„Ganz viele“
-
SALTO: Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit nachhaltiger geprägt, als Sie damals je geglaubt hätten?
Evelin Moschèn: Ein nachhaltiges Erlebnis hängt mit dem „Sprachbastelbuch“. von Christine Nöstlinger zusammen. Ich hatte es in der Grundschulbibliothek ausgeliehen und wurde ermahnt, es zurückzugeben. Ich konnte es zuhause aber nirgends finden und es blieb auch verschwunden.
Erst Monate später tauchte es hinter meinem Bett wieder auf… vielleicht hat mich dieses Erlebnis gelehrt, dass Verlorenes manchmal nur Geduld braucht.Welcher letzte Satz eines Romans ist und bleibt für Sie ganz großes Kopfkino?
Eigentlich keiner im konkreten Sinn. Ich habe eine Eigenart beim Lesen: Bücher, die mir besonders viel bedeuten, lese ich nicht zu Ende. Nicht des Abbruchs willen, sondern aus dem Wunsch heraus, das Ende hinauszuziehen, aus einer Entscheidung für Offenheit: ich möchte, dass das Erzählte weitergeht, nicht auf der Seite, sondern im Denken. Solange das Ende ungelesen bleibt, bleibt das Buch in meinem Sehnsuchtsraum beweglich.
Ich habe auf der Buchmesse in Leipzig einmal einen Autor, dessen Buch ich begonnen hatte und mir sehr gefiel, gefragt, ob er es beim Literaturtag in Bozen zu Ende lesen würde. Und er ist tatsächlich gekommen.
Aber vielleicht gehört auch das zur Lektüre: dass sie sich nicht ganz spurlos erledigen lässt.
-
Immer und gerne bei Büchern: Evelin Moschèn ist in der Landesbibliothek „Dr. Friedrich Teßmann“ in Bozen mit dem Bereich Veranstaltungen betraut und betreut den Fachbereich Kunst. Sie hat Germanistik in Innsbruck studiert und ihre Ausbildung im Bereich Bibliothekswesen und Informationsmanagement an der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien absolviert. Ihr Interesse gilt insbesondere der Vermittlung zwischen Literatur, Kunst und Öffentlichkeit. Foto: PrivatReimen ist doof, Schleimen ist noch doofer… Auf welches – anscheinend gute – Buch konnten Sie sich nie wirklich einen Reim machen?
Wie? Reimen ist doof? Ich liebe Reime, und ich liebe Lyrik. mehr noch, ich liebe Liebeslyrik. Wenn Reime von Liebe sprechen, wie bei Pablo Neruda, oder sich mit Musik verbinden, wie das in den Texten von Bob Dylan der Fall ist, dann zeigen sie etwas Entscheidendes: Dass Bedeutung nicht nur aus Begriffen entsteht, sondern aus Erfahrung, Zeit und Stimme. Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz. Aber wie war nochmal die Frage? Auf erstaunlich viele Bücher, die andere sehr schätzen, kann ich mir übrigens keinen Reim machen. Nicht, weil sie „schlecht“ geschrieben wären, sondern weil sie mir keinen „Reim“ im eigentlichen Sinn angeboten haben: keinen inneren Anschluss, keinen Rhythmus zwischen Text und mir. Literatur entsteht eben nicht nur auf der Seite, sondern zwischen Buch und Lesenden.
Ein Fall für Commissario Vernatschio. Wie erklären Sie einem Außerirdischen die geheimnisvolle Banalität von Lokalkrimis?
Krimis habe ich lange Zeit überhaupt nicht gelesen. Den ersten Krimi haben mir zwei Mitarbeiterinnen der Ariadne, der frauen- und genderspezifischen Informations- und Dokumentationsstelle der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien für meine Zugfahrt nach Hause empfohlen. Es war ein Krimi von Ruth Rendell.
Love Letters: Studierende der Freien Universität Bozen haben Liebesbriefe Südtiroler Autor*innen grafisch und typografisch neu interpretiert, Worte in Form verwandelt, Emotion in Raum übersetzt. Foto: Bücherwelten 2026Gewichtig! Welchen Buch-Tipps schenken Sie noch uneingeschränkt Vertrauen?
Da fallen mir ein paar Bibliothekarinnen ein, denen vertraue ich uneingeschränkt. Was aber nicht heißt, dass ich alle Empfehlungen lese…
Was für ein Fehlschlag! Welches Buch würden Sie auf einer einsamen Insel zurücklassen?
Ganz viele.
Das Rauschen des Blätterns. Welches Buch würden Sie auf keinen Fall am E-Book-Reader lesen?
Für mich ist das eigentlich eine Entweder-oder-Frage: entweder alles digital, oder keines. Ich neige klar zum Zweiten, weil ich ein sinnesorientierter Mensch bin: ich blättere gern, ich brauche das Gewicht der Seiten. Das hat natürlich seine Nachteile, bei 34 Grad am Strand, in greller Sonne, wird selbst Literatur schweißtreibend. Aber vielleicht gehört auch das zur Lektüre: dass sie sich nicht ganz spurlos erledigen lässt.
Welches Buch zu Südtirol oder eines/einer Autors/Autorin aus Südtirol würden Sie unbedingt weiterempfehlen?
Alle Lyrikbände von Roberta Dapunt, alle Romane von Josef Oberhollenzer (aber nur, wenn er sie vorliest),...
Warum Liebesbriefe? Eine Ausstellung (bis 24. Februar) und mehrere Veranstaltungen dazu gibt es bei den Bücherwelten 2026.
Weitere Artikel zum Thema
Kultur | Bibliophile Fragen„Keine eindeutige Interpretation“
Kultur | Bibliophile Fragen„Ich mag Papier und Umschlagbilder“
Kultur | Bibliophile Fragen„Dabei war ich ein braves Kind“
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.