Kultur | NS-Zeit

Die Klage der Historikerin

Die Südtiroler Schützen-Historikerin Margareth Lun hat den Wiener Historiker Michael Wedekind verklagt. Der Grund: Eine Fußnote im Gutachten zur Tiroler Blasmusik in der NS-Zeit.

Margareth Lun will sich derzeit nicht äußern. „Ich rede wenn der Prozess vorbei ist“, sagt die Eppaner Historikerin. Nur soviel: „So etwas lasse ich mir sicher nicht gefallen“.
Der Prozess, den Margareth Lun angestrengt hat, ist vordergründig ein Rechtsstreit zwischen zwei promovierten Historikern. Offiziell geht es in dem Gerichtsstreit um eine Fußnote, die für die Betroffene den Strafbestand der Verleumdung erfüllt.
In Wirklichkeit geht es aber um weit mehr. Es ist der Versuch ein wissenschaftliches Gutachten, das die politischen Verwicklungen renommierter Tiroler Blasmusik-Komponisten in der NS-Zeit detailliert dokumentiert, als unseriöses Machwerk darzustellen. Man kann es durchaus auch als Schachzug der patriotischen Szene sehen, einen unbequemen Kritiker mundtot zu machen. Was mit Hilfe der Nordtiroler Landespolitik auch zu gelingen scheint.

Die Kontrahenten

Die Eppanerin Margareth Lun hat in Innsbruck Geschichte studiert und dabei eine Dissertation um der NS-Zeit in Südtirol geschrieben. 2004 erschient ihr Buch „NS-Herrschaft in Südtirol - Die Operationszone Alpenvorland 1943-1945“ im Innsbrucker Studienverlag.
Lun gehört dem Südtiroler Volkstumslager an. Sie ist nicht nur Ehrekranzträgerin und Fahnenpatin von Schützenkompanien, man kann sie inzwischen auch als offizielle Historikerin des Südtiroler Schützenbundes betrachten. Politisch steht sie der Süd Tiroler Freiheit nahe und tritt für diese Bewegung auch immer wieder bei Parteiveranstaltungen auf.
Neben der NS-Zeit hat sich Margareth Lun in den letzten Jahren auf die Aufarbeitung der Südtiroler Bombenjahre gestürzt. Seit Jahren bewegt sich in der Südtiroler Patriotenszene kaum ein historisches Blatt ohne dass die Eppaner Historikerin die Finger mit im Spiel hat. Salopp gesagt: Margareth Lun schickt sich an, ein Poldi Steurer der Südtiroler Rechten zu werden. Nur mit deutlich wenige Resonanz in der Geschichtswissenschaft.
Auf der anderen Seite steht Michael Wedekind. Der deutsche Historiker hat in Münster, Bologna, Perugia und Bukarest studiert und arbeitet nach Gastprofessuren in Münster, Trient und Budapest als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Uni Wien. Im vergangenen August erhielt Wedekind einen offiziellen Auftrag des Landes Tirol.
Seit 2012 tobte jenseits des Brenners eine heftige Kontroverse um die Verquickung bekannter Tiroler Blasmusik-Komponisten in der NS-Zeit. Mehrere Tiroler Historiker und Musikwissenschaftler, sowie der Nordtiroler Publizist Markus Wilhelm haben durch Dokumente, Fotos und Zeitzeugen die Tiroler Komponisten und Blasmusik-Säulenheiligen Sepp Tanzer und Eduard Ploner aus Sterzing als willfährige Gesinnungsgenossen der Nazis entlarvt. Auch der Südtiroler Landeskapellmeister Sepp Thaler hat sich in diesen Jahren alles andere als mit Ruhm bekleckert.
Im Frühjahr 2013 erteilte die Nordtiroler Kulturlandesrätin Beate Palfrader an Michael Wedekind den Auftrag, die Verstrickung der Tiroler Komponisten mit dem NS-System und die Geschichte der Tiroler Blasmusik in der NS-Zeit aufzuarbeiten. Nachdem die Diskussion auf Südtirol überschwappte, wurde der Gegenstand des Gutachtens auch auf Südtirol ausgeweitet.
Im August 2013 legte Michael Wedekind den ersten Teil und im Oktober 2013 auch den zweiten Teil seines Gutachtens vor. Wenig später veröffentlichte Palfrader das gesamte Gutachten auf der Hompepage der Nordtiroler Kulturabteilung.

Fußnote 61

Michael Wedekinds Gutachten ist eine fundierte und bestens dokumentierte Expertise, die die mannigfaltigen Verstrickungen des Tiroler Blasmusikwesens in der NS-Zeit darstellt. Darüber hinaus aber setzt sich der Historiker auch mit der wissenschaftlichen Rezeption der Akten der „Kulturkommission Südtirol des SS-Ahnenerbes“ auseinander.

Wedekind nimmt sich in seinem Gutachten dabei kein Blatt vor dem Mund. Auf Seite 61 schreibt er in einer Fußnote:

Es ist die Stelle in der es jetzt im der Klage von Margareth Lun geht. Die Historikerin will sich gegen die Beschreibung ihrer Arbeit als „weithin plagiiert“ gerichtlich zur Wehr setzen. Die Klage soll vor dem Landesgericht Innsbruck verhandelt werden. Lun lässt sich im Verfahren von dem aus FPÖ- und Burschenschafter-Milleu kommenden Anwalt Franz Watschinger vertreten.

Ziel erreicht?

Bei der Klage geht es aber um weit mehr, als nur um die verletzte Ehre eine Historikerin.
Den patriotischen Kreisen in Süd- und Nordtirol ist die Diskussion um die NS-Verquickung der Tiroler Blasmusik und Volkskultur seit langem ein Dorn im Auge. Vor allem die Bezeichnung „Südtiroler Schützenbund mit seinem rechsradikalen Umfeld“ sehen die Betroffen als klaren Affront.
Dass dieses Gutachten auf der Homepage des Landes seit Monaten öffentlich zugänglich ist, stößt den Mandern bitte auf. Mit der Klage will man deshalb auch erreichen, dass das Gutachten aus der Öffentlichkeit verschwindet.
Diesem Ziel ist man bereits näher gekommen. Man sucht das Wedekind-Gutachten inzwischen online vergeblich. Denn das Nordtiroler Kulturamt hat Wedekinds Gutachten aus dem Netz genommen.
Wohl kaum ein Zufall.