Politik | Interview

„Es trifft die jungen Eltern“

Familien protestieren gegen die Tariferhöhung in den Bozner Kindergärten: Marianne Kuntz ist berufstätige Mutter und fordert von der Politik bessere Rahmenbedingungen.
Marianne Kuntz
Foto: Seehauserfoto
  • SALTO: Frau Kuntz, wieso haben Sie sich diese Woche am Elternprotest in Bozen beteiligt?

    Marianne Kuntz: Wir haben uns kurzfristig zusammengeschlossen, um gegen die erhöhten Tarife der Bozner Kindergärten zu protestierten. Denn ab dem neuen Kindergartenjahr werden die Kosten für die verlängerten Öffnungszeiten bis 16 Uhr wesentlich erhöht.

     

    „Aber hier stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht!“

     

    Wer mehr arbeitet, wird also bestraft?

    Ja, es trifft die jungen Eltern. Mein Partner und ich arbeiten beide in Vollzeit, nutzen noch die gesetzliche Elternzeit und teilen uns die Erziehung je zur Hälfte auf. Durch die geplante Tariferhöhung kostet eine Betreuungsstunde am Nachmittag fast viermal so viel wie eine Betreuungsstunde bis 14.30 Uhr. Mal abgesehen von den absoluten Mehrkosten – was ist denn hier die Botschaft für junge Eltern und eben oft Frauen, die arbeiten müssen oder wollen? 

  • Die Situation

    Die Landesregierung hat Anfang des Jahres die Kriterien für Kindergärten mit längeren Öffnungszeiten neu geregelt. Künftig reichen bereits acht Kinder anstatt zehn für die Aktivierung eines verlängerten Angebots. Eltern müssen dafür keine Berufstätigkeit mehr nachweisen, sondern es gelten auch persönliche Gründe. 

    In vielen Bozner Kindergärten werden nun die Tarife erhöht: Der reguläre Tarif für die Betreuungszeit bis 14:30 Uhr (inklusive Mittagessen) steigt von 78 Euro auf 81 Euro, für die verlängerte Öffnungszeit galt bisher die Pauschale von insgesamt 24 Euro pro Monat zusätzlich, also insgesamt 102 Euro monatlich. Ab Herbst muss für jede Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr pro Tag vier Euro bezahlt werden – also steigen die Kosten auf 161 Euro bei fünf Tagen verlängerter Öffnungszeit. 

  • Gleichzeitig versprechen Politikerinnen und Politiker immer wieder, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern…

    Wir begrüßen, dass in ganz Südtirol nun die Öffnungszeiten verlängert werden und kein Nachweis der Berufstätigkeit mehr notwendig ist. Denn es gibt Millionen verschiedene Situationen in den Familien, beispielsweise Angehörige in Pflege, keine familiäre Unterstützung, die nachmittags einspringen kann...

     

    „Denn das derzeitige Modell verlangt den Arbeitgebern und Familien sehr viel Flexibilität ab.“

     

    Was sind nun die nächsten Schritte der Protestgruppe?

    Wir hoffen, dass unser Protest Wirkung erzielt hat und die Tarife von den Verantwortlichen neu diskutiert werden. Denn wer den Fachkräftemangel beklagt, sollte es Arbeitskräften leichter machen, den ganzen Tag zu arbeiten. Ich verstehe, dass die Tarife in Kindergärten angepasst werden müssen. Aber hier stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht!

    Und wie beurteilen Sie die italienische Familienpolitik?

    Unter diesen Rahmenbedingungen ist es nicht leicht für junge Eltern, berufstätig zu sein. Dass etwa die verlängerte Elternzeit für Väter kürzlich abgelehnt wurde, ist ein Rückschritt. Außerdem braucht es heute auch noch viel Entgegenkommen der Arbeitgeber, um das Arbeitsleben mit Familie flexibel gestalten zu können. Deshalb würde ich mir mehr Planbarkeit wünschen. Denn das derzeitige Modell verlangt den Arbeitgebern und Familien sehr viel Flexibilität ab. Dabei ist es vor allem die Politik, die funktionierende Rahmenbedingungen für junge Familien schaffen muss. 

  • Zur Person

    Marianne Kuntz lebt mit ihrer Familie in Bozen. Die 39-Jährige arbeitet für einen Interessensverband und betreut ihre zwei kleinen Kinder in Abwechslung mit ihrem Partner.