Gesellschaft | Selbstmord

„Es ist an der Zeit, darüber zu reden“

Acht Selbstmorde junger Männer seit 2015 allein im Pustertal und Eisacktal: Grund genug, ein jahrzehntelanges Tabu zu brechen, findet Schulleiterin Marlene Kranebitter.
kranebitter.jpg
Foto: Foto: Privat

salto.bz: Frau Kranebitter, Sie haben letztes Wochenende bei einer Weiterbildung für Journalisten mit der Nachricht aufgerüttelt, dass sich allein im Pustertal und Eisacktal seit 2015 acht junge Männer das Leben genommen haben. Darf so etwas überhaupt öffentlich gesagt werden?
Marlene Kranebitter:
Ich weiß, dass es seit Anfang der Neunziger Jahre  nach einer Suizidwelle, die damals vom Vinschgau ausgegangen war, dieses Gentlemen’s Agreement unter den Medien gab, nicht darüber zu schreiben. Doch zumindest in meinem Erfahrungsbereich, und ich arbeite schon sehr lange in der Berufsschule, zeigt sich schon seit Jahren, dass dies mittlerweile aufgrund der Parallelwelt zu den traditionellen Medien überholt ist. Heute haben wir die Situation, dass es dank Facebook, Instagramm oder WhatsApp ohnehin alle wissen, wenn sich jemand das Leben nimmt, doch keiner darüber redet.

Und das kann auch nicht die Lösung sein?
Von mir aus nicht. Ich muss dazu sagen, dass wir allein an meiner Schule, der Hotelfachschule Bruneck, innerhalb von 15 Monaten zwei junge Männer verloren haben, den letzten erst Ende April. Das hat auch mich persönlich sehr erschüttert und in mir noch mehr als zuvor die Fragen aufkommen lassen: Was passiert da, was läuft falsch, wer müsste da wohin schauen? Ich habe selbst noch keine konkreten Antworten darauf, und auch versucht, das Thema in ein paar Gremien und Arbeitsgruppen aufzubringen. Dort heißt es dann oft, wir müssen neue Rahmenkonzepte machen und so weiter. Das mag alles stimmen. Doch Konzepte haben wir eigentlich schon, nur scheint irgendetwas trotzdem nicht zu stimmen.

Haben Sie aufgrund Ihrer langen beruflichen Erfahrung eine Ahnung, worum es bei diesem „Irgendwas“ geht?
Generell kann man einfach sagen, dass der Druck auf junge Leute heute schon sehr groß ist. Ich beobachte das bei meinen eigenen beiden Kindern und bei meinen Schülerinnen und Schülern. Da geht es nicht nur um die Schule. Ein junger Mann hat mir erst unlängst gesagt: Man muss sogar noch in der Freizeit etwas leisten.

Drei Mal in der Woche Training im Sportverein und am Wochenende Turniere zum Beispiel?
Ja, oder das Leistungsabzeichen in der Musikkapelle. Ich möchte das jetzt nicht schlechtreden, es wird auch wirklich viel für junge Menschen getan, doch wir müssen uns bewusst werden, dass es eben selbst bei diesen Freizeitangeboten immer um Leistung geht. Dazu kommt die Schule, dazu kommen heute auch bei vielen jungen Menschen und dem Elternhaus Zukunftsängste. Obwohl wir in einem Land leben, in dem es immer noch Vollbeschäftigung gibt, ist die Angst, keinen oder nicht den richtigen Arbeitsplatz zu finden, groß. Zumindest wenn ich nicht Matura, und das eine Zertifikat und den anderen Kurs und das Praktikum im Ausland und so weiter habe.

"Wir sollten das Thema Selbstmord enttabuisieren, aber so, dass es am Ende der Geschichte Hoffnung gibt, dass Alternativen aufgezeigt werden."

Ohne jetzt spezifisch auf die Fälle an Ihrer Schule einzugehen: Hatten Sie dabei den Eindruck, dass auch dort der Druck auf junge Menschen mitspielte?
Ich glaube schon. Wenn wir uns nur diese acht jüngsten Fälle im Pustertal und Eisacktal anschauen, allesamt junge Männer an der Schwelle ihres Lebens, die nicht mehr den Mut hatten weiterzumachen. Das waren zwar alles unterschiedliche Geschichten, doch keine, bei der man sagen kann: Wenn man unter diesen Umständen aufwächst, ist das irgendwie nachvollziehbar. Das waren ganz normale Lebensläufe, wie sie bei uns eben so sind.

Und dann fragt in solch einer Situation jeder: Wie konnte das passieren?
Genau. Es heißt dann auch immer: Ja, aber es gäbe doch Hilfsangebote. Die gibt es schon, aber ich denke, sie sind vielfach noch mit einer viel zu großen Angstschwelle verbunden. Wer zum Psychologen geht, fragt sich immer noch oft, ob er jetzt verrückt ist. Ich bin immer mehr der Überzeugung, dass es an großen Schulen, wie auch der unseren, Schulpsychologen braucht. Ein niedrigschwelliges Angebot, das es jungen Menschen ermöglicht, einfach hinzugehen, um einmal das eigene Herz auszuschütten ohne dass es gleich eine Therapie braucht. Das wäre in meinen Augen eine große Erleichterung.

"Mein Wunsch wäre es einfach, dass wir alle darüber reden, was in unserer Gesellschaft passiert, dass junge Menschen keinen Mut mehr haben."

