Gesellschaft | Pestizide

Alles halb so giftig?

Herrscht angesichts der immer wieder gefundenen Pestizid-Rückstände zu wenig Sorge im Land? Landesrat Schuler beschwichtigt, die Vinschger Umweltschützer kontern.
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Foto: Umweltschutzgruppe Vinschgau

Eine derart rasche Antwort wie sie die Umweltschutzgruppe Vinschgau auf ihren offenen Brief erhalten hat, ist eher die Ausnahme als die Regel. Doch die Problematik, die die Umweltschützer aufzeigen, scheint es Arnold Schuler Wert gewesen zu sein, umgehend zu antworten. In dem Brief, der am Montag Abend an den Landwirtschaftslandesrat und die Gesundheitslandesrätin Martha Stocker versandt wurde, bemängeln die Umweltschützer das fehlende Verantwortungsbewusstsein und die fehlende Tatkraft der Politik wenn es um die Verhinderung von abdriftenden Pestiziden und die damit einhergehnde Vorsorge geht. Der Beschwichtigungsversuch von Landesrat Schuler folgt prompt. Doch überzeugt hat er Eva Prantl nicht. Die Vorsitzende der Umweltschutzgruppe Vinschgau klagt: “Die Landesregierung tendiert dazu, stets zu bagatellisieren wenn es um diese Dinge geht. Und die Bevölkerung macht sich daher vielleicht zu wenig Sorgen.”


Unangenehmes Kontrollmonopol?

Im Mai hatte die Umweltschutzgruppe an acht Standorten im Vinschgau Pflanzenproben entnommen. Man wollte kontrollieren, in welchem Ausmaß Rückstände von Pestiziden zu finden waren. “Seit langem bemängeln wir, dass keine regelmäßigen Kontrollen zur Abdrift von Spritzmitteln durchgeführt werden”, erinnert Eva Prantl im Gespräch mit salto.bz. Dabei habe die EU vor Jahren bereits vorgeschrieben, dass so genannte “sensible Zonen” (Schulhöfe, Spielplätze, Radwege u.a.) von Pestizid-Abdrift frei gehalten werden muss. Auch in Südtirol wurde diese Abstandsregelung, “die die EU sicher nicht aus Spaß erlassen hat”, so Prantl, mittlerweile adaptiert. “Doch sie wird nicht umgesetzt”, bemängelt die Umweltschützerin, “und regelmäßige, stichprobenartige Kontrollen hat die Landesregierung, aber auch der Landtag immer wieder abgelehnt.” Vonseiten der offiziellen Politik werde zwar behauptet, dass Kontrollen stattfänden, “aber diese Proben würde ich gerne sehen”, meint Prantl herausfordernd. “Vielmehr ist es so, dass immer wieder alles heruntergespielt und gesagt wird, dass man sich über die gefundenen Pestizidrückstände eh keine Sorgen machen muss.” Grund zur Sorge gibt es für die Umweltschutzgruppe Vinschgau nach der Analyse der Pflanzenproben vom Mai aber allemal.


Vorsitzende Eva Prantl: “Die Bevölkerung sorgt sich vielleicht zu wenig.” Foto: Umweltschutzgruppe Vinschgau
 

“Gras wird nicht gegessen”

Entnommen wurden sie an Standorten, die sich in der Nähe von Apfelplantagen befinden: Grundschulen, ein Sport- und ein Spielplatz, ein Radweg und ein Privatgarten sowie eine Grünlandwiese. Mit “alarmierenden Funden”, wie in dem offenen Brief an die beiden Landesräte zu lesen steht. Vor allem die hohen Rückstände von Chlorpyrifos haben die Umweltschützer aufgeschreckt. Wohingegen Landesrat Schuler beschwichtigt. Die Proben haben die Umweltschützer ausschließlich von Gras genommen, für das im Gegensatz zu Lebensmitteln keine gesetzlich festgelegten Rückstandsmengen gelten. Zum einen sei ein Vergleich von Rückständen auf Gras mit den Rückstandshöchstwerten auf Lebensmitteln – wie Äpfeln, bei denen sich die Bauern Sorgen um Rückstände machen – daher “fachlich unzulässig”, so Schuler. Und zum anderen bedeute der Fund von Pflanzenschutzmittel-Rückständen “nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr”.


Fragen über Fragen…

Eva Prantl gibt sich mit diesem Beschwichtigungsversuch vonseiten des Landwirtschaftslandesrats nicht zufrieden. “Es ist wahr, dass es für Gras keine Grenzwerte gibt. Allerdings: Hätten wir an denselben acht Stellen Proben von Essbarem wie Spinat oder Salat entnommen, wären an gleich drei Orten die maximal zulässigen Rückstände um das 15- bis 26-Fache überschritten worden.” Sehr problematisch sei außerdem, dass in gewissen Proben bis zu neun verschiedene Pestizide gefunden wurden. “Die Auswirkungen eines solchen Pestizid-Cocktails sind toxikologisch bisher nicht erforscht. Ebenso ist noch völlig unklar, welche Auswirkungen die Aufnahme von Pestiziden über die Haut und Lunge haben”, zeigt Prantl auf. Auch wenn der Landwirtschaftslandesrat versuche, die Wogen zu glätten, bleibt die Umweltschützerin skeptisch: “Es gibt noch so viele Fragezeichen…”

Kritik auch von PAN Italia:
“Zum wiederholten Mal versucht der LR Arnold Schuler die Rückstände der Pestizidproben zu verharmlosen. Erneut wird auf ein 500-Jahr altes Märchen von Paracelcus hingewiesen, dass die 'Menge das Gift' ausmacht, obwohl unabhängige Wissenschaftler bereits seit vielen Jahren genau der Gegenteil bewiesen haben (non-monotonic doses). Daher stimmt dies Aussage des LR Schuler definitiv nicht, dass 'die nachgewiesene Rückstände kein Gesundheitsrisiko darstellen'. Rückstände vom Pestiziden auf Nicht-zielflächen sind nicht zu tolerieren. (...)
PAN-Italia fordert eine sofortige Überarbeitung der bestehenden Richtlinien und der diesbezüglichen Gesetzgebung.”


Weitermachen – unabhängig von der Politik

Etwas lobendere Worte findet Prantl indes für die Entscheidung der Landesregierung, an Orten, wo Spritzmittel ausgebracht werden, Hinweisschilder anzubringen. “Das ist durchaus sinnvoll, denn viele Bürger beklagen, dass sie nicht wissen, was gespritzt wird.” Mit den Schildern werde auch die Gelegenheit geschaffen, sich vorher zu schützen, etwa indem man vermeidet, das Haus zu verlassen oder den Garten zudeckt. “Jede Form von Information bringt etwas”, unterstreicht Prantl. Mehr Information und Auskunft wünscht sich andererseits Landesrat Schuler von der Umweltschutzgruppe Vinschgau. “Ich ersuche erneut, die Landesverwaltung bzw. die Bürgermeister vor Ort bei den Untersuchungen und den Probenenentnahmen miteinzubinden”, schreibt Schuler in seiner Stellungnahme. Für Prantl steht das allerdings überhaupt nicht zur Diskussion. “Welchen Zweck verfolgt man damit bitte?”, fragt sie sich. Die Politik würde damit sozusagen ‘vorgewarnt’. “Und würden wir dann noch die gleichen Resultate wie bei unangekündigten Probenentnahmen erhalten?” stellt Prantl in den Raum. Mit fester Stimme verspricht sie: “Wir werden weiterhin Proben nehmen und nicht sagen, wo und wann.”