Der Markt zeigt Trump die roten Linien
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Diese Drohung ignoriert jedoch eine unangenehme Realität: Ein großer Teil der sich in europäischem Besitz befindlichen US-Staatsanleihen gehört privaten Investoren. In einem Interview mit Fox Business kündigte Trump „harte Vergeltungsmaßnahmen“ an, sollten europäische Länder US-Staatsanleihen verkaufen, um Druck auf Washington auszuüben. Dabei bleibt unklar, ob es sich um eine Provokation handelte oder der Präsident an der Realität vorbeiregiert. Tatsache ist, dass das Weiße Haus wenige Stunden später in Bezug auf die Anti-EU-Zölle einen Rückzieher machen musste. Nach dem Treffen mit dem NATO-Generalsekretär folgte die Ankündigung, die Zollerhöhungen zurückzunehmen. Danach begannen die Renditen der amerikanischen Staatsanleihen zu sinken. Ein Timing, das einmal mehr bestätigt, dass der Markt Trump eine rote Linie gesetzt hat. Wieder einmal ersetzten die Finanzmärkte die zaghaften, wenn nicht gar unterwürfigen Ankündigungen eines Großteils der Politik des alten Kontinents. Allerdings ist die nächste Ankündigung sicherlich nur eine Frage der Zeit.
Die Androhung von Vergeltungsmaßnahmen stößt jedoch an ein Limit, das auch ohne Finanzfachwissen offensichtlich ist: Wie kann eine Regierung Investitionsentscheidungen privater Akteure bestrafen? Die überwiegende Mehrheit der in Europa gehaltenen Staatsanleihen befindet sich nämlich nicht in den Händen von Regierungen, sondern von Pensionsfonds, Banken, Versicherungen und Vermögensverwaltern – also von Akteuren, die ihren Kunden gegenüber verantwortlich sind und nicht politischen Vorgaben folgen.
Dänische Pensionsfonds haben beispielsweise bereits im vergangenen Jahr begonnen, ihr Engagement in Dollar und US-Wertpapieren als Reaktion auf die durch Trumps Politik verursachte Unsicherheit zu reduzieren. Dies war einzig und allein eine Entscheidung im Interesse der Rentner und keine geopolitische Waffe. So verkaufte etwa AkademikerPension langfristige US-Staatsanleihen im Wert von 100 Millionen Dollar. Dies war selbstverständlich keine feindselige Handlung, sondern Teil des Risikomanagements des Fonds. Nach Trumps Logik müsste dies jedoch Grund für Vergeltungsmaßnahmen gegen Dänemark sein. Hier prallen der Machtanspruch Trumps und die Logik der Finanzmärkte aufeinander. Dabei bräuchte es eigentlich nur ein bisschen gesunden Menschenverstand, um dies zu begreifen.
Auch andere nordeuropäische Fondsmanager und Pensionsfonds haben ihre Investitionen in Dollar reduziert und bevorzugen lokale Vermögenswerte. Diese Bewegungen sind durch finanzielle Vorsicht diktiert. Ironischerweise schafft Trump selbst die Bedingungen, die Investoren zum Verkauf veranlassen, und bedroht anschließend diejenigen, die verkaufen. Es ist besorgniserregend, dass nicht die demokratisch gewählten Regierungen der EU, sondern die geschmähten Finanzmärkte einen unberechenbaren Präsidenten bremsen müssen, der die grundlegendsten Wirtschaftsregeln missachtet.
Betrachtet man die Zahlen, so fällt auf, dass die europäischen Länder insgesamt rund acht Billionen Dollar in US-Wertpapieren und Finanzanlagen halten. Allein die NATO-Länder in Europa halten etwa 3,3 bis 3,6 Billionen Dollar an US-Staatsanleihen. Diese Summe ist mehr als doppelt so hoch wie die von Japan und China zusammen. Die größten Inhaber sind das Vereinigte Königreich, Belgien, Luxemburg, Frankreich und die Schweiz. Diese Abhängigkeit setzt Washington unweigerlich den Stimmungen internationaler Investoren aus.
In den Tagen höchster Spannungen wegen der Drohungen gegenüber Grönland kam es zu massiven Verkäufen von US-Staatsanleihen. Deren Renditen erreichten den höchsten Stand seit über vier Monaten, während die Börsen starke Einbrüche verzeichneten und die Gewinne von 2026 weitgehend zunichtemachten.
Bereits im Frühjahr 2025 war Trump gezwungen, bei den Zöllen teilweise zurückzurudern. Neben dem Einbruch der Wall Street kam es zu verstärkten Verkäufen von US-Anleihen. Wie die Analysten der Deutschen Bank damals feststellten, hatte der Markt das Vertrauen in US-Vermögenswerte verloren. Trump gilt seitdem als jemand, der mit großen Worten droht, aber angesichts einer harten Reaktion einen Rückzieher macht. Aber sich darauf zu verlassen, wäre aufgrund seiner Unberechenbarkeit der falsche Weg.
Zwar hat sich dieses Muster wiederholt, aber bei Trump kann man sich nie sicher sein. Frankreich, Großbritannien, Deutschland und andere europäische Länder schickten eine Handvoll Soldaten nach Grönland, woraufhin Trump im Februar Zölle in Höhe von 10 % ankündigte, die im Juni auf 25 % steigen sollen. Macron lehnte den Friedensrat für Gaza ab, woraufhin Zölle in Höhe von 200 % auf französische Weine angekündigt wurden.
In Davos bezeichnete Finanzminister Bessent sowohl die dänischen Investitionen in amerikanische Wertpapiere als auch Dänemark selbst als „irrelevant“. Doch die Überheblichkeit währte nicht lange, denn mit einer Verschuldung von über 38 Billionen Dollar ist Washington auf das Vertrauen der Investoren angewiesen.
Es funktioniert nicht, diejenigen zu bedrohen, die einem Geld leihen. Es ist absurd, Regierungen wegen Entscheidungen privater Verwalter zu bedrohen, die die Ersparnisse ihrer Kunden halten, verwalten und schützen. Vielleicht sollten Europas Politiker endlich den Mut haben, das Trump zu sagen.
Ein Beitrag von Alfred Ebner
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