Society | Gastronomie

"Als würde es mich nicht brauchen"

Abseits von Kundgebungen und politischen Verhandlungen bangen Arbeitnehmer (auch) im Gastronomiebereich um ihre Existenz. Salto.bz hat einige Einzelstimmen eingefangen.
geschlossene Gastronomie
Foto: (c) Mika Baumeister, Unsplash

Seit Sonntag, 31. Jänner, sind die Türen der Südtiroler Gastronomiebetriebe wieder fest verschlossen. Zum dritten Mal in diesem Winter müssen Köchinnen, Kellner und eigens einberufene Saisonarbeiter ihre Arbeitskleidung an den Nagel hängen und werden nach Hause geschickt. Zu Hause erwartet sie vor allem eines: Warten. Warten darauf, dass sich die epidemiologische Lage beruhigt, dass sie ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen dürfen, auf Ausgleichszahlungen oder die Möglichkeit, um diese überhaupt ansuchen zu können. Salto.bz hat mit einigen von ihnen gesprochen.

 

salto.bz: Wie haben Sie die letzten Monate erlebt und wie sieht Ihre momentane Situation aus?

S. M. ist in der Sommer- und Wintersaison als Kellnerin am Kronzplatz tätig: "Die letzten Monate waren sehr schwierig. Nach der Sommersaison habe ich – wie jedes Jahr – um Arbeitslosengeld angesucht, um die paar Monate bis zur Wintersaison zu überbrücken. Im November hätte ich erneut ein befristetes Arbeitsverhältnis am Kronplatz eingehen sollen. Durch das ständige Aufschieben der Skisaison war ich aber weiterhin auf das Arbeitslosengeld angewiesen. Im Januar ist auch dieses ausgelaufen. Seitdem warte ich darauf, dass Ersatzleistungen für Saisonarbeiter genehmigt werden oder ich meine Arbeit wieder aufnehmen kann. Hätte ich das früher gewusst, ich hätte mich im Herbst um eine andere Anstellung gekümmert. Nicht nur finanziell, auch emotional ist die Situation nicht einfach."

 

Daniel Fill ist Saisonarbeiter und Koch auf der Seiser Alm: "Ich wurde aufgrund des letzten Lockdowns gekündigt, vorübergehend bis März wahrscheinlich länger. Die Arbeit bis Ende Januar war schwieriger als sonst; wir hatten nur eine kleine Mannschaft, der Anlauf war sehr unstetig, die Einkäufe konnten kaum geplant werden… Das nehme ich aber gerne in Kauf. Zu Hause plagt mich die Existenzangst: Schaff ich es Miete und die fälligen Raten zu bezahlen? Geht sich der Einkauf in diesem Monat aus? Ich habe meine Eltern schon einige Male um finanzielle Unterstützung gebeten, glücklicherweise musste ich bis jetzt noch keinen Gebrauch davon machen. Dass mich der Betrieb nicht bezahlen kann, verstehe ich; zu Hause nütze ich diesem natürlich nichts, es gibt für meine Arbeit kein Homeoffice."

Irmi Brunner hat eine Festanstellung in einem Restaurant in Amaten: "Da ich einen unbefristeten Vertrag habe, kann ich auf die Lohnausgleichskasse zurückgreifen. Dieses Einkommen kann mir zwar nicht sofort ausbezahlt werden, aber ich komme finanziell zurecht. Schwierig ist die Situation für mich vor allem auf emotionaler Ebene: Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Die Unsicherheit ist jetzt im Vergleich zum ersten Lockdown wirklich schwer zu ertragen. Als ich Ende Jänner das letzte Mal von meinem Arbeitsplatz nach Hause gefahren bin, dachte ich: Und jetzt? Sitze ich jetzt wieder zu Hause?"

 

Durch das ständige Aufschieben der Skisaison war ich aber weiterhin auf das Arbeitslosengeld angewiesen. Im Januar ist auch dieses ausgelaufen. Seitdem warte ich darauf, dass Ersatzleistungen für Saisonarbeiter genehmigt werden.

 

T. S. ist als Kellnerin in einem Nachtlokal in Bruneck tätig: "Der Betrieb, in dem ich als Kellnerin arbeite, ist seit Oktober geschlossen. Da ich noch zu Hause wohne, ist meine finanzielle Situation aber tragbar und nicht mit der von Menschen zu vergleichen, die eine eigene Wohnung bezahlen oder gar eine Familie ernähren müssen. Psychisch ist die Situation schon anstrengender: Wenn ich arbeite, kann ich mich um die Kunden kümmern, ihnen meine Aufmerksamkeit schenken; immer wieder bedankt sich jemand. All das fällt jetzt weg. Mein Körper ist auf null gestellt. Ich fühle mich, als würde es mich überhaupt nicht brauchen."

 

Spaltungen überwinden

 

Die im Gastronomiebereich Tätigen sind nicht die Einzigen, von denen viele untätig zu Hause sitzen und um ihre Lebensgrundlage bangen müssen. Auch bleibt ihr Aufschrei kaum ungehört: Interessenvertreter der Branche – allen voran der Hoteliers- und Gastwirteverband (HGV) – gehen mit Forderungen zur Unterstützung der Gastwirte und ihrer Arbeitskräfte auf die Barrikaden. Einige selbsternannte Vertreter nehmen im Namen der Gastronomie an den am Sonntag, 7. Februar, abgehaltenen Protestkundgebungen in Bozen teil. Für den heutigen Montag (15. Februar) ist eine weitere Demo angekündigt. In den sozialen Medien kursiert ein empörter Aufschrei: Jetzt reicht’s!

 

Die Politik reagiert beschwichtigend: Bis Anfang März sollen entsprechende Hilfspakete für Unternehmer, Angestellte und Saisonarbeiter ohne laufendes Arbeitsverhältnis bereitgestellt werden. Forderungen und empörte Aufschreie der Gastronomie treffen aber nicht nur auf das Aufsehen der Politik, sondern vielerorts auf Ärger und Unverständnis. Auf klassischen und sozialen Medien wird die Kluft, die zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten immer weiter aufzubrechen droht, befeuert: Wut, Empörung und klare Forderungen ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als Unsicherheit, Zweifel und gemischte Gefühle.

 

salto.bz: Dem Ärger der Gastronomie wird nicht nur durch offizielle Anlaufstellen und soziale Medien Ausdruck gegeben; auch bei den Demonstrationen am Sonntag in Bozen haben sich Vertreter der Gastronomie beteiligt. Inwieweit können Sie diese nachvollziehen?

S. M: "Ich stehe nicht hinter den Protesten. Wir wissen, dass es das Virus gibt und dass es gefährlich ist. Auch die Maßnahme, die Gastronomie zu schließen, kann ich verstehen. Was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass es weder eine Warnung noch einen Dialog zwischen Politik und Gastronomie gab, kein 'Wir müssen zusperren, was braucht ihr, um überleben zu können?', vonseiten der Politik. So ein Dialog wäre unbedingt nötig gewesen. Wir sitzen alle im selben Boot und müssen versuchen, uns gegenseitig zu helfen und zu verstehen. Dafür braucht es Dialog und einen längerfristigen Plan."

Daniel Fill: "Ich bin gegen die Proteste. Der Lockdown wird uns hoffentlich helfen, mindestens die Sommersaison retten zu können – diese können wir als dunkelrote Zone sonst vergessen. Was mich ärgert, sind Kurzfristigkeit und die Spaltungen in der Politik; diese können wir jetzt nicht gebrauchen. Ich hoffe, dass die Südtiroler es schaffen, politische und gesellschaftliche Spaltungen beiseitezulegen, auf die “testa dura” zu verzichten um zusammen eine Situation zu schaffen, die für alle zumindest tragbar ist."

 

Ich hoffe, dass die Südtiroler es schaffen, politische und gesellschaftliche Spaltungen beiseitezulegen, auf die “testa dura” zu verzichten um zusammen eine Situation zu schaffen, die für alle zumindest tragbar ist.

 

Irmi Brunner: "Ich selbst habe nicht daran teilgenommen, finde es aber gut, dass auf die Probleme in der Branche hingewiesen wird. Wenn nicht gearbeitet werden darf, braucht es eine dementsprechende Unterstützung."

T. S: "Das Thema muss angesprochen werden, die Proteste sind aber der falsche Weg. Wir sind jetzt in einer schwierigen Situation und müssen uns überlegen, wie wir hier wieder herauskommen. Für diese Situation ist aber nicht allein die Gastronomie verantwortlich, sondern vor allem jene, die sich nicht an die Regeln halten."

salto.bz: Was erwarten Sie sich für die kommenden Wochen und Monate? 

S. M: "Ich hoffe zumindest im Frühling wieder arbeiten zu dürfen; momentan sehe ich aber schwarz."

 

Daniel Fill: "Ich habe das Glück, dass der Betrieb, in dem ich arbeite, sobald wie möglich wieder aufsperren wird. Von anderen weiß ich, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Viele meiner Kollegen kommen mit dieser Unsicherheit nicht mehr zurecht und haben Sektor gewechselt. Auch ich habe bereits darüber nachgedacht, mir einen Plan B zuzulegen."

Irmi Brunner: "Ich glaube, dass sich Gastwirtschaft und Tourismus in Südtirol, sobald sich die Situation beruhigt, auch schnell wieder erholen werden. Es wird in diesem Bereich auch weiterhin viele Arbeitsplätze geben. Sorgen mach ich mir um die Arbeitskräfte, die aufgrund der Pandemie abgewandert sind. Im Großen und Ganzen bin ich aber hoffnungsvoll. Muss man oder?"