Der Blick auf die Dinge
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Women See Many Things ist ein fotografischer und visueller Erfahrungsraum, der jungen Frauen von der Swahili Coast eine Stimme verleiht.
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Der Blickwinkel - die Blickwinkel
Der bekannte Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) reiste in jungen Jahren nach Algerien und knipste mit seiner kleinen Kamera Land und Leute. Die beeindruckenden Aufnahmen geben einen wachen Blick des jungen Franzosen auf die 1950er Jahre im Norden Aftikas. Doch es ist eben auch ein auschließlich europäischer Blick. Auch ein sehr männlicher.
Wie Europa, insbesondere Südtirol, das Thema Kolonialismus in Vergangenheit und Gegenwart thematisiert, zeigte vor rund einem halben Jahr auch ein Ausstellungsprojekt in der Bozner Arge/Kunst, wobei vor allem über das Denken und Schaffenswerk des Psychiaters, Politikers, Schriftstellers, Philosophen und Vordenkers der Entkolonialisierung Frantz Fanon debattiert wurde. Welche fotografischen Blicke nun aber Frauen bieten auf die afrikanischen Länder Kenia, Tansania und Mosambik eingefangen haben, kann derzeit in der Stadtgalerie in Bozen bestaunt werden. Ehrlich und ungeschönt.
Im Fokus steht die Swahili Coast, ein Küstenstreifen zwischen Land und Meer, der sich entlang des östlichen Kenias über Tansania bis in den Norden Mosambiks erstreckt. In diesen Grenzregionen leben insbesondere junge Frauen zwischen zwanzig und dreißig Jahren in einer komplexen Realität, in der neue Ambitionen und Unsicherheiten auf tief verwurzelte Traditionen und gesellschaftliche Erwartungen treffen. Wie sie ihr Land und ihre Mitmenschen sehen, haben sie im Rahmen eines Projekts festgehalten.
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Das Engagement
Beim Rundgang durch die am vergangenen Freitag eröffnete Ausstellung Women See Many Things schildert Franco De Giorgi von der Organisation WeWorld zunächst sein langjähriges Engagement als Arzt und Mitarbeiter zu einem Projekt im globalen Süden. SALTO hat ihn danach gefragt, denn sein Einsatz ist keine Selbstverständlichkeit. „Seit über vier Jahrzehnten engagiere ich mich bei internationalen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit“, erzählt er. Das Interesse entstand während der Zeit an der Universität in Padua, als er einen Vortrag von Amílcar Cabral besuchte. Diese Begegnung beeindruckte De Giorgi nachhaltig und weckte sein Interesse an Afrika.
Seine erste Auslandserfahrung führte Franco De Giorgi für drei Jahre nach Guinea-Bissau. Insgesamt verbrachte er mehrere Jahre in verschiedenen afrikanischen Ländern, unterbrochen von Tätigkeiten in Italien, insbesondere im Krankenhaus Bozen, wo er viele Jahre lang in der Notaufnahme arbeitete. Seit seiner Pensionierung reist er wieder regelmäßig nach Afrika und in andere Krisengebiete. Er will: Hilfe leisten und Unterstützung anbieten.
Und wie finanziert er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter laufende oder neue Projekte? „Bereits 1991 verabschiedete die Provinz Bozen als erste lokale Körperschaft Italiens ein eigenes Gesetz zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten im globalen Süden. Das Anfangsbudget betrug 1,5 Millionen Lire und wuchs im Laufe der Jahre kontinuierlich“, erzählt De Giorgi. Im Jahr 2025 beläuft sich das Budget auf rund 2,5 Millionen Euro. Das ist stattlich, aber immer noch zu wenig. „Im Vergleich dazu verfügen größere Regionen wie die Lombardei oder Venetien über deutlich geringere Budgets für Entwicklungszusammenarbeit.“
Die AusstellungDann geht es längs der Fotos an der Wand um Swahili, um die Sprache und Kultur: sie stehen verbindend im Zentrum der Ausstellung. Franco De Giorgi berichtet zum Fotoprojekt entlang der ostafrikanischen Küste, von der gemeinsamen Sprache, der kulturellen Identität, afrikanischen Traditionen, dem historisch moderaten, friedensorientierten Islam, aber auch von massiver Gewalt durch islamistische Gruppen, von Terroranschlägen und Destabilisierung.
„Women See Many Things ist ein fotografischer und visueller Erfahrungsraum, der jungen Frauen eine Stimme verleiht.“ Die gezeigten Fotos sind das Ergebnis mehrerer Workshops zur partizipativen Fotografie, die von der Fotografin Myriam Meloni konzipiert und geleitet wurden. Über 30 Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren nahmen daran teil.
Die Fotos spiegeln nicht nur die Lebensrealitäten der Frauen wider, sondern sind zugleich ein Instrument des Wandels, hinterfragen Stereotype und selbstbewusst den eigenen Platz in der Welt – stets die eigene Perspektive dokumentierend, Widersprüche sichtbar machend und positive Aspekte ihrer Kultur hervorhebend.
„In jedem der drei Länder wurden jeweils zehn Mädchen ausgewählt und in Fotografie geschult“, erzählt De Giorgi. „Die Teilnehmerinnen kamen überwiegend aus einfachen Verhältnissen und produzierten spontane, authentische Bilder.“ Am Ende fiel die Auswahl zur Ausstellung auf jeweils drei Fotoprotagonistinnen, die mit ihren Fotos das jeweilige Heimatland sichtbar machen.
Ferne Welten nahe bringen
Swahili und Fotografie verbindet: Ein Fotoprojekt entlang der ostafrikanischen Küste in Kenia, Tansania und Mosambik. Foto: SALTO/HMDas Fotografie-Projekt ist nur ein kleiner Teil eines größeren Friedensprogramms. In der mosambikanischen Provinz Cabo Delgado zeigt das gemeinsame Zusammenkommen junger Frauen, wie zentral Haus- und Care-Arbeit für den Zusammenhalt der Gemeinschaften ist. In der Grafschaft Kwale in Kenia wird die Eroberung des öffentlichen Raums zu einem revolutionären Akt: Motorradfahren, Damespielen am Straßenrand oder Gespräche vor Bars, die traditionell Männern vorbehalten sind. In Mkinga in Tansania entscheiden sich die Frauen bewusst dafür, ihre Arbeit als Algenbäuerinnen mit Stolz darzustellen.
„In Kenia gibt es beispielsweise begleitend Schulungen, um Friedensinitiativen in Gemeinden umzusetzen. Insgesamt wurden dazu rund 600 junge Menschen mobilisiert“, erläutert De Giorgi. „Wir setzen auf kulturelle Werte, Dialog und Inklusion.“
In allen angeführten Regionen ist der Kanga ein traditionelles Kleidungsstück für Frauen. Die Muster unterscheiden sich, enthalten jedoch stets einen aufgedruckten Schriftzug, der eine Botschaft an die Gemeinschaft oder die Familie vermittelt und den Stoff sozusagen „zu einem Manifest macht.“ Einige sind in der Ausstellung zu sehen.
Das Projekt wird vom Amt für Freiwilligenwesen und Solidarität begleitet und durch die Autonome Provinz Bozen unterstützt. Es zeigt, wie lokale politische Entscheidungen und das Engagement von Menschen eine wichtige globale Wirkung entfalten können.
AusstellungWomen See Many Things
Bis 5. März in der Stadtgalerie Bozen.Weitere Artikel zum Thema
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