Bisher gibt es teilweise Sozialpädagogen, die an Schulen arbeiten?
Ja, auch wir hatten am Berufsbildungszentrum eine Zeit lang eine solche Beratungsstelle. Am Anfang waren viele Jugendliche noch skeptisch. Doch dann kamen sie schon und man hat gesehen, dass es meist nur darum ging, ein bis zwei Mal sein Leid zu klagen. Jemandem, der komplett fremd ist, aber einen hilft, die Dinge ein wenig zu ordnen. Wenn das direkt an einer Schule möglich ist, kommen halt wesentlich mehr junge Menschen als wenn sie dafür zum psychologischen Dienst, ins Krankenhaus oder eine Fachambulanz müssen.

Der holländische Autor Viktor Staudt hat Anfang Mai bei seiner Buchvorstellung in Bozen zu einer Enttabuisierung des Themas beigetragen. Er sagt zum Beispiel, dass es bei ihm vielleicht nicht bis seinem Selbstmordversuch  gekommen wäre, wenn er vorher mehr darüber gelesen hätte, wie man seine Probleme – also in seinem Fall Depressionen – in den Griff bekommen kann.
Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Wir sollten das Thema Selbstmord enttabuisieren, aber so, dass es am Ende der Geschichte Hoffnung gibt, dass Alternativen aufgezeigt werden. Unser zweiter Selbstmord-Fall liegt ja erst wenige Wochen zurück und allen sitzt der Schock noch in den Knochen. Für die MitschülerInnen des jungen Mannes kam seine Tat extrem unterwartet. Einige waren am Abend davor noch mit ihm Kaffee trinken und am nächsten Tag war er nicht mehr da. Mit dieser Klasse werden wir noch intensiver arbeiten müssen als noch mit der Klasse vor 15 Monaten. Wir haben zum Beispiel schon eine Idee für eine Veranstaltung, die derzeit einmal den Arbeitstitel „Festival für das Leben“ trägt. Wir müssen in jedem Fall etwas tun, damit für alle klar wird: sich zu töten ist nicht die Lösung.

Und wie sind Sie an der Schule unmittelbar nach der Tat mit dem Selbstmord des jungen Mannes umgegangen?
Prinzipiell haben wir ein Kriseninterventionsteam an der Schule, das in solchen Fällen aktiv wird. Die Nachricht von seinem Tod ist am Freitag Abend bekannt geworden. Die Schüler haben vielfach schon vor uns Lehrern Bescheid gewusst, weil sie alle über WhatsApp-Gruppen verbunden sind. Wir haben uns dann nach dem Wochenende am Montag gleich mit seiner Klasse zusammengesetzt, und zuerst trotzdem noch einmal erzählt, was uns unter Wahrung der Privacy möglich war zu sagen. Dann haben wir zum Beispiel gemeinsam geplant, was wir für die Beerdigung machen wollen. Wir haben aber auch Notfallpsychologen an die Schule geholt, die mit der Klasse gearbeitet haben, wir haben einen Elternbrief verschickt und zumindest für die Eltern der Kinder, die in der Abschlussklasse sind, einen Elternabend organisiert.

"Das waren zwar alles unterschiedliche Geschichten, doch keine, bei der man sagen kann: Wenn man unter diesen Umständen aufwächst, ist das irgendwie nachvollziehbar. Das waren ganz normale Lebensläufe, wie sie bei uns eben so sind."

Der Junge kam aus einer Abschlussklasse?
Ja, und für seine MitschülerInnen fällt die ganze Trauerarbeit nun mit dem Prüfungsstress zusammen. Das Schuljahr geht eben trotzdem zu Ende, es gilt Prüfungen zu bewältigen. Das ist nicht leicht, hier eine Balance zu finden. Kann und soll alles weiterlaufen wie geplant, wenn sich jemand das Leben genommen hat? Das ist ein brutaler Akt, den ein junger Mensch da setzt, und ich denke es ist an der Zeit, dass man eine Form findet, wie man darüber redet oder auch darüber berichtet.

Sie fürchten keinen Werther-Effekt, wenn wir jetzt so offen über das Thema sprechen bzw. schreiben?
Natürlich können wir nie ausschließen, dass sich in Folge solcher Berichte doch jemand das Leben nimmt. Doch wie Viktor Staudt und auch andere sagen: Wenn jemand nicht vorher schon daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen – durch einen Zeitungsartikel kommt sicher niemand auf die Idee. Und mein Wunsch wäre es einfach, dass wir alle darüber reden, was in unserer Gesellschaft passiert, dass junge Menschen keinen Mut mehr haben. Denn die Suizidrate ist weiterhin hoch...

...auch der Konsum von harten Drogen wie Heroin steigt wieder, und die Süchtigen werden immer jünger.
Ja, es gibt im Pustertal, im Eisacktal, in allen Städten eine neue Heroinszene. Das heißt, es scheint da ganz offensichtlich etwas mit unseren jungen Leuten zu passieren, das wir Erwachsene nicht richtig erkennen. Es gäbe zum Beispiel auch ein Suizid-Präventionsprogramm für Schulen, das ist wirklich gut gemacht, aber wer soll das bei uns an den Schulen machen?

Sie meinen, es braucht geschultes Personal dafür?
Es braucht vor allem Zeit. Wir müssten Gewaltprävention, Suizidprävention, Suchtprävention machen. Und je höher die Schulstufe, desto schwieriger wird es, das alles umzusetzen. Wir haben zum Beispiel in Maturaklassen 14 Fächer, in denen ein Lehrplan abgearbeitet werden muss. Wer soll sich da wann um Prävention kümmern? Vor allem wenn am Ende keiner danach fragt. Die Frage lautet eher, warum in einzelnen Fächern so wenig Inhalt gemacht wurde. Es bleibt als wenig Zeit, das Tempo an den Schulen, ja unser gesamtes Lebenstempo ist einfach sehr hoch.