Oh, I'm an alien, I'm a legal alien
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Ähnlich wie Luca Guadagnino, dessen letzter Film After the Hunt vor zwei Wochen an dieser Stelle besprochen wurde, kommt auch der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos nicht zur Ruhe. Drei Filme innerhalb von drei Jahren, in diesem Fall stets mit derselben Hauptdarstellerin. Emma Stone ist seit The Favourite eben das – das Gesicht dieser Filme, die mit Bugonia den Kurs von Kinds of Kindness weiterverfolgen, sprich sich am früheren Werk des Filmemachers orientieren, anstatt den Weg weiterzugehen, den er mit Poor Things im Jahr 2023 eingeschlagen hat.
In Bugonia ist das Zeitgeschehen näher als in vielen anderen Filmen des Regisseurs.
Heißt: Abermals präsentiert uns Lanthimos eine eigentlich simple Geschichte, die seltsam verdreht wird und ins Absurde abrutscht, sich darin suhlt, nicht schüchtern ist, zuzugeben, dass die Groteske längst auch in unserer Realität stattfindet, wir uns dessen aber nicht immerzu bewusst sind. In Bugonia ist das Zeitgeschehen näher als in vielen anderen Filmen des Regisseurs. Es handelt sich dabei um die Neuverfilmung des südkoreanischen Streifens Save the Green Planet von Jang Joon-hwan und all jene, das Original nicht kennen, können sich vor dem Anschauen von Bugonia glücklich schätzen. Denn der Film lebt trotz aller durchweg vorhandenen Stärken von einer großen Frage, deren Antwort wir recht eindeutig am Ende erhalten. Kennt man die Auflösung bereits, verliert die Geschichte einen großen Teils ihres Reizes. Deshalb wird auch in diesem Text möglichst wenig auf die Handlung eingegangen werden.
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Nur so viel: Emma Stone spielt Michelle Fuller, die in einer hohen Führungsposition bei einem Pharmaunternehmen arbeitet. Eines Tages wird sie von dem Verschwörungstheoretiker Teddy und dessen Cousin Don in ihrer Villa überfallen, entführt und im Keller von Teddys Haus gefangen gehalten. Der Grund: Teddy glaubt, Michelle sei ein Alien, das daran arbeitet, die Bienen unserer Erde zu vernichten, das Überleben der Menschheit zu gefährden und einen Plan zu verfolgen, dass sich eben diese Menschen den Außerirdischen beugen. Teddy führt die Aktion an, während Don, der geistig behindert ist, eher zum Handlanger verkommt. Sie rasieren Michelle den Kopf, denn durch ihre Haare, glauben sie, kommuniziert das Alien mit dem Mutterschiff. Das ist nur die Spitze des Eisbergs an abstrusen Annahmen, zweifelsfreien Argumentationen, hitzigen Diskussionen zwischen den Entführern und der Gefangenen.
Dennoch schafft es der Film visuelle Akzente zu setzen und Bilder zu schaffen, die hängenbleiben.
Yorgos Lanthimos inszeniert hier eine deutlich kleinere und übersichtlichere Geschichte als noch in seinen letzten Werken. Der Großteil der Handlung findet in Teddys Haus statt, vieles davon im Keller. Dennoch schafft es der Film visuelle Akzente zu setzen und Bilder zu schaffen, die hängenbleiben. Da wäre insbesondere Emma Stone, deren mit Antihistamin-Creme eingeschmierter Kopf ungesund glänzt. Die Schauspielerin verkörpert die Rolle mit großer Hingabe, schafft es die unterkühlte Vorstandsvorsitzende überzeugend zu geben, wie auch die in Not geratene Frau, die sich mit zwei Männern rumschlagen muss, von denen vor allem Teddy unberechenbar scheint. Was, wenn er nicht die Antworten bekommt, nach denen er verlangt? Wenn Michelle ihm nicht das geben kann, was er von ihr möchte? Wozu ist einer, der an Aliens glaubt, fähig?
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Natürlich erzählt Lanthimos hier unverblümt von der Gegenwart. Eine Geschichte wie diese könnte sich überall auf der Welt zutragen, besonders im Blick hat der Film aufgrund seines US-amerikanischen Szenarios aber die Vereinigten Staaten von Amerika. Das eigentlich Absurde daran ist: In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien völlig normal sind und ihnen teils prominent Gehör geschenkt werden – man denke nur an die Corona-Pandemie – scheint die Prämisse des Films gar nicht so abwegig.
Neben Emma Stone brilliert vor allem Jesse Plemons als Teddy.
So manch ein Verschwörungstheoretiker richtet sich gegen die Eliten dieser Welt, die, ähnlich wie Michelle in Bugonia, die Macht haben, über das Überleben vieler zu bestimmen – etwa in der Pharmaindustrie. Der Film fasst all diese Diskurse geschickt in zwei Stunden zusammen und destilliert sie zum typischen Lanthimos-Wahnsinn. Von Stamm-Kameramann Robbie Ryan wieder in Weitwinkelbildern eingefangene Dialogschlachten, dann wieder ruhige Momente, schließlich die Gewaltexplosionen, wie man sie bei Lanthimos immer wieder sieht. Neben Emma Stone brilliert vor allem Jesse Plemons als Teddy, der sich in den letzten Jahren stetig an die Spitze der aktuellen Schauspielgeneration der USA kämpft.
Bugonia ist wieder purer Lanthimos und zeigt den Mut, sich völlig dem Absurden hinzugeben. Das ist erfrischend und ein cineastischer Paukenschlag, gleichzeitig hat der Regisseur bereits angekündigt, nach diesem Film eine längere Pause einzulegen. Wir dürfen gespannt sein, mit welchen Geschichten er daraus zurückkehrt.
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