Kultur | Filmrezension

Fabelhafer Unfug

Oder: Vulgärmarxistischer Armeleutekitsch fürs städtische Bürgertum (*Entgendert nach Hermes Phetberg)
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Foto: La chimera
  • Serviert wird ein ungeschöntes und doch verklärendes Italienbild der 1980er-Jahre aus bröckelnden Fresken, ungeheizten Bruchbuden und Arbeitsgewand, das ramponiert und schmutzstarrend für Echtheit bürgt. Die ärmlichen Verhältnisse bergen bäurische sowie feudale Strukturen und bieten Platz für Kumpanei und Transgression. Volkstümliche Bräuche zieren die Ränder des liebevoll-rückständig gestalteten Landlebens. Die Figuren, Überholte, Abgerissene und aus der Zeit Gefallene, haben wie in einem Zwischenreich zurechtzukommen. 
     

    La Chimera schließt als eskapistisches Märchen fürs utopieamputierte Bürgertum, dem es sich hervorragend mit Weltverzauberung andient.


    Die übersinnliche Gabe des Protagonisten, etruskische Totenstäten via Wünschelrute aufzuspüren, verhilf seiner Bande und ihm zum Erfolg. Als mittellose Grabräubys verscherbeln sie die Bodenschätze an einen ominösen Zwischenhändler namens Spartaco. Von dort aus wird das Diebesguts gewinnbringend weiterverkauft, für sie fallen Kleinbeträge ab. Im Kreislauf der Ausbeutung sind nach den Toten auch schon die Grabräubys selbst an der Reihe. Spoiler: Spartaco ist, wie der Geschlechterrollen entstereotypisierende Film uns dies später als Überraschung präsentiert, kaum zu glauben, eine Frau! Spoiler Ende. Die Absichten des Films gesellschafspolitische Themen aufzugreifen oder anzubringen sind brav und etwas durchsichtig, teilweise auf Handhabbarkeit zurechtgestutzte Claims. Die direkt ans Publikum adressierte Überlegung, dass Italien, hätte sich die Etruskische anstelle der Römischen Kultur durchgesetzt, heute weniger machistisch wäre, steht wie ein überdimensioniertes Hinweisschild in der Landschaft. Der Plot Point an der Reling illustriert: gleich sind die Menschen einander nur als zähnefletschende Raubtiere. Was Klassenfragen auf das Niveau von Beutekampf herabbricht und an die intellektuelle Kurzarmigkeit der Filme Ruben Östlunds erinnert, die in den letzten Jahren wiederholt mit den Etiketen Klassenkampf und Kapitalismuskritik beschlagwortet und bepreist wurden.

  • Die Gräber denen, die drin wohnen?

    La Chimera stellt in den Raum, wie die materielle Verarmung einer Gesellschaf mit Raub und Veräußerung ihrer Kulturgüter zusammenhängt oder zusammenhängen kann. Es ist die Armut einer Gesellschaft, die das verliert, was ihr nicht gehört: Vergangenheit, Kultur etc. Die etruskischen Grabbeigaben sind dabei Chiffre dieses immateriellen Gutes, sowie diese Vergangenheit, diese Kultur selbst. Das Untergründige der Geschichte, was im weitesten Sinne nach unserem Umgang mit- und Raubbau von Bodenschätzen fragt, bleibt dabei trotzdem ohne Konsequenzen. Bis auf eine Statue dürfen alle ihre Köpfe behalten. Stellenweise geraten die Fragen zu schmückenden Nebensachen, willkommener Vorwand wieder einmal anständig Landluft zu inhalieren. 
     

    Die Freiheitsstrafe für Widerstand leistende Hausbesetzys, wurde von ein bis drei, auf zwei bis sieben Jahre erhöht. 


    Lediglich Italia, eine Dienstmagd, die ihre Kinder unterm Bett vor der Hausherrin versteckt, glaubt an ein Besitzrecht der Toten und tadelt die Bande. Später zieht sie in das aufgelassene Bahnhofsgebäude von Riparbella (Val di Cecina), wo sie, was sonst, das Schöne wiederherstellt/repariert: Ein blühender Garten, eine nicht nukleare Familie mit einem Haufen fröhlich herumtollender, verlauster Kinder. Es liegt nahe die hübsche Fügung als Gegenentwurf zum alternden Italien und seiner schwindenden Geburtenrate zu verstehen. Angesichts aktueller Realpolitik wirkt dies um so weltferner. Giorgia Meloni (FdI), il presidente, hat den Hausbesetzungen (occupazioni abusive) den Krieg erklärt. Ein unlängst beschlossenes Sicherheitspaket verschärft das betreffende Strafgesetz. Die Freiheitsstrafe für Widerstand leistende Hausbesetzys, wurde von ein bis drei, auf zwei bis sieben Jahre erhöht. 

  • Mit der Chimäre Gassi gehen

    Die für Rohrwachers Filme typische Emphase des Ruralen verlangt, ähnlich wie in Lazzaro felice (2018), auch diesmal nach Überirdischem und sucht Ausgang in einer Liebesgeschichte mythischen Formats. Eine Liebe, die nicht von dieser Welt sein kann. Der Protagonist sehnt sich nach der verstorbenen (?), man weiß es nicht, im Jenseits zwischen Tempelruinen lustwandelnden Geliebten. Der rote Faden dieser seltsam unverwobenen Geschichte ist im Film tatsächlich ein roter Faden. Die ins Märchenhafte gewendete Handlung entflieht damit zuletzt auch den Kämpfen und Klassenfragen, die ihr unterwegs noch als Steigbügelhalter dienten. Am Ende machen sich die Liebenden aus dem Staub, aus dem wir gemacht sind. 
    La Chimera schließt als eskapistisches Märchen fürs utopieamputierte Bürgertum, dem es sich hervorragend mit Weltverzauberung andient. Hier dürfen sie dem leinwandgebannten, putzigen Subproletariat bei den abenteuerlichen Mühen des Menschseins beiwohnen. Wer leer ausgeht, hat ja noch sich. So lässt es sich gemütlich von der Stadt aufs Land schauen. 
    Nur was für ein Land wird das gewesen sein?