Gesellschaft | Altersarmut

Hohe Renten, wenig Aussagekraft?

Das Armutsnetzwerk Südtirol warnt davor, dass hohe Renten nicht automatisch eine gute soziale Absicherung bedeuten, und fordert eine umfassendere Datengrundlage zur Bewertung von Altersarmut.
Claudia Corrent/LPA

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In einer Pressemitteilung kritisiert das Armutsnetzwerk Südtirol die Einordnung der Rentendaten von 2024 durch das Landesinstitut für Statistik (ASTAT). Eine Analyse durch das Netzwerk zeige ein differenziertes Bild: Obwohl Südtirol die höchsten medianen Jahresrenten im gesamtstaatlichen Vergleich habe, ließen „hohe nominale Beträge allein keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Lebenslage älterer Menschen zu“, so das Armutsnetzwerk.

Was ist das Armutsnetzwerk?

Das Südtiroler Armutsnetzwerk „Alle gegen Armut“ ist ein Zusammenschluss von 22 Organisationen und Institutionen aus den Bereichen Soziales, Gesundheit, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Ehrenamt. Es wurde im Mai 2025 auf Initiative des Dachverbands für Soziales und Gesundheit gegründet. Ziel des Netzwerks ist es, Armut frühzeitig zu erkennen, besser vorzubeugen und langfristige Lösungen zu entwickeln. Dabei versteht es Armut nicht nur als finanzielle Notlage, sondern als gesellschaftliches Problem, das etwa durch hohe Lebenshaltungskosten, prekäre Arbeit, fehlenden leistbaren Wohnraum oder eingeschränkte Bildungschancen verstärkt werden kann. Das Armutsnetzwerk wurde Anfang Juli im Südtiroler Landtag erstmals vorgestellt.

Aus den ASTAT-Daten von 2024 geht hervor, dass Südtirol mit 69,4 Prozent die Region mit dem höchsten Anteil an Altersrenten innerhalb Italiens ist. Im regionalen Vergleich liegt unser Land bei der durchschnittlichen Höhe aber nur auf Platz sieben und somit im oberen Mittelfeld. Erschwerend kommt die Inflation hinzu: Zwar sind die Renten in Südtirol zwischen 2015 und 2023 nominal gestiegen, diese Zuwächse werden aber durch die Preissteigerung relativiert. Nach Berechnungen des Armutsnetzwerks entspricht die Inflationssteigerung von 26,7 Prozent zwischen 2015 und 2024 bei den Altersrenten einem realen Kaufkraftverlust von rund zehn Prozent.

Südtirol hat den höchsten Anteil an Altersrenten in Italien, liegt bei der durchschnittlichen Rentenhöhe aber nur auf Platz sieben: Die Grafik stammt aus „astat info 36, Juli 2026“. ASTAT

Auch der Vergleich mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) zeichnet ein anderes Bild: Das Land verzeichnet seit Jahren konstant mit etwa 10 Prozent den niedrigsten Anteil der Rentenausgaben am BIP im Vergleich zu allen anderen italienischen Regionen. Der italienische Durchschnitt lag 2024 bei 16,4 Prozent. Südtirol hat laut ASTAT zwar die höchsten Durchschnittsrenten Italiens, doch gemessen am hohen Wohlstand der Region fällt die Bewertung deutlich schlechter aus. Der Indikator misst nicht die Kaufkraft der Rentnerinnen und Rentner, sondern die relative Höhe der Renten im Verhältnis zum wirtschaftlichen Niveau der Region. Mit 29,8 Prozent erreicht Südtirol hier gar den niedrigsten Wert Italiens.

Das Armutsnetzwerk hält diese Einordnung jedoch für nicht ausreichend. Der sogenannte „Index des relativen Nutzens“ liefere zwar einen wichtigen Vergleichswert, erlaube aber keine Aussagen über die tatsächliche Armutsgefährdung älterer Menschen.

Erweiterung der Indikatoren gefordert

Wie der oben angeführte Index des relativen Nutzens – der die durchschnittliche Rente ins Verhältnis zum BIP pro Kopf setzt – aufzeigt, führe der hohe Wohlstand in Südtirol „nicht automatisch zu einer adäquaten materiellen Absicherung im Alter“ und könne nicht effektiv vor Armutsgefährdung schützen, betont das Armutsnetzwerk. Insbesondere Frauen seien davon durch den Gender-Pension-Gap betroffen.

Hohe Rentenbeträge allein sagen wenig aus: Entscheidend ist auch das Verhältnis zum Lebensstandard und zu den Lebenshaltungskosten. Jakub Zerdzicki/Pexels

Das Armutsnetzwerk begrüße „die regelmäßige Berichterstattung des ASTAT zur Einkommens- und Lebenssituation älterer Menschen“, halte allerdings eine Erweiterung der herangezogenen Indikatoren für notwendig. Benötigt würden Daten zur „tatsächlichen Armutsgefährdung, zum verfügbaren Einkommen, zur Entwicklung der Kaufkraft, zur Wohnsituation und Wohnkostenbelastung sowie eine systematische Analyse der Rentenentwicklung im Verhältnis zu den lokalen Lebenshaltungskosten“. 

Auch der Index des relativen Nutzens sollte laut Armutsnetzwerk künftig regelmäßig und vergleichend veröffentlicht werden. „Nur eine solche fundierte Datengrundlage schafft die nötige Evidenz, um das tatsächliche Armutsrisiko älterer Menschen in Südtirol realistisch einzuschätzen. Dafür sollte das ASTAT im Auftrag der Landesregierung sorgen“, so das Armutsnetzwerk in der Pressemitteilung.

Die Vertreterinnen und Vertreter des Armutsnetzwerks: Hier nach ihrer Präsentation im Landtag. SALTO/ahh

Die Erhebung dieser Daten sei eine unverzichtbare Grundlage für eine evidenzbasierte und vorausschauende Sozialpolitik, die gezielte Maßnahmen gegen Altersarmut ermögliche und deren Wirksamkeit kontinuierlich überprüfbar mache. Den Analysen müssten nun jedoch konkrete, strukturelle Veränderungen folgen, um die Lebenssituation älterer Menschen nachhaltig zu verbessern.

Erst im Juli hatte ASTAT im Auftrag des Landtags eine Sonderauswertung veröffentlicht, wonach schätzungsweise 4.077 Frauen ab 67 Jahren in Südtirol keine eigene Rentenleistung beziehen. Das Institut wies dabei allerdings ausdrücklich darauf hin, dass es sich lediglich um eine Annäherung und nicht um eine belastbare Zahl handelt. Auch aus der Politik kam zuletzt Kritik: Das Team K und Andreas Leiter Reber fordern von der Landesregierung rasches Handeln, damit Personen mit Mindestrente einfacher von den vorgesehenen Aufstockungen profitieren können.