Gesellschaft | Eiertreter*in

Brüder und Schwestern Italiens

Alle vier Jahre diese zähe Diskussion: Darf oder muss ein*e gestandene*r Südtiroler*in auf dem Goldtreppchen die walsche Hymne singen? Hier ist die Lösung für die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag der Community und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Medaillenspiegel
Foto: Pixabay/Goggel Totsch
  • Olympia - also diese Umverteilung von walschem Steuergeld zum IOC im schweizerischen Lausanne - geht mir am Arsch vorbei. Das ist wie mit dem Hintertoler Sepp pippln gehen: Er baut sich einen Komotten aui und du darfst die Zeche zahlen. Deshalb schalte ich auch kein TV ein und scrolle bei Olympia-Nachrichten demonstrativ weiter.

    Bei den Doppelsitzern in Cortina bin ich aber dann doch schwach geworden. Also weniger, um mitzufühlen, was so 30 Millionen teure Goldmedaillen ausstrahlen (also 120 Millionen Baukosten geteilt durch vier), sondern wie unsere Rodler*innen auf dem Siegertreppchen das „Fratelli d’Italia…“ anstimmen. Wir haben ja in der Vergangenheit, also bei Turin 2006, schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Wer erinnert sich noch an Gerhard Plankensteiner und seinen unglücklichen Sager auf die Frage eines italienischen Reporters, ob er bei einem Sieg dann den „Inno di Mameli“ gesungen hätte: „Non konoschko kueschta Kanzone“? Apriti cielo!
    Kann heute nicht mehr passieren. Dafür sorgt schon unser Vorzeige-Karpf Armin. Rodler aus der Piefkei oder dem Hoametl absolvieren in etwa folgendes Training: Trockentraining. Bahntraining. Physio. Trocken. Bahn. Die italienische Mannschaft, pardon, die Südtiroler Buabn und Madlr, haben es da unendlich schwerer. Deren Training sieht meistens so aus: Trocken. Bahn. Singen. Hymnentext lernen. Rhetorik. Physio. Bahn. Italienisch für Anfänger. Diplomatie auf Level C2 …
    Letztere muss deshalb geschult werden, damit du eine Antwort parat hast, wenn der Faschist hinter dem Mikrofon die gemeinste aller Fangfragen stellt: „Ma voi vi sentite Italiani?“ Gut, das passiert dir als Südtiroler*in nicht nur bei Olympia, sondern auch im „Bagni Sergio“ von Cattolica, in der Osteria „Nonna Norma“ von Vigevano und eigentlich überall, wenn du südlich von Salurn reist.

    Das mit dem Singen war auf jeden Fall top! Immer wieder ergreifend, wenn die Sorelle mit blutrünstigen, todesverachtenden Worte die Fratelli besingen. Bei uns herrscht noch das Patriarchat! Nix mit Wokeness, nix mit „Heimat großer Töchter und Söhne“ wie bei den E-Streichern (die nicht anständig skifahren oder rodeln können).
    Dann noch ein Selfie mit Mattarella. Ich würde sagen, unsere Sommersaison mit dem walschen Gast ist gerettet. Als Topping fehlt jetzt nur noch die ennesima Pressemitteilung vom Inschpruckkker mit Migrationshintergrund, dass sich fremde Hymne singen für einen gestandenen Tiroler nicht gehört und wir doch bitte eine Landessportgruppe aufbauen sollten. Damit der Südtiroler Gummigigger im Medaillenspiegel irgendwo zwischen Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß-Rot aufscheint. Ich meine, mit dem neuen Eiskanal in Cortina, der uns bis 2341 jedes Jahr 1,5 Millionen Grenzgelder kosten wird, hätten wir Aussicht auf eine ganze Medaillenbank. Des Weiteren haben wir Skifahrer, Snowboarder, Snowboard-Crosser, Eiskunstläufer... Gut, in den Sportschulen in Mals, Sterzing oder der Sportklasse der WFO Meran müsste mehr Gewicht auf Shorttrack und Curling gelegt werden. Beim Skispringen, Langlauf und den Moguls hinken wir auch hinterher - aber sonst …
     

  • Zu Mantua in Banden...

    Wie geil, wenn dann bei der Stockerlzeremonie unser Halfpiper aus voller Kehle und mit Inbrunst „Zu Mantua in Banden“ singt. Den TV-Kommentatoren des deutschen Sprachraums werden sich die Zehennägel aufrollen. Schon in der ersten Strophe: „Es blutete der Brüder Herz, Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz!“
    Subversiv wie ich nun einmal bin, würde ich auf die Melodie der Tiroler Landeshymne den Text von „Dem Morgenrot entgegen“, ein Kampflied der Arbeiterbewegung, geschrieben 1907 vom Bremer Lehrer und Sozialdemokraten Heinrich Eildermann, grölen. Und meine Medaille würde ich allen wohnungssuchenden, hungerlohnbezahlten Buggler in der Tourismusindustrie widmen. Und natürlich würde ich der Medienkrake kein Siegerinterview geben. „Die soziale Mitte der SVP“ würde aus Rührung heulen wie ein Schlosshund. Man muss es leider sagen, zwischen all den rechts-rechten Nazi-Ablegern im Landtag ist „Die soziale Mitte der SVP“ die Einzige, die sich um die Belange der Arbeiterschaft kümmert. Ich schweife ab.

