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65+ in Italien: Was die Daten verraten

Der ISTAT-Bericht 2023 zeigt: Immer mehr Senioren leben allein, oft im Eigenheim. Gleichzeitig wachsen Herausforderungen wie Barrierefreiheit, Isolation und Pflegebedarf.
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
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Foto: Caroline Hernandez/Unspalsh
  • Steigende Lebenserwartung bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate hat dazu geführt, dass ältere Menschen heute eine zentrale gesellschaftliche Rolle einnehmen. Der aktuelle ISTAT-Bericht 2023 verdeutlicht nun die Wohnsituation dieser Bevölkerungsgruppe.

    Fast jede vierte Familie in Italien besteht mittlerweile ausschließlich aus Personen im Alter von 65 Jahren oder älter – das entspricht knapp 6,9 Millionen Haushalten. Besonders markant ist der Anstieg der Einpersonenhaushalte bei den Hochbetagten: Rund 2,7 Millionen Menschen ab 75 Jahren leben allein, was zehn Prozent aller italienischen Familien ausmacht. Diese Entwicklung ist in ländlichen Gebieten besonders ausgeprägt, wo der Anteil reiner Seniorenhaushalte bei 28,1 Prozent liegt, gegenüber 25,4 Prozent in Städten.

    Über 83,6 Prozent der Seniorenhaushalte bewohnen die eigene Immobilie – in ländlichen Gemeinden sind es sogar 87,3 Prozent, in Großstädten 80,4 Prozent. Diese hohe Eigentumsquote fungiert vielfach als informelle Säule sozialer Sicherheit. Sie schränkt jedoch gleichzeitig die räumliche Mobilität im Alter ein und erschwert den Wechsel in eine bedarfsgerechtere Wohnform.

    Hinsichtlich der Wohnungsgröße lebt fast die Hälfte der Seniorenhaushalte (46,5 Prozent) in mittelgroßen Wohnungen zwischen 60 und 99 Quadratmetern. Größere Immobilien über 150 Quadratmeter finden sich vor allem im Nordosten (15,7 Prozent) und in ländlichen Regionen (16,2 Prozent). In Großstädten hingegen dominieren kleinere Wohnungen unter 60 Quadratmetern mit einem Anteil von 12,6 Prozent.

    Zwar wohnen rund 70 Prozent der Senioren in leicht zugänglichen Wohnungen – im Erdgeschoss, im ersten Stockwerk oder in Gebäuden mit Aufzug. Dennoch lebt fast ein Drittel der Seniorenhaushalte (30,2 Prozent) in höheren Stockwerken ohne Liftanlage. Diese strukturellen Mängel bei der Barrierefreiheit stellen ein ernstes Hindernis für die tägliche Mobilität dar und können im Laufe der Zeit zur sozialen Isolation führen. Dies wäre sicherlich ein positives Betätigungsfeld für die Politik.

    Beim Heizkomfort setzt die Mehrheit der Senioren (68 Prozent) auf eine autonome Heizung. Zentralheizungen sind vor allem in den nordwestlichen Städten verbreitet (36 Prozent), während auf den Inseln fast 60 Prozent der Haushalte auf Einzelgeräte angewiesen sind.

    Interessant ist auch die Tatsache, dass trotz der Zunahme von Einpersonenhaushalten ältere Menschen in Italien sozial überwiegend gut eingebunden sind: 92,8 Prozent der alleinlebenden Über-75-Jährigen können auf Verwandte zählen. Auch Freunde (58,9 Prozent) und Nachbarn (69,2 Prozent) spielen eine wichtige Rolle im Alltag. Hier zeigt sich ein deutlicher Vorteil ländlicher Regionen: Dort sind Nachbarschaftsnetzwerke (73,7 Prozent) und Freundeskreise (64,7 Prozent) deutlich stabiler als in anonymen Großstädten (66,7 bzw. 56,6 Prozent). Was dies im konkreten Fall bedeutet, wäre näher zu beleuchten.

    Auch in Südtirol stellt die demografische Entwicklung eine wachsende Herausforderung dar. Heute leben rund 98.000 Menschen über 65 Jahre in der Autonomen Provinz Bozen; bis 2030 soll diese Zahl statistischen Prognosen zufolge auf über 140.000 ansteigen. Die Eigentumsquote im Wohnbereich dürfte sich kaum von den gesamtitalienischen Werten unterscheiden – was auch erklärt, warum der Wunsch, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben, so tief verwurzelt ist.

    Um diesen Wunsch zu unterstützen, braucht es ein belastbares Netz an ambulanten Diensten: Hauspflege, Haushaltshilfen und Betreuungsangebote über die Sozialsprengel sind dabei zentrale Bausteine. Ergänzend gewinnt das Modell des Begleiteten Wohnens an Bedeutung, das Senioren mit eingeschränkter Selbstständigkeit ermöglicht, im eigenen Haushalt zu verbleiben – begleitet durch regelmäßige Beratung, Alltagsunterstützung und die Förderung sozialer Kontakte.

    Darüber hinaus entstehen in Südtirol zunehmend innovative Wohnprojekte, die auf das Miteinander der Generationen setzen: Gebäudekomplexe mit Wohnungen für Senioren und junge Erwachsene, Gemeinschaftsräumen, Tagespflege und ärztlicher Versorgung unter einem Dach sind in Planung. Solche Mehrgenerationenmodelle bieten nicht nur praktische Vorteile, sondern wirken auch der sozialen Isolation entgegen.

    Die ISTAT-Daten zeichnen ein differenziertes Bild: Italiens ältere Bevölkerung profitiert von einer verhältnismäßig hohen Wohnsicherheit durch Eigentum und von stabilen familiären Bindungen. Gleichzeitig offenbaren strukturelle Mängel bei der Barrierefreiheit und die drohende Vereinsamung in städtischen Räumen klaren politischen Handlungsbedarf.

    Die lokale Politik hat das Problem erkannt und erste Maßnahmen eingeleitet. Nun gilt es, den Schritt von den Statistiken und Analysen zu konkreten Lösungen zu vollziehen. Ein Aspekt, der dabei oft übersehen wird: Ein wachsender Anteil der Mieter im sozialen Wohnbau (WOBI) ist älter als sechzig Jahre – mit steigender Tendenz. Auch der soziale Wohnungsbau steht damit vor einem notwendigen Umdenken, wenn er den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft gerecht werden will.


    Ein Beitrag von Alfred Ebner