Gesellschaft | SALTO change

Die Lobby für Heimat und Umwelt

Der Heimatpflegeverband Südtirol versteht sich als Lobby für Heimat und Umwelt und gehört zu
den wichtigen Stimmen im Land. Ein Gespräch mit einem fitten Führungsduo.

netzwerk-pk_beim_hpv-avs-cai-dachverband_nosc_cunfin-
Foto: CAI
  • Ich treffe mich während der Weihnachtsferien zu einem ZOOM-Gespräch mit der Obfrau des Heimatpflegeverbandes Südtirol, Claudia Plaikner und dem Verbandsgeschäftsführer Florian Trojer. Die beiden engagieren sich in einem der einflussreichsten Verbände der Südtiroler Zivilgesellschaft, der 36 Mitgliedsorganisationen vertritt und kontinuierlich wächst. Der Verband konnte im Vorjahr sein 75. Bestandsjubiläum feiern und versteht sich als zivilgesellschaftliche Plattform für den Erhalt und den Ausbau des kulturellen und ideellen Erbes Südtirol, vor allem in seiner Ausprägung als Kulturlandschaft, die durch menschliche Nutzung entstanden ist. Diese über Jahrtausende gewachsene Kulturlandschaft ist gerade in unserer Zeit starkem Druck ausgesetzt und Gegenstand vielfältiger Interessen, die immer stärker und machtvoller von Seiten der AkteurInnen der Wirtschaft vorangetrieben werden. 

    Eingangs gilt es, einen grundlegenden und nicht immer unproblematisch gedeuteten Begriff zu klären: Was beschreibt der Begriff „Heimat“ im Selbstverständnis der Heimatschützer? „Heimat entsteht durch emotionale Bindungen, soziale Vernetzung und durch einen persönlichen Handlungs- und Verantwortungsraum“, klärt Obfrau Claudia Plaikner ihren Heimatbegriff: „Am bedeutendsten ist für mich dabei der Aspekt des Handlungs- und Verantwortungsraumes jeder und jedes einzelnen von uns, weil er uns Aufgaben im Interesse der Gemeinschaft zuweist.“ Florian Trojer pflichtet ihr: „Wir wurden und werden immer wieder mit einem politisch engen Heimatbegriff in Verbindung gebracht, den wir schon länger überwunden haben.“

     

    „Wir haben den politisch engen Heimatbegriff schon seit langem überwunden“

     

  • Claudia Plaikner ist seit 2017 Obfrau des Heimatpflegeverbandes und besticht durch Klarheit, Eloquenz und Sachlichkeit Foto: Privat
  • Um dies zu dokumentieren und Klarheit über Deutungen in der Vergangenheit zu schaffen läuft gerade in interessantes Forschungsprojekt an: Das Institut für Volkskultur und Kulturentwicklung in Innsbruck hat den Auftrag bekommen, im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Heimatpflegeverbandes Südtirol und des Vereines für Heimatschutz und Heimatpflege in Nord- und Osttirol die Geschichte der Heimatpflege in Tirol von 1900 bis heute aufzuarbeiten. 

    „Dabei wird auch zur Sprache kommen, dass sich die Heimatschutz- und Heimatpflegeorganisationen nicht immer mit Ruhm befleckt haben,“ vermutet Trojer: „Vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff der Heimat politisch missbraucht und durch die Aufarbeitung wollen wir unser zeitgemäßes und offenes Verständnis von Heimat schärfen und in die Zukunft bringen.“ 

    Man merkt den beiden GesprächspartnerInnen an, dass sie sich gut verstehen und an einem Strang ziehen: „In der Tat weist uns der von der Obfrau dargelegte Heimatbegriff mit der Betonung auf Handlungsspielraum und Verantwortung klare Aufgaben zu und fordert alle Menschen auf, sich aktiv an der Lösung gesellschaftlicher Aufgaben zu beteiligen“, fasst der Geschäftsführer die Grundpositionierung zusammen. 