    Nazi-Ableger ist ein schönes Stichwort. Olympische Fahne, Olympiahymne, Eid und Einmarsch der Nationen wie beim Reichsparteitag … Moment! War es 1936 nicht Idee der Nazis eine brennende Fackel vom griechischen Olympia von Läufern durch ganz Europa bis nach Berlin tragen zu lassen. Jetzt erst verstehe ich, warum die Schützen samt Fuhn vor den vorbeilaufenden Tedofori Attenti! gestanden sind.

    Brauchen wir im Zeitalter des Postfaktischen noch so etwas wie eine Nation? Ist nicht „America first“ das neue Braun? Donald zeigt uns jeden Tag, was wirklich wichtig ist: Ich!
    Diese Südtiroler Heimattümelei ärgert mich. Wir müssen weg von diesen Nationalismen, hin zum Individuum. Die Schwurbler machen’s uns vor. Ich meine, bei Olympia gibt es nicht mal Preisgelder. Der Domme riskiert sein Leben, wenn sich 13 Sekunden nach dem Super-G-Start plötzlich seine Bindung öffnet. Es wäre nur recht und billig, dass er seine Kunst maximal zu Geld machen darf.
    Deshalb, Medaillenspiegel ja, aber dann anhand der Sponsoren der Sporthelden dieser durchkommerzialisierten Veranstaltung:

    Red Bull: 8x Gold, 1x Bronze.
    Atomic: 4x Gold, 3x Silber, 2x Blech.
    Uvex: 4x Gold, 1x Silber, 1x Bronze.

    Korrigieren Sie mich, aber haben nicht einige Südtiroler Sportler einen lokalen Kopfsponsor, wie Finstral oder Raiffeisen? Macht sich sicher gut:

    Hydrauliker Peter Vorderwieser & Ko KG: 1x Bronze.

    Einmarschiert wird dann nicht unter den fünf olympischen Ringen, sondern unter den vier Ringen von Audi. Weg mit dieser neutralen Bandenwerbung. Coca Cola und Visa und Samsung als Arschsponsor. Verzeihen Sie mir einen Einschub. Ich habe mich ja weggeschmissen, als ich mitbekommen habe, dass das Südtirol-Haus vom Wettkampfgelände zur Biathlon-Gaudi in Antholz/Mittertal ausgelagert wurde. Sie wissen schon das 227 m² Fertighaus, das immer hinter der Zuschauertribüne thront, und in dem unsere Südtiroler Qualitätsprodukten kredenzten werden? Einlass nur auf Einladung.
    Da merkt man sofort wieviel Südtirol in der Anterselva Biathlon Arena übrig geblieben ist. Wundert mich nicht. Wer hat das Sponsoring-Paket für 3,4 Millionen Euro Steuergeld ausgeschnappst: IDM – Inkompetente Dämliche Marketingfuzzies. Genau, deshalb heißt es auch nicht Südtirol-Haus sondern ganz Denglisch „Südtirol Home“.
    Werden eigentlich die 3,4 Millionen vom Budget der Privilegienabgreifer und Subventionsritter abgezogen? Schließlich werden wie üblich nur Wein, Speck und Äpfel beworben. Dann gibt es dieses Jahr für unsere armen Bauern 15 Fendt, 5 Deutz Fahr und 384 Same-Traktoren weniger. Um ehrlich zu sein Peanuts - also wenn man sich mal die olympische Milchmädchenrechnung unserer Landesregierung zu Gemüte führt. - Aber bei den Lehrergehältern knausern.

  • Coca Cola went to town...

    Hat nicht die IOC-Tante bezüglich des ukrainischen Skeletonfahrers und seinem Gedenk-Helm verlauten lassen, Politik habe bei Olympia keinen Platz? Das ist ein Wort! Ich möchte in Antholz weder den Gouverneur of the Autonomous Province of Bolzano/Bozen – South Tyrol sehen, noch seinen Adlatus den Beton-Daniel. Der soll gefälligst im zugestauten Pustertal den Verkehr regeln.
    Wir brauchen Brot und Spiele. Kommerz! Was sollen wir da mit Politikern und Sportfunktionären wie dem Alex? Hat der nicht in den Neunzigern in der Bozner Stadthalle ein ATP-Turnier an die Wand gefahren? Wohl keine Ahnung von Sport und Big Business? Der weiß sicher nicht einmal, wie die Hymne von Coca-Cola lautet:

    Coca Cola went to town
    Diet Pepsi shot him down
    Dr. Pepper picked him up
    Now we’re drinking 7-Up [Bloß keinen sauren Verna(t)sch]

    Prost!