„Der Bio-Marktanteil steigt noch immer“
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SALTO: Herr Grandi, welche Rolle spielen Konsumgenossenschaften wie die KonCoop in Italien?
Heini Grandi: In Italien gibt es sehr viele Konsumgenossenschaften, die über das Einkaufskonsortium Coop zusammengeschlossen sind und insgesamt rund 6,2 Millionen Mitglieder haben. Wir sind eine sehr kleine Coop mit 6.800 Mitgliedern und betreiben zwei Geschäftsstellen in Bozen und eine in Deutschnofen, die allen zugänglich sind. Wie schon bei der Gründung der ersten Konsumgenossenschaft 1844 in Rochdale, England, ist es unser Ziel, Produkte mit einem angemessenen Preis zu verkaufen, ohne von großen Lebensmittelketten abhängig zu sein. Denn die Eigentümer der Lebensmittelgeschäfte sind die Konsumenten selbst. Das klingt sehr schön, ist aber nicht immer so einfach (lacht).
„Ein kleiner Dorfladen in Prettau muss unter ganz anderen Bedingungen arbeiten als ein riesiger Supermarkt in Bozen Süd.“
Wieso?
Der Wettbewerb im Lebensmittesektor wurde in den letzten Jahren härter, außerdem wollen wir auch nachhaltige Produkte anbieten, die möglichst fair, biologisch und lokal produziert werden. Im Preisvergleich von Dritten können wir trotzdem mit lokalen Supermärkten mithalten. Auch wenn häufig die Meinung vorherrscht, dass wir teurer wären als andere. Dabei belegt der Preisvergleich von einigen Tausend Artikeln, dass das nicht stimmt. Zudem unterscheiden sich die Lebensmittelpreise sogar bei derselben Handelskette von Standort zu Standort…
Können Sie das genauer erklären?
Ich mache Ihnen ein Beispiel. Ein kleiner Dorfladen in Prettau muss unter ganz anderen Bedingungen arbeiten als ein riesiger Supermarkt in Bozen Süd. Vor allem das Einkaufsverhalten und die Größe des Angebots unterscheiden sich, auch wenn einzelne Produkte dieselben sein können.
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Zur Person
Heini Grandi (65) ist einer der Gründer der Weltläden in Italien namens Altromercato. Der Präsident von KonCoop ist außerdem weiterhin im fairen Handel von Bio-Bananen tätig. Grandi lebt mit seiner Frau in Bozen und hat zwei erwachsene Kinder.
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Wie entwickelte sich die Bewegung der Konsumgenossenschaften hierzulande?
Auch in Norditalien und Südtirol entstanden im 19. Jahrhundert zahlreiche Konsumgenossenschaften. Sie sind im Grunde Vorläufer der Food Coops (Lebensmittelkooperativen, Anm. d. Red.). In Südtirol mussten allerdings viele während dem Faschismus schließen. Heute existieren nur noch wenige aus dieser Zeit, in Salurn, Kurtatsch und Tramin. Vor 21 Jahren haben wir mit der Gründung von KonCoop versucht, diese alte Tradition wieder aufleben zu lassen.
„Trotzdem haben selbst Discounter Bio-Produkte in ihr Sortiment aufgenommen, um konkurrenzfähig zu bleiben.“
KonCoop beteiligt sich nun an dem Forschungsprojekt der Uni Bozen RE-LOCI, was erhoffen Sie sich davon?
Bewusstseinsarbeit bleibt bei nachhaltigem Konsum wesentlich, weil wir als Konsumenten immer weniger darüber wissen, wie Lebensmittel tatsächlich hergestellt werden. Im Forschungsprojekt beschäftigen wir uns deshalb mit der spannenden Frage, wie wir Konsumenten am besten ansprechen können. Es reicht nicht mehr, unseren klassischen Newsletter zu versenden, sondern wir wollen neue Formen der Kommunikation ausprobieren. Dabei muss uns klar sein, dass beispielsweise eine Mutter vor dem Einkaufsregal wenig Zeit hat, sich mit den Produktionsbedingungen zu beschäftigen, weil sie anschließend das Abendessen für die Familie zubereiten muss.
Wie wollen Sie überzeugen?
Wenn wir es schaffen, die Geschichte eines Produkts zu erzählen, dann bekommt es ein Gesicht. In Südtirol gibt es viele engagierte Menschen in der Landwirtschaft, die neue Wege ausprobieren, zum Beispiel mit dem Anbau von Gerste in Deutschnofen für die Biererzeugung oder mit Pilzanbau im Sarntal. Wenn diesen Geschichten erfolgreich vermittelt werden, sind Konsumenten bereit mehr zu zahlen und werden zu treuen Kunden. Sie wissen, was sie kaufen und sind davon überzeugt. Auch große Marken erzählen in ihrer Außendarstellung eine Geschichte, es geht um Emotionen. Sie haben große Werbebudgets, die wir nicht haben, aber was wir haben, sind wahre Geschichten.
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Sind biologisch zertifizierte Lebensmittel in Anbetracht neuer Erkenntnisse aus der Gentechnik und dem hohen Aufwand bei der Zertifizierung überhaupt noch zeitgemäß?
Mit einem Blick auf die Marktdaten würde ich sagen, auf jeden Fall! Denn der Marktanteil biologischer Lebensmittel steigt noch immer, wenn auch nicht so exponentiell stark wie noch vor einigen Jahren. Natürlich muss ein biologisches Produkt zertifiziert werden und das kostet. Trotzdem haben selbst Discounter Bio-Produkte in ihr Sortiment aufgenommen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Was die Gentechnik betrifft, würde ich diesen neuen durchaus interessanten wissenschaftlichen Erkenntnissen offen gegenüberstehen, allerdings bin ich in diesem Bereich kein Experte. Sicherlich profitiert auch die Bio-Landwirtschaft von vielen neuen Sorten, die aber nicht gentechnisch verändert wurden.
Nachhaltige Lebensmittel müssen leistbar sein. Könnten hier Instrumente wie ein allgemeines Grundeinkommen helfen?
Sicher, die Frage bleibt aber, was überhaupt ein angemessener und fairer Preis ist. Ich komme aus dem fairen Handel und weiß, dass eigentlich alle Lebensmittel etwas teurer sein müssten. Statistische Daten belegen, dass Menschen in Europa heute durchschnittlich einen viel kleineren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben als noch vor 50 oder 100 Jahren. Dabei vergessen sie vielleicht ein altes Südtiroler Sprichwort: Du bist, was du isst!
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Forschungsprojekt RE-LOCI
Südtirol befindet sich heute in einer historischen Phase, die von tiefgreifenden Veränderungen geprägt ist, sind die Projektpartner KonCoop und die Freie Universität Bozen überzeugt: Immer deutlicher werdende Klimakrisen, geopolitische Instabilitäten, die sich auf die globalen Handelsketten auswirken, neue gesellschaftliche Anforderungen in Bezug auf Qualität und Lebensmittelsicherheit. Vor diesem Hintergrund sei es unerlässlich, die Lebensmittelversorgung mit Blick auf Resilienz, Nachhaltigkeit und Regionalität zu überdenken.
Aus diesem Bewusstsein heraus entstand das Projekt RE-LOCI (lokale Lebensmittelnetzwerke für die Resilienz), das aus dem EFRE-Programm 2021–2027 finanziert wird. Es zielt darauf ab, ein innovatives Verfahren für die lokale Beschaffung für Konsumgenossenschaften zu entwickeln. Das Projekt wurde Mitte Februar im NOI Techpark vorgestellt und soll in einem partizipativen Prozess umgesetzt werden.
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