„Schon die EM-Teilnahme war ein Erfolg“
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SALTO: Herr Podini, der Einzug Italiens in die Hauptrund bei der WM im letzten Winter war eine kleine Sensation. Warum ist es diesmal nicht gelungen?
Stefano Podini: Im Vergleich zur WM sind die Europameisterschaften und die dabei teilnehmenden Mannschaften auf einem viel höheren Niveau. Die Mannschaften unserer Gruppe in Kristianstad sind viel besser als die Vorrunden-Gegner letztes Jahr. Deswegen ist es bei einer EM viel, viel schwerer in die Hauptrunde einzuziehen.
Was waren die vorab gesteckten Ziele der italienischen Nationalmannschaft bei dieser EM?
Wir haben die Resultate der letzten zwei Jahre gut analysiert, um an den richtigen Stellen feilen zu können. Leider hat man immer wenig Zeit, um in der Nationalmannschaft zu arbeiten, da die Spieler das restliche Jahr bei ihren jeweiligen Vereinen im Einsatz sind.
Wir wollen langfristig auf einem noch höheren Niveau spielen.
Die individuellen Spieler haben sich allerdings auf internationaler Ebene sehr gut entwickelt und deswegen hatten wir die Erwartung, mit den gegnerischen Mannschaften gut mithalten zu können. Wir wollen langfristig auf einem noch höheren Niveau spielen, was wir bereits in den Vorbereitungsspielen gegen Rumänien und die Färöer-Inseln gezeigt haben.
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Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf der EM?
Sehr zufrieden. Schon die EM-Teilnahme war ein Erfolg. Und wenn man alles in Betracht zieht – die Qualität unserer Gegner und einige verletzungsbedingte Ausfälle, die uns zu schaffen machen – haben wir gute Resultate erzielt, auch wenn wir zwei Mal verloren haben. Vor sechs Monaten konnten wir nur davon träumen gegen Nationen wie Island oder Ungarn zu spielen und jetzt sind die italienischen Spieler niedergeschlagen, weil sie sogar an einen Sieg geglaubt haben. Das ist das richtige Mindset.
Was ist das Ziel beim nächsten Spiel gegen Polen?
Wir werden auch diesmal dieselbe Herangehensweise haben: Wir gehen auf den Platz, um zu gewinnen. Wir wissen, dass die polnische Mannschaft auf einem höheren Niveau spielt als wir. Nichtsdestotrotz werden wir nichts verschenken und unsere Haut teuer verkaufen, wie man so schön sagt. Unser Ziel bleibt, jedes Spiel zu gewinnen. Deswegen sind wir hier.
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Zur Person
Stefano Podini war selbst als Handballer aktiv. Er spielte unter anderem für Bozen und Triest. Danach war er für mehrere Jahrzehnte im Management des SSV Bozen tätig. Seit 2024 ist er Präsident des italienischen Handballverbandes (FIGH).
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Wie hat sich der Erfolg bei der WM 2025 auf den Handballsport in Italien ausgewirkt?
Es war wichtig, dass wir auf europäischer Bühne zeigen konnten, einige wirklich gute Spieler in unseren Reihen zu haben. Inzwischen sind etwas mehr als zehn unserer Nationalspieler bei Vereinen im Ausland engagiert. Dort können sie mit über 50 Spielen pro Jahr mehr als doppelt so viel Spielerfahrung sammeln wie in Italien und sich auf hohem Niveau weiterentwickeln. Bei anderen guten Nationen wie Island, Slowenien und Kroatien spielen 90 Prozent der Nationalspieler im Ausland. Parallel dazu müssen wir auch in Italien die Jugendarbeit machen, damit die nächsten Generationen gute Handballer hervorbringen können. Auch bezüglich der Sponsoren konnten wir einen Schritt nach vorne machen, auch wenn es dort noch immer Verbesserungspotential gibt.
Wie sehen Sie allgemein die Entwicklung des Handballs in Italien in den letzten Jahren?
Ich schätze die Entwicklung als sehr positiv ein, auch anhand der Resultate, die wir erreichen konnten.
Eine neue Mentalität ist da und wir haben den richtigen Weg eingeschlagen.
Unser Projekt, welches sich auf junge Talente auf italienischer Ebene als auch in den einzelnen Regionen fokussiert, trägt die ersten Früchte: Mit der U17-Damenmannschaft haben wir uns für die U-19-EM qualifiziert und auch bei der nächsten U-18-Europameisterschaft der Herren ist Italien dabei. Außerdem konnten wir uns für die Herren-WM letztes Jahr und die gerade stattfindende EM qualifizieren. Diese Qualifikationen hat es in den vorherigen Jahren nicht gegeben, was beweist, dass eine neue Mentalität da ist und dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.
Was sind die aktuellen Programme des Verbands, um den Handballsport voranzubringen?
Der Hauptfokus liegt auf unserem „Progetto dei Talenti“. Parallel dazu konnten wir beim italienischen Sportministerium erreichen, dass die Disziplin Handball nach vielen Jahren wieder in das „Giochi della Gioventù“-Programm eingegliedert wurde. Dadurch können wir bereits in den Grundschulen ansetzen, um junge und flinke Sporttalente an den Handballsport heranzuführen.
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Verdient man als italienischer Handballprofi genug, um davon leben zu können?
Wenn man bei einem italienischen Verein spielt, gestaltet sich das aktuell noch etwas schwierig. Aber als guter Handballer kann man im Ausland bei einem Erstligisten, etwa in Deutschland, pro Monat einen mittleren vierstelligen Betrag verdienen. Das ist ein schönes Geld. Das verstehen auch die jungen Athleten so langsam. In etwa ist es mit Volleyball vergleichbar.
Wie finden Sie schlägt sich der Handballsport im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des italienischen Publikums?
Natürlich ist der Handballsport leider noch nicht vergleichbar mit Fußball, Basketball oder gar dem Tennis-Hype rund um Jannik Sinner. Aber vom Fernsehen haben wir bereits das positive Feedback bekommen, dass die regulären Handballspiele der Nationalmannschaft eine ähnlich hohe Einschaltquote haben wie die Volleyball- und Basketballspiele. Und auf meiner Reise nach Schweden habe ich zahlreiche italienische Fans getroffen, die ebenfalls auf dem Weg nach Kristianstad waren, um sich die Spiele vor Ort anzuschauen. Deswegen glaube ich, dass wir bereits einen Schritt nach vorne gemacht haben.
Wie steht es im Vergleich dazu um den Frauenhandball?
Der Erfolg der Männer-Nationalmannschaft hat natürlich auch positive Auswirkungen auf den Frauenhandball: Wenn Jannik Sinner gut spielt, dann ist das auch für den Damen-Tennissport gut.
In Italien gibt es einfach weniger Frauen, die Handball spielen.
Aber leider hinken wir beim Frauenhandball eine Stufe hinterher – wenn nicht sogar zwei. In Italien gibt es einfach weniger Frauen, die Handball spielen. Der Damenhandballsport ist einfach ein harter Sport und Sportlerinnen bevorzugen hierzulande Basketball oder Volleyball. Aber auch hier versuchen wir mit Hilfe eines Talentenprogramms die Situation zu verbessern.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Nationaltrainer Bob Hanning, der seit beinahe einem Jahr diese Funktion innehat?
Ich glaube, Bob Hanning zu engagieren war die beste Entscheidung, die der italienische Handballverband machen konnte. Er hat bei uns eine neue Mentalität und ein höheres Maß an Professionalität etabliert und mit seiner Hilfe konnten einige italienische Spieler den Sprung in die deutsche Bundesliga schaffen. Auch einige Verbesserungen im Juniorenbereich sind dem Nationaltrainer zuzuschreiben.
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Glauben Sie, dass es förderlich wäre, wenn Italien in naher Zukunft ein größeres Turnier wie eine EM austragen könnte?
Ja, und daran arbeiten wir bereits. Wir machen jetzt den Anfang mit der Junioren-EM und -WM in Italien. Aber die Austragung eines größeren Turniers ist auf jeden Fall Thema. Ich habe dazu bereits mit Michael Wiederer, dem Präsidenten der EHF (European Handball Federation), gesprochen und er hatte ein offenes Ohr dafür. Italien wäre für eine derartige Veranstaltung sicherlich ideal, weil wir einfach ein guter Markt für den Handballsport sind. Sehr wahrscheinlich würden wir ein solches Turnier in Kooperation mit anderen Ländern austragen, wie Slowenien oder Österreich. Aktuell ist es noch ein work in progress.
Wie sehen Sie die Chancen, dass so ein Turnier teilweise in Südtirol ausgetragen werden könnte?
Das hängt von vielen Faktoren ab. Natürlich befürworte ich die Austragung von Spielen in Südtirol, schließlich haben wir viele schöne Hallen. Aber für ein solches Großereignis braucht es facilties, eine gute Fluganbindung in Bozen, Logistik und Mobilität spielen hierbei auch eine wichtige Rolle. Aber wieso nicht? Südtirol hat bereits 1998 die Europameisterschaften ausgetragen und 2001 Spiele der Damen-WM.
Südtirol bleibt sicherlich eine der Top-Regionen für den italienischen Handball.
Wie wichtig war Südtirol für die Entwicklung des Handballs in Italien?
Südtirol war gewissermaßen der Wegbereiter für den italienischen Handball in Italien. Da muss man sich nur die erste italienische Liga ansehen: Bei der Männerliga spielen vier Südtiroler Teams mit. Und auch bei den Jurorenmeisterschaften der letzten Jahre waren die Südtiroler Mannschaften immer gut dabei. Das bedeutet, dass in Südtirol im Handball sehr gut gearbeitet wird. Mit der Zeit ist der Handball auch in anderen Regionen wie dem Veneto und der Emilia-Romagna größer geworden. Südtirol bleibt aber sicherlich eine der Top-Regionen für den italienischen Handball.
In Italien stehen die olympischen Winterspiele kurz bevor. Glauben Sie, dass Italiens Handballer eine Chance haben bei den nächsten olympischen Sommerspielen 2028 in LA dabei zu sein?
Ich sage immer, träumen ist nicht verboten und deswegen träumen wir davon, bei Olympia in zwei Jahren dabei zu sein. Jedoch nehmen nur zwölf Mannschaften an den olympischen Spielen teil und von denen sind wahrscheinlich nur sechs europäische Mannschaften dabei. Das heißt wir müssten bei den Europameisterschaften 2028 unter die Top 6 kommen, was äußerst schwer sein wird. Aber alles ist möglich! Und es ist sicherlich etwas, worauf die Nationalmannschaft hinarbeitet. Denn jeder Spieler träumt von einer Olympia-Teilnahme.
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