Renationalisierung und kritische Medien

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Die Böglerwiese war noch vom Tau überzogen als wir zur Wanderung „Navigating a Multi-Ordered World“ aufbrachen. Die frische Bergluft täuschte Ruhe vor, doch schon mit den ersten Schritten bergauf begann eine Debatte, die bald als wohl kontroverseste Veranstaltung in Alpbach galt. Im Zentrum: Nile Gardiner, Direktor des Margaret-Thatcher-Zentrums der Heritage Foundation – jener Denkfabrik, die als ideologischer Taktgeber der Trump-Administration gilt. Ihm gegenüber standen Catherine Clüver-Ashbrook (Bertelsmann-Stiftung), der ehemalige irische Minister Eamon Gilmore und UN-Vertreter Siddharth Chatterjee. Moderiert wurde die Diskussion von Anja Wehler-Schöck vom Tagesspiegel.
Gardiner warb für eine Renationalisierung Europas und äußerte sich in markant EU-kritischem Ton. Seine kompromisslose Unterstützung der israelischen Regierung und das Ausblenden des Leids in Gaza stießen auf heftigen Widerspruch, Zustimmung erhielt er jedoch für die klare Verurteilung des russischen Angriffskriegs. Der Aufstieg durch den Wald wurde so zum Sinnbild der Debatte: steil, anstrengend, voller Reibung. Gerade darin lag ihr Wert. Auch wenn Gardiners Einladung im Vorfeld heftig umstritten war, zeigte die Diskussion, wie wichtig es ist, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die im völligen Kontrast zum eigenen Weltbild stehen. Solche Begegnungen eröffnen die Chance, Argumente zu schärfen – und tragen dazu bei, die eigene Haltung kritisch zu reflektieren.
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Alpbach Diaries 2025
Jedes Jahr ermöglicht der Club Alpbach Südtirol Alto Adige (CASA) Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Südtirol die Teilnahme am Europäischen Forum Alpbach. Hier erzählen sie von ihren Erfahrungen.
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Unabhängiger Journalismus: Florian Novak stellt „jetzt“ vor
Damit solche Debatten nicht nur im unmittelbaren Austausch verhallen, braucht es unabhängigen Journalismus: Medien, die einordnen, nachfragen und auch unbequeme Stimmen sichtbar machen. Genau hier setzt das Projekt „jetzt“ von Florian Novak an, das in Alpbach vorgestellt wurde. Novak gründete „jetzt“, um ein neues, unabhängiges österreichisches Online-Medium zu schaffen. Ab September ist das Magazin im Netz. Schon vor dem offiziellen Launch hat die Plattform mehrere tausend Mitglieder gewonnen, die das Projekt durch ihre Beiträge finanzieren.
Das erklärte Ziel ist qualitativer Journalismus mit Tiefgang – frei von reißerischen Schlagzeilen, Klickjagd und oberflächlicher Berichterstattung. „jetzt“ versteht sich als Gegenmodell zu Clickbait und Desinformation, die zunehmend den digitalen Raum prägen.
Offen bleibt die Frage, wie groß die Reichweite sein wird. Gelingt es, über die ohnehin interessierte junge, gebildete Zielgruppe hinaus auch Menschen zu erreichen, die sich bislang weniger von seriösen Medien angesprochen fühlen? Unabhängig davon ist das Konzept vielversprechend. In einer Medienlandschaft, die von mächtigen Investoren und großen Eigentümerstrukturen geprägt ist, braucht es Projekte, die ihre Unabhängigkeit wahren. Denn nur freier Journalismus ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern - gut informiert - sich ein eigenes Urteil zu bilden. Man darf gespannt sein, ob „jetzt“ den Sprung in die breite Öffentlichkeit schafft – verdient hätte es das Projekt allemal.
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Hm. ich sehe das eher so,…
Hm. ich sehe das eher so, dass hier Neoliberisten (Heritage u. Bertelsmann) eine Bühne gegeben wird, um wieder ihre Saat auszustreuen und Kontakte zu knüpfen. Irgendwer wird deren Ideologien schon geschluckt haben und somit an deren Haken gegangen sein.
Mahlzeit