Die neuen Super-Pflanzen aus dem Labor
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Anfang Dezember verkündeten Unterhändler der Europäischen Union (EU) ein Verhandlungsergebnis, auf das viele Forscherinnen und Forscher in ganz Europa gewartet haben. „Wir gehen davon aus, dass mit dem neuen gentechnischen Verfahren in der Landwirtschaft deutlich weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden müssen“, erklärt Simon Josef Unterholzner, Juniorprofessor für Pflanzengenetik an der Freien Universität Bozen. Damit würden nicht nur die Belastungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Natur sinken, sondern auch die Kosten für landwirtschaftliche Betriebe.
Geht die neue EU-Richtlinie zu der sogenannten Genschere auf höchster EU-Ebene durch, könnte das für die Landwirtschaft deshalb einen neuen Wendepunkt darstellen. Die Neuregelung zur Genschere, zu der auch die CRISPR/Cas9-Methode gehört, müssen nun auch EU-Parlament und Ministerrat genehmigen. Allerdings wird mit Klagen von Umweltverbänden gerechnet. Außerdem gilt ab Inkrafttreten von EU-Richtlinien meist eine Übergangsfrist von zwei Jahren.
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Vielversprechende Alternative zum Pflanzenschutz
Für Menschen, die ein Forschlungslabor selten von innen gesehen haben, ist die ganze Aufregung um die Genschere vermutlich schwer nachvollziehbar. Auch Landwirtschaftslandesrat Luis Walcher (SVP) hielt sich in einer ersten Stellungnahme mit lobenden Worten zurück – nicht ohne Grund.
Schließlich war es im Jahr 1996 die gentechnisch veränderte Sojabohne des weltweit tätigen Saatgutanbieters Monsanto, die den Erfolg des eigenen Herbizids namens Roundup garantierte – denn genau diese Bohne ist gegen das umstrittene Herbizid resistent. Knapp 30 Jahre später soll nun ein neues Verfahren aus der Gentechnik an umgekehrter Stelle ansetzen und Pflanzenschutzmittel zumindest teilweise überflüssig machen.
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Die EU will dabei zwei Kategorien für gentechnisch veränderte Pflanzen einführen: „Die erste Kategorie beschreibt Pflanzen, die auch in der Natur durch Mutationen entstehen können. Dabei ist im Labor nicht beweisbar, ob eine bestimmte Pflanze eine natürliche Mutation hat oder eine, die mithilfe der CRISPR/Cas9-Methode von Menschen gezüchtet wurde“, erklärt Unterholzner. Unnatürliche Eigenschaften fallen laut Vorschlag der EU in die zweite Kategorie gentechnisch veränderter Pflanzen und sind weiterhin streng reglementiert. Da in der Natur zum Beispiel keine Herbizide vorkommen, wachsen dort auch keine Roundup-resistenten Sojabohnen, somit würden diese Eigenschaften in die zweite Kategorie fallen.
„Werden sie mit einer pilzresistenten Sorte ausgetauscht, hat der Betrieb über die Jahre weniger Kosten beim Pflanzenschutz.“
Lebensmittel aus Pflanzen der ersten Kategorie würden hingegen nicht mehr der Kennzeichnungspflicht für Gentechnik unterliegen. Denn Pflanzen, die Krankheiten oder Trockenheit überleben, kommen auch in der Wildnis vor. Die Züchtung resistenter Nutzpflanzen im Labor ist in den letzten Jahrzehnten allerdings eher auf der Stelle getreten. „Im Obstbau haben wir zum Beispiel nach rund 100 Jahren Arbeit erste positive Ergebnisse bei der Resistenz gegen Apfelschorf bei Apfelbäumen“, sagt Unterholzner. Das ist eine sehr lange Zeit, die dank der Genschere rasant verkürzt werden kann. „Zudem ermöglicht die Methode die Züchtung von Pflanzen, die leichter mit Wetterextremen zurechtkommen. Solche Wetterextreme werden mit dem Klimawandel immer häufiger“, so der Juniorprofessor. In Italien beispielsweise mussten bereits Weinäcker aufgelassen werden, weil es im Sommer zu heiß und trocken wurde.
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Erste Versuche
Die Universität in Verona testet seit rund einem Jahr erstmals die Pflanzung von Weinreben der Sorte Chardonnay, die Forscher im Labor mit der Genschere resistent gegen die Pilzkrankheit Mehltau machten. Leider wurde das Versuchsfeld im Februar letzten Jahres von Unbekannten zerstört und es musste neu errichtet werden. Einige Professoren der Uni gründeten außerdem das Spin-off Edivite, um weitere Weinsorten resistenter zu machen.
„Sobald Forschungsergebnisse nicht mehr nur für wissenschaftliche, sondern für wirtschaftliche Zwecke genutzt werden, könnten dann auch Lizenzgebühren von angemeldeten Patenten anfallen“, erklärt Unterholzner von der Uni Bozen. Im Fall der Genschere handelt es sich zwar nicht um eine eigene neue Pflanzensorte, sondern eigentlich um Grundlagenforschung.
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Trotzdem wurde das neu gewonnene Wissen, das zur Entdeckung der Genschere geführt hat, gleich von zwei namhaften Forschungsinstituten aus den USA als Patent angemeldet. Der Streit um die Patentanerkennung zwischen University of California (Berkeley) / Universität Wien und dem Broad Institute, an dem etwa das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und die Harvard University beteiligt sind, beschäftigt Patentämter weltweit. Das Patentamt der EU entschied sich schließlich, die Arbeit der Nobelpreisträgerinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier von Berkeley als Patent anzuerkennen, und wies Broad ab.
„Verbraucherinnen und Verbraucher biologischer Lebensmittel stehen Gentechnik meist kritisch gegenüber.“
Die Gebühren eines Patents müssen Züchter anschließend bezahlen, wenn sie die CRISPR/Cas9-Methode verwenden. Diese werden für gewöhnlich anschließend beim Verkauf neuer Pflanzensorten an Landwirtinnen und Landwirte einberechnet. „Obstbäume haben eine Lebensdauer von bis zu 20 Jahren. Werden sie mit einer pilzresistenten Sorte ausgetauscht, hat der Betrieb über die Jahre weniger Kosten beim Pflanzenschutz. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass Lebensmittel an der Kasse wegen dieser Neuerung teurer werden“, erklärt Unterholzner.
Rausgehalten aus der neuen Züchtungsmethode hat sich bisher die biologische Landwirtschaft. „Verbraucherinnen und Verbraucher biologischer Lebensmittel stehen Gentechnik meist kritisch gegenüber. Deshalb ist es durchaus verständlich, dass sich Bio-Verbände entsprechend ihrer Marketingstrategie bislang gegen CRISPR/Cas9 ausgesprochen haben“, meint Unterholzner dazu. Gleichzeitig ist die biologische Landwirtschaft viel stärker von Krankheiten und Ernteausfällen betroffen. Krankheitsresistente Sorten aus dem Labor würden sich für Bio-Betriebe deshalb umso mehr lohnen, auch wenn neue Züchtungsmethoden wie die Genschere angewandt wurden, ist der Naturwissenschaftler überzeugt.
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