Kultur | Salto Afternoon

Schicksalhafte Sonnenwende 

Die Autorin Marlene Lobis hat an den heißen Sommertagen 2022 an einem Weihnachtsbuch geschrieben. Vor kurzem erschienen, soll es für herzerwärmende Weihnachtstage sorgen.
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Foto: Folio Verlag

„Thuma kehrt in Tag uma“, sagt man im Pustertal, am Tag der Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag des Jahres gilt als Todestag des am 21. Dezember (72 n. Chr.) verstorbenen Apostels Thomas. Seit „Jahrtausenden“ wird dieser Tag „feierlich begangen und ist mit zahlreichen Bauernregeln verbunden“ schreibt Marlene Lobis in ihrem Buch Südtiroler Weihnacht. Heute wäre demnach ein guter Tag zum Holzschlagen, zum Schlachten von Tieren oder zum Herstellen von Zelten, einem Weihnachtsgebäck. „Die Wintersonnwende wurde“ weiß Lobis zu berichten, auch „als Anlass für die Zukunftsschau genutzt“, denn es herrschte die Vorstellung, dass in der sogenannten "Tomasnacht", „der Vorhang zum Übersinnlichen offenstehe.“ Um Übersinnliches, vor allem um Besinnliches, geht es übrigens in ihrer Neuerscheinung immer wieder. Auf bunten und mit Bildern gut bestückten Seiten.
 

Für die einen ist es reine Information, für die anderen sind es kuriose Fakten oder gar Inspiration


„Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe viele Bräuche, auch Weihnachtsbräuche, am Hof miterlebt“, erzählt Lobis stolz. Viele dieser Bräuche wären ihr bei der Recherche zum Buch bereits bekannt gewesen, einiges war aber auch für sie neu, etwa die Nikolausspiele im Pustertal oder die Tradition zur Neujahrsentschuldigungskarte. Die Idee allerhand Weihnachtliches in ein Buch zu packen hatte ursprünglich die Historikerin Ursula Stampfer gehabt, die allerdings das Buchprojekt aus Zeitgründen absagen musste. Kurzerhand sprang Marlene Lobis ein und machte sich von April bis Juni 2022 ans Sammeln und Schreiben. Um allerdings an den heißen Frühsommertagen in Weihnachtsstimmung zu kommen, hörte sie Weihnachtslieder oder ging auf den Dachboden und wühlte in der dort abgestellten Truhe für Weihnachtsutensilien und Weihnachtsdekoration.
„Für die einen ist es reine Information, für die anderen sind es kuriose Fakten oder gar Inspiration“, kommentiert die Autorin das für jeden Tag – von Kathrein (25. November) bis Dreikönig (6. Jänner) – kalendarisch strukturierte, weihnachtliche Sammelsurium an Geschichten, Rezepten und Bräuchen. Immer wieder finden sich interessante Hinweise, beispielsweise dass der Advent bis 1917 eigentlich eine Fastenzeit war, sowie das üppige Beschenken am Heiligen Abend ursprünglich gar kein Brauch war, geschweige denn ein Muss
 


Der Zuschnitt des Buches habe „sich im Lauf des Schreibens entwickelt“, erinnert sich die Weihnachtsexpertin. Die Buchmacher*innen waren am Anfang „traditionell gestartet“, erst mit der Zeit wäre das Projekt „spritziger“ geworden. „Spannend war auch, dass das Verständnis bezüglich Kitsch beim Verleger, der Grafikerin und bei mir, ein vollkommen anderes ist.“ Beim Erarbeiten des Buches konnten somit Autorin und die anderen Beteiligten, ihren jeweils persönlichen Blick auf die Weihnachtszeit untersuchen, der mitunter fast bei allen, stark von Kindheitserinnerungen geprägt ist.
In Südtiroler Weihnacht geht es nicht nur um Krippen und Kekse, um Rorate und Panettone; der Schriftsteller Josef Oberhollenzer hat beispielsweise eine etwas andere Weihnachtsgeschichte geschrieben. Sie kann einen Tag vor der Wintersonnenwende im Buch nachgelesen werden (und demnächst auf salto.bz). 
 

Und wieder träumte sie, was sie in so vielen nächten schon träumt. Wie sie zwischen den bergen ist und geht und geht, wie sie nicht aus den bergen kommt. 
(Josef Oberhollenzer)


Noch ein paar Details zum heutigen Tag der Sonnenwende. Während sich die Römer und Römerinnen zur Wintersonnenwende „mit immergrünen Zweigen von Rosmarin oder Misteln als Symbol für die unvergängliche Kraft der Natur beschenkten“, deponierten hierzulande hoffende Gläubige auf schicksalshaften 13 Zettelchen ihre Wünsche, die dann bis zum Vorabend des 6. Jänner immer wieder vergegenwärtigt bzw. zelebriert wurden. Und werden. Beispielsweise der Wunsch, nach unendlich viel Orangenpunsch (A. d. R., Rezept der Autorin findet sich auf Seite 93). In Meransen wurde hingegen einst der eigentümliche Brauch gepflegt, dass zur Wintersonnenwende die Mägde ein Rodelrennen absolvierten. Auf dem Hof, auf dem die schnellste Rodlerin arbeitete, „würde im kommenden Jahr der längste Flachs gedeihen.“ Allen Mägden in Meransen auf diesem Wege: Guten Rutsch.