich hätte es bleiben lassen können.
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Morgengrauengewässer: Buchvorstellung am 14. Februar beim Südtiroler Künstlerbund. Foto: Südtiroler KünstlerbundReimen ist doof, Schleimen ist noch doofer… Auf welches – anscheinend gute – Buch konnten Sie sich nie wirklich einen Reim machen?
Am Gymnasium habe ich ja gelernt, nicht verstehen zu müssen. Aber das Bedürfnis zu verstehen, habe ich bis heute nicht überwunden. Deshalb ist „Finnegans Wake“ von James Joyce ungelesen. – Auch wenn das nicht an den Büchern, sondern an mir liegt: Texte, die mir das Gefühl vermitteln, ich sei zu blöd dafür, mag ich nicht.
Ein Fall für Commissario Vernatschio. Wie erklären Sie einem Außerirdischen die geheimnisvolle Banalität von Lokalkrimis?
Ich habe erst einen Lokalkrimi gelesen. Und ja, ich hätte es bleiben lassen können. – ABER: Lokalkrimis bringen literaturferne Menschen zum Lesen. Allein diese Tatsache rechtfertigt jede inhaltliche Banalität.
Ein Gespräch in literarischen Miniaturen: In Morgengrauengewässer führen der afghanische Exil-Autor Azizullah Ima und der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser einen intensiven, thematisch vielschichtigen literarischen Dialog. In Imas Miniaturen scheint immer wieder der Protest gegen Krieg und religiösen Fanatismus auf, während Neeser die Vorläufigkeit von Welt- und Identitätserfahrung reflektiert. In ihrem Zusammenspiel ergeben die Miniaturen ein faszinierendes west-östliches Gewebe. Foto: RotpunktverlagGewichtig! Welchen Buch-Tipps schenken Sie noch uneingeschränkt Vertrauen?
Den Buchtipps von schreibenden Freund(inn)en. Weil sie nie ihre eigenen Bücher empfehlen, sondern solche, die etwas mit ihnen gemacht haben. Das interessiert mich – literarisch und menschlich.
Was für ein Fehlschlag! Welches Buch würden Sie auf einer einsamen Insel zurücklassen?
„The Life and Opinions of Tristram Shandy“ von Laurence Stern, geschrieben in der Mitte des 18. Jahrhunderts. – Ich würde es schweren Herzens zurücklassen - in der Hoffnung, die einsame Insel werde irgendwann bevölkert und der vielleicht beste Roman ever das erste Buch der lokalen Bibliothek.
Das Rauschen des Blätterns. Welches Buch würden Sie auf keinen Fall am E-Book-Reader lesen?
Ich bin zu hundert Prozent Papierleser. Und ich werde es bleiben. (Schlimm genug, dass ich beim Schreiben den Bleistift längst dem Laptop geopfert habe.)
Welches Buch zu Südtirol oder eines/einer Autors/Autorin aus Südtirol würden Sie unbedingt weiterempfehlen?
Alle Lyrik von Sepp Mall. Seine Gedichte sind ganz Südtirol und ganz Welt. – Und dann natürlich Malls ans Herz gehender Roman „Ein Hund kam in die Küche“. Ein Wurf.
Die AutorenAzizullah Ima, 1963 geboren, studierte Pädagogik in Kabul und war Chefredakteur der Tageszeitung DARIZ. Als 1996 die Taliban die Macht übernahmen, mus ste er Afghanistan verlassen. Seit 1999 lebt er in der Schweiz. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte auf Persisch publiziert.
Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik in Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses. Sein umfangreiches literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der RAI Bozen beim Lyrikpreis Meran.Weitere Artikel zum Thema
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