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Amtliche Gesinnungsschnüffelei

Der Untersuchungsausschuss will jetzt 240 Privatpersonen anhören, die 2018 einen Wahlaufruf für Arno Kompatscher unterzeichnet haben. Die Chronik einer politischen Farce.
Wir für kompatscher
Foto: Facebook
Am Dienstagnachmittag flatterte ein amtliches Schreiben mit dem Wappen des Südtiroler Landtages in den elektronischen Postkasten von Norbert Rier, Alexander von Egen, Erika Pallhuber, Hubert Messner, Karen Putzer, Stefan Ortner, Wolfgang Mayr, Gretl Pohl, Klemens Riegler oder Elke Burgauner.
Der Frontmann der Kastelruther Spatzen, der Kalterer Aristokrat, die Ok-Chefin der Biathlon-Rennen in Antholz, der pensionierte Neonatologe und Buchautor, die Welschnofner Ex-Skirennläuferin, der Direktor der Bozner Eurac, der Journalist und Salto-Kolumnist, die Bozner Musikschuldirektorin, der Veranstaltungstechnik-Unternehmer und die Ehefrau des ehemaligen Terlaner Bürgermeisters haben eines gemeinsam: Sie haben vor fast viereinhalb Jahren einen öffentlichen Wahlaufruf für Landeshauptmann Arno Kompatscher unterzeichnet.
Dasselbe Schreiben wurde am Dienstag per E-Mail an weitere 230 Ex-Politiker, Gemeindeverwalter und vor allem Privatpersonen versandt, die sich 2018 an der Kampagne zur Wahl von Arno Kompatscher beteiligt haben.
Die E-Mail ist eine amtliche Vorladung - pardon Einladung - zur Anhörung im Untersuchungsauschuss im Südtiroler Landtag.
Vor allem aber ist es eine Operation, die weit über Südtirol hinaus eine Einmaligkeit in der parlamentarischen Geschichte sein dürfte. Eine Aktion, die gleichzeitig - unabhängig von ihrer politischen Konnotation - die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit mehr als nur ausreizt und an die Gesinnungsschüffelei totalitärer Regime erinnert.
 

#wirneusnoi

 
Wie bereits im Wahlkampf 2013 hat sich auch vor fünf Jahren bei den Landtagswahlen ein breites öffentliches Unterstützerkomitee für Arno Kompatscher gebildet. Unter dem Motto „Wir für Arno Kompatscher. Gemeinsam für ein starkes Südtirol. #wirneusnoi“ haben 240 Personen mit ihrem Konterfei für den Landeshauptmann geworben. Als sogenannte  Testimonials erklärten sie, warum sie den amtierenden Landeshauptmann ihre Stimme geben werden. Dazu gab es eine eigene Facebook-Seite und Homepage, Inserate in den Medien und auch eine ganze Reihe von Veranstaltungen überall im Land.
 
 
 
Fast vier Jahre später, am 16. Juni 2022, hat der Südtiroler Landtag auf Antrag des inzwischen ins Parlament abgewanderten Fratelli-D`Italia-Abgeordneten Alessandro Urzì einen Untersuchungsausschuss zum Wahlaufruf von #WIRNEUSNOI“ anlässlich der Landtagswahl 2018 eingerichtet. Der Ausschuss weitet später auch auf Antrag der SVP seinen Untersuchungsgegenstand auf die Wahlkampfkosten aller Parteien und Bewegungen aus, die bei den Landtagswahlen 2018 angetreten sind.
Ein besonderes Augenmerk aber richtet vor allem der Kopf der Südtiroler Freiheit, Sven Knoll, in seiner Funktion als Mitglied des Untersuchungsausschusses auf den Kompatscher-Wahlkampf und die SVP-Spenden.
 

Absurde Fragen

 
Bereits vor Monaten wurde auch mit dem Stimmen der Regierungsmehrheit - für die SVP sitzt Helmuth Renzler im Untersuchungsausschuss - die Anhörung der 240-Kompatscher-Unterstützer beschlossen.
Im offiziellen Schreiben des Landtages an die 240 Personen heißt es:
 
„Sie scheinen als Unterstützer/in auf diesem Wahlaufruf zugunsten des Landeshauptmannes Arno Kompatscher auf.
Die Aufgabe des gegenständlichen Untersuchungsausschusses ist es zu prüfen, ob die Unterzeichner des Wahlaufrufs aus dem Jahr 2018 zugunsten des scheidenden (und dann wiedergewählten) Landeshauptmanns Arno Kompatscher seit der Veröffentlichung der Inserate seitens des Landes, der öffentlichen Körperschaften oder der Gemeindeverwaltungen, Aufträge, Ernennungen, Funktionen und Beauftragungen erhalten haben, oder ob Verträge abgeschlossen wurden bzw. eine entgeltliche oder unentgeltliche Zusammenarbeit welcher Art auch immer zustande gekommen ist.
 
Auf der Sitzung vom 30. September wurde ein Fragenkatalog beschlossen auf den die Angeschriebenen vorab antworten sollen. Es sind fünf absurde Fragen:
 
·  Wie ist es zu Ihrem rechtmäßigen Wahlaufruf gekommen?
·  Wurden Sie selbst aktiv, oder sind Sie kontaktiert worden?
·  Wenn ja, von wem?
·  Welche beruflichen Funktionen hatten Sie zum Zeitpunkt des Wahlaufrufes im Jahr 2018 inne?
·  Welche öffentlichen, ehrenamtlichen oder institutionellen Funktionen hatten Sie zum Zeitpunkt des Wahlaufrufes im Jahr 2018 inne?
 
Zudem laden wir Sie zu einer Anhörung im Unteruchungsausschuss ein. Ein genaues Datum dazu wird nach der Sammlung der eventuellen Zusagen mitgeteilt“, heißt es dann noch im Schreiben, das von Kommissionspräsident Sandro Repetto unterzeichnet wurde.
 

Der Generalverdacht

 
Der Untersuchungsausschuss des Landtages hat keine Vollzugsmacht. Das heiß: Sowohl die Beantwortung der Fragen als auch das Erscheinen vor dem Untersuchungsausschuss sind freiwillig. Demnach dürfte nur ein geringer Teil der Angeschrieben auf die Anliegen der Landtagsabgeordneten antworten.
 
 
 
 
 
Was aber gravierend ist: Das amtliche Schreiben kommt eindeutig einer Kriminalisierung von Menschen gleich, die sich politisch engagieren. Denn die Vorbemerkung und die Fragen unterstellen sowohl Arno Kompatscher als auch den Andressaten implizit, aber doch recht eindeutig den Strafbestand des Stimmenhandels („Voto di scambio“ - Art. 416ter StgB).
Ich werde einen Anwalt kontaktieren“, kündigt denn auch einer der vorgeladenen Ex-Politiker sichtlich verärgert gegenüber Salto.bz an.
Sicher ist: Das Schreiben ist ein Affront für jeden und jede, die es erhalten hat. Denn der Untersuchungsausschuss stellt damit 240 unbescholtene Bürger unter Generalverdacht. Zudem sollen sie ihre politischen Ansichten öffentlich rechtfertigen.
 

Billige Show

 
Dass es dabei mehr um eine billige Show geht als um eine seriöse Untersuchung, macht eine einfache Rechnung deutlich. Nehmen wir an,  Kompatschers Unterstützer und Unterstützerinnen entscheiden, geschlossen vor dem Untersuchungsausschuss zu erscheinen. Für jede Anhörung wird man - wenn man sie im Schnelldurchgang absolviert - mindestens 20 Minuten einplanen müssen. Das wären dann 80 Stunden Anhörungen. Bei einem Achtstundentag müssten die Landtagsabgeordneten damit 10 Tage lang dem Kompatscher-Fanclub zuhören.
 
 
 
Bedenkt man, dass der Terminkalender der meisten Ausschussmitglieder bereits voll ist, wird man allein für diese Anhörungen wohl an die drei Monate brauchen.
Einer Frage wird man sich aber in der Regierungsmehrheit und vor allem im Hause Volkspartei stellen müssen: Wie konnte man diesem unwürdigen Theater zustimmen?
Da in der Untersuchungskommission das gewichtete Stimmrecht gilt, hatten es SVP und Lega in der Hand gehabt, mit ihren 18 Stimmen dieses unwürdige Schaulaufen erst gar nicht zuzulassen.
Für die SVP sitzt Helmuth Renzler in der Untersuchungskommission. Er müsste wissen, dass die Gruppe „#WIRNEUSNOI“ nicht nur für Arno Kompatscher die Werbetrommel gerührt hat, sondern auch für die gesamte SVP-Landtagsliste.
Einer Frage wird man sich aber in der Regierungsmehrheit und vor allem im Hause Volkspartei stellen müssen: Wie konnte man diesem unwürdigen Theater zustimmen?
So gibt es ein offizielles Plakat, auf dem die jetzt vorgeladenen Unterzeichner eine großes SVP-Transparent halten. Darauf das Konterfei des Landeshauptmannes und darunter die Namen aller 35 SVP-Kandidatinnen und Kandidaten.
Gut zu Lesen steht da auch: Helmuth Renzler.
Demnach wird Helmuth Renzler in den nächsten Wochen jenen Menschen auf den Zahn fühlen dürfen, die auch für seine Wahl die Werbetrommel gerührt haben.
Eine faszinierende Vorstellung.