     

    „Der Schutz der Natur- und Kulturlandschaft ist unsere übergeordnete Aufgabe“

     

    „Wir sehen den Schutz und die Weiterentwicklung der Natur- und Kulturlandschaft als übergeordnete Aufgabe an“, leitet Obfrau Plaikner zu den konkreten Projekten und Vorhaben ihres Verbandes über: „Von dieser Aufgabe leiten wir als zivilgesellschaftliche Lobby-Organisation für Heimat und Umwelt verschiedene Handlungsfelder ab, in denen wir im Rahmen unserer Ressourcen und Möglichkeiten tätig werden. Das reicht von der örtlichen Baukultur, der kritischen Begleitung der Raumordnung, Interventionen zum Schutz gewachsener Kulturlandschaften und traditionellen Brauchtums, über Kulturforschung und Trachtenwesen, historische Produktionspraktiken in Landwirtschaft und Handwerk bis hin zum Umgang mit dem Phänomen des Über-Tourismus, engagiertem Klimaschutz und zur Erfassung von Kulturgütern aller Epochen.“

  • Florian Trojer ist Geschäftsführer des Heimatpflegeverbandes und gilt als engagierter Vernetzer Foto: Armin Huber
  • In der Geschäftsstelle des Verbandes arbeiten unter der Leitung von Florian Trojer drei festangestellte und verschiedene freie MitarbeiterInnen daran, konkrete Vorhaben und Projekte auszuarbeiten und im Rahmen der HPV-Jahresprogramme umzusetzen. „Im gerade anlaufenden Jahr legen wir einen Schwerpunkt unserer Arbeit auf eine Veranstaltungsreihe zum nachhaltigen Bauen“, beginnt Trojer die Aufzählung einer Auswahl spezifischer Verbandsaktivitäten: „Dazu kommt die Ausstellung ‚Über Tourismus‘ im September/Oktober in Bruneck, intensive Bildungsarbeit zum Klimaschutz und zum laufenden Verfahren für ein Südtiroler Klimagesetz und die Fortführung unseres Schulprojektes ‚Heimatmappe‘, mit dem wir schon 13.000 SchülerInnen für heimatpflegerische Themen sensibilisieren konnten, die auf spielerische Weise vermittelt werden.“ 

    Breiten Raum nimmt die politische Lobby-Arbeit und die mediale Unterstützung von Anliegen aus der aktiven und kritischen Zivilgesellschaft ein. „Dabei greifen wir immer wieder aktuelle Themen auf, erkennen problematische Situationen und thematisieren sie mit Stellungnahmen, Vernetzungsarbeit und Vertiefungsangeboten“, gibt der Geschäftsführer Einblick. Die Obfrau sekundiert ihm: „Durch beharrliche Arbeit, fachliche Kompetenz, engagierte Kommunikationsarbeit und überzeugende Argumentation hat sich unser Verband über die Jahrzehnte herauf einen seriösen Ruf und eine starke Stimme erarbeitet, die in der Südtiroler Öffentlichkeit wahrgenommen wird, vor allem wenn wir uns mit anderen vernetzen und gemeinsam auftreten.“

    Immer wieder tritt der Heimatpflegeverband gemeinsam mit dem Alpenverein, dem CAI, dem Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Climate Action und anderen Organisationen auf und wird damit zur unüberhörbaren Stimme. „In der Tat stärkt gemeinsames Auftreten unsere Anliegen und deren Wahrnehmung sehr“, bestätigt Trojer und verweist auf ein konkretes Projekt, das gerade läuft: „Bei unserem Vorschlag für ein Südtiroler Klimagesetz arbeiten wir mit rund 50 Organisationen und Initiativen zusammen. Das ist zwar aufwendig bei der Organisation, bringt aber enorm viel Kompetenz, Erfahrung und Ideen zusammen, die hohe Lerneffekte ermöglichen.“ 

    Die NGOs, wie die Organisationen der Zivilgesellschaft oft bezeichnet werden, haben sich in Europa eine starke Stellung in der Alltagspolitik erarbeitet und decken mit ihrer Arbeit „von unten“ immer wieder Defizite und blinde Flecken der konventionellen (Partei)Politik auf, die oft allzu sehr von Einzel- oder Gruppeninteressen beeinflusst wird. 

    Wie gestaltet sich das Verhältnis zur Südtiroler Politik? „Das ist sehr unterschiedlich“, hören wir von Obfrau Plaikner, „und es hängt stark davon ab, mit wem wir es zu tun haben. Wir pflegen intensive Kontakte in alle politischen Richtungen, konnten mit vielen Akteuren ein Vertrauensverhältnis aufbauen und erleben immer wieder, dass Absprachen eingehalten werden. Leider erleben wir immer wieder auch das Gegenteil, was auch mit den Themen zusammenhängt, die wir vorbringen und mit den Interessen, die davon betroffen sind.“ 

  • Ein Meilenstein für den Heimatschutz in Südtirol: 2023 wurden die Vinschger Waale als traditionelles Bewässerungssystem von der UNESCO in das Immaterielle Kulturerbe der Menschheit aufgenommen. Foto: Privat
  • Florian Trojer verweist auf eingeschränkte Möglichkeiten: „Wir haben als Umweltverbände nur dieselben Informations-, Auskunfts- und Beteiligungsrechte wie jeder Bürger und kritisieren immer wieder mangelnde Transparenz bei öffentlichen Vorhaben. Besonders zäh wird der Austausch bei Großprojekten wie Olympia oder wenn es um die Bau-Lobby und -Spekulation geht. Da beißen wir immer wieder auf Granit.“ 

    „Bei Olympia und Spekulationslobby beißen wir auf Granit“

    Das setzt die Landschaft und die Umwelt immer wieder stark unter Druck, gefährdet mittelfristig die Identität und Authentizität unseres Landes und sorgt – wie am Beispiel des immer häufiger thematisierten Overtourismus – für gesellschaftlichen Stress. Im Herbst wird der Heimatpflegeverband Südtirol mit der von kurzem in Wien gezeigten Ausstellung „Über Tourismus“ die gesellschaftliche Debatte über Grenzen des Wachstums und die Konsequenzen der Grenzüberschreitungen von Bruneck aus wieder anstoßen. 

    „Wir wollen weiterhin mutig, sachlich und hartnäckig unsere Stimme erheben“, schließt Obfrau Claudia Plaikner unser Gespräch ab: „Damit stärken wir den Gemeinsinn als treibende Kraft bei der gesellschaftlichen Entwicklung und stellen der grassierenden Egomanie unseres aktuellen Wirtschaftssystems die Interessen aller entgegen. Das ist heute dringender denn je und macht ganz einfach Sinn.“

    Wunderbar, denke ich mir. Damit schließt sich der Bogen unseres Gesprächs perfekt. Denn Claudia Plaikner bringt den wichtigsten Rohstoff für eine nachhaltige Zukunft zur Sprache: Sinn. Nur was Sinn macht, kann auf die Dauer Bestand haben. 

  • SALTO change im Januar

    Im Januar dreht sich bei SALTO change alles um die Frage, wie Menschen Räume nutzen, gestalten und wahrnehmen – und welche gesellschaftlichen Folgen daraus entstehen. Dabei werden Themen wie Landschaftsschutz, Tradition, Tourismus und Stadtentwicklung behandelt.

    Wir berichten über aktuelle Konflikte in Südtirol, etwa touristische Übernutzung, Entwicklungen in Brixen und Bozen sowie Fragen zu öffentlichem Raum, Wohnen und Ortsidentität. Ergänzt wird dies durch Beispiele gelungener Umnutzung und Initiativen wie „HouseEurope“, die für nachhaltiges Bauen eintreten.

    Den Abschluss bildet eine SALTO Talk im Bozner Kulturwohnzimmer Carambolage. Dabei geht es um die Zukunft der Stadt Bozen und die Frage, wie lebenswerter Stadtraum für alle gestaltet werden kann.

    SALTO change Partner des Monats ist der Heimatpflegeverband Südtirol, der sich intensiv mit Raumqualitäten und -nutzung beschäftigt und eine der bedeutendsten Organisationen der Südtiroler Zivilgesellschaft ist.