Wirtschaft | Demographie

Nicht das Alter – das System ist krank

Die Menschen werden immer älter, das ist unbestritten. Die soziale Schieflage scheint unabwendbar zu sein. Was tun?
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
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Foto: ISTAT
  • Aber wie groß die Auswirkungen wirklich sind, darüber diskutieren Experten schon seit Jahrzehnten. Oft ist von einer „demografischen Katastrophe“ oder sogar einem „Generationenkrieg“ die Rede. Solche Bilder erzeugen Angst und klingen sehr dramatisch.

    Es lohnt sich, die Zahlen genauer anzusehen. Die Kosten für die Pflege älterer Menschen gelten oft als nicht finanzierbar. Solche Warnungen klingen überzeugend, aber es ist umstritten, ob sie wirklich zutreffen oder nur als Grund für Sparmaßnahmen dienen. Fest steht, dass die Debatte über den demografischen Wandel nicht nur eine akademische Frage ist, sondern auch politische Konsequenzen hat. Seit Jahren wird über Privatisierungen, höhere Zuzahlungen und weniger Leistungen im Gesundheitswesen diskutiert. Diese Entscheidungen basieren auf zwei Annahmen, die bei genauerer Betrachtung jedoch fragwürdig erscheinen.

    Eine dieser Annahmen ist, dass ältere Menschen automatisch krank und pflegebedürftig werden. Doch die Forschung zeigt ein anderes Bild. Laut der sogenannten Kompressionshypothese leben wir länger und bleiben länger gesund. Wir werden erst in den letzten Lebensjahren krank, anstatt Jahrzehnte in schlechter gesundheitlicher Verfassung zu verbringen. Krankheit und Pflegebedürftigkeit verschieben sich also näher an das Lebensende.

    Die Zahlen bestätigen diesen Trend. In den letzten zehn Jahren ist das Risiko, pflegebedürftig zu werden, bei Männern und Frauen gesunken. Internationale Studien zeigen, dass die Menschen heute mehr Jahre in guter Gesundheit verbringen als früher, und das bis ins hohe Alter.

    Ein Vergleich mit anderen fortgeschrittenen Ländern zeigt jedoch einen wichtigen Unterschied. Fast alle europäischen Länder gewinnen Lebensjahre hinzu, aber nicht alle gewinnen gleichermaßen an Jahren in guter Gesundheit. Der Grund liegt nicht im Alter selbst, sondern in den sozialen Unterschieden zwischen den Ländern. Eine bessere Gesundheitsversorgung und eine gute soziale Absicherung haben statistisch gesehen positive Auswirkungen auf den allgemeinen Gesundheitszustand.

    Ein weiterer Punkt, der oft diskutiert wird, ist die Wirtschaft. Es gibt die Sorge, dass weniger Arbeitskräfte weniger Wohlstand bedeuten und am Ende leere Kassen zur Folge haben. Doch ein Blick auf die Fakten zeigt ein anderes Bild. Es ist richtig, dass das Potential an erwerbstätigen Personen sinken wird, aber die Zahlen allein sagen nicht viel aus. Denn gleichzeitig schrumpft die Gesamtbevölkerung, und für weniger Menschen braucht man logischerweise auch weniger Arbeitskräfte.

    Ein weiterer Faktor, der oft fehlt, ist die Produktivität. In Italien wird die Produktivität bis 2060 um etwa 50 % steigen, was die Schrumpfung der Erwerbstätigen ausgleichen und sogar ein geringes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um etwa 1 % in Italien jährlich garantieren wird. Das bedeutet, dass weniger Beschäftigte trotzdem gleich viel oder sogar ein bisschen mehr erwirtschaften können als heute. Allerdings sind solche Berechnungen schwierig, da die zukünftigen Entwicklungen aufgrund neuer Faktoren wie der künstlichen Intelligenz nicht leicht vorhersehbar sind. Der Wohlstand muss also nicht sinken, vorausgesetzt, die Gewinne aus dieser Entwicklung werden gerecht verteilt.

    Genau hier liegt der eigentliche Kern des Problems. Es ist nicht das Alter, das über Wohlstand oder Armut entscheidet, sondern die Politik. Wie werden Erträge verteilt? Wie gut sind Menschen ausgebildet? Wie lange bleiben ältere Beschäftigte im Job?

    Leider ist die Bilanz bei der Bildung oft eher schwach. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt beträgt in Italien nur etwa 4 %, was unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten liegt. Laut Eurostat-Daten nehmen nur wenige Menschen über 50 Jahre regelmäßig an Kursen teil, und die allgemeine Weiterbildungsquote bei Erwachsenen liegt ohnehin nur bei etwa 10 % bis 11 %. Viele Betriebe investieren wenig in ältere Angestellte, weil sie denken, dass sich das vor der Rente nicht mehr lohnt. Dies gilt auch für Frauen bei der betrieblichen Weiterbildung, da sie häufiger in Teilzeit arbeiten oder in Branchen mit geringeren technologischen Inhalten tätig sind und seltener von teuren Betriebsschulungen zu neuen Technologien profitieren.

    Diese Lücken haben nichts mit der Demografie zu tun, sondern sind das Ergebnis politischer Entscheidungen. Niemand kann den demografischen Wandel leugnen – Italien wird älter und die Bevölkerung wird schrumpfen. Doch die apokalyptischen Töne in der Debatte sind nicht gerechtfertigt. Weder die Gesundheitsdaten noch die wirtschaftlichen Prognosen liefern einen zwingenden Grund zur Panik.

    Wichtiger als Angstszenarien wäre eine ehrliche Debatte über die Verteilung des erwirtschafteten Reichtums, die Aus- und Weiterbildung und gute Arbeitsbedingungen, um auch mit fortschreitendem Alter noch leistungsfähig zu sein. Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Können wir uns eine alte Gesellschaft leisten? Sondern: Wie gestalten wir sie gerecht? Es lohnt sich, einen genauen Blick auf die Zahlen hinter den großen Schlagzeilen zu werfen. Wer die Fakten kennt, lässt sich von Alarmrufen nicht so leicht ins Bockshorn jagen und kann auch besser für gerechte Lösungen eintreten.

    Ein Beitrag von Alfred Ebner