„Im Sand vergraben“
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SALTO: Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit nachhaltiger geprägt, als Sie damals je geglaubt hätten?
Sonja Hartner: In meiner Kindheit gab es, leider, kaum öffentliche Bibliotheken. In der Schule hatte die Lehrerin für uns eine ganz kleine Auswahl an Büchern, darunter „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern, nur daran, dass ich das Buch in ganz kurzer Zeit, an einem Nachmittag ausgelesen hatte, weil es spannend und traurig zugleich war. Vielleicht hat mich vor allem das Phantastische an der Geschichte angesprochen, phantastische Literatur im weitesten Sinne habe ich immer wieder gern gelesen.
Welcher letzte Satz eines Romans ist und bleibt für Sie ganz großes Kopfkino?
Das ist der Satz „Und wir? Wir sind für immer hier.“ des Romans Empusion der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, ein scheinbar banaler Satz, wenn er aus dem Kontext gerissen wird, sowieso. Wir, das ist die geheimnisvolle weibliche Erzählinstanz, die im Roman als Kollektiv auftritt, als Rachegeister, dämonische Wesen, zwar tot, doch immer da. Ich möchte nicht zu viel verraten, sonst wird das Buch nicht mehr gelesen, und das wäre wirklich schade.
Ansonsten lasse ich mich auch von Buchcovers nicht ungern zum Lesen verführen.
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Moderieren beim Literaturfestival: Sonja Hartner wird die Abschlussveranstaltung des Literaturfest/ival/e 2026 im UFO moderieren. Das Festival startete am vergangenen Dienstag mit der Veranstaltung von Boris Matić. Am Dienstag 3. März folgt Julia Jost, am 10. März Tamara Stocker. Foto: UFO/Gunther NiedermairReimen ist doof, Schleimen ist noch doofer … Auf welches – anscheinend gute – Buch konnten Sie sich nie wirklich einen Reim machen?
„Die Gesellschaft der Anderen“ von William Nicholson sollte ein sogenanntes „gutes“ Buch sein, wenn man den Rezensionen Glauben schenkt. Na ja, ich fand es ziemlich enttäuschend, verwirrend, es gibt jede Menge Tote, am Schluss dann noch ein wenig Esoterik und für mich als Leserin vor allem offene Fragen. Nicht unbedingt die Art Buch, die ich mag.
Ein Fall für Commissario Vernatschio. Wie erklären Sie einem Außerirdischen die geheimnisvolle Banalität von Lokalkrimis?
Angenommen, das außerirdische Wesen würde mich verstehen, würde ich es mit dem Satz versuchen: „Lokalkrimis sind Geschichten, die in Dörfern spielen, die im Verhältnis zur geringen Anzahl an dort lebenden Menschen ein sehr hohes Aufkommen an Morden haben, die, zum Glück, dank eines meist männlichen und sehr umtriebigen Ermittlers, zu 99 % Prozent aufgeklärt werden.“
Gewichtig! Welchen Buch-Tipps schenken Sie noch uneingeschränkt Vertrauen?
Den Buchtipps der Bibliothekarinnen und denen meiner Kinder. Ansonsten lasse ich mich auch von Buchcovers nicht ungern zum Lesen verführen.
Was für ein Fehlschlag! Welches Buch würden Sie auf einer einsamen Insel zurücklassen?
Paulo Coehlos „Der Alchimist“ würde ich nicht nur zurücklassen, sondern im Sand vergraben, damit es auf keinen Fall wiedergefunden wird.
Das Rauschen des Blätterns. Welches Buch würden Sie auf keinen Fall am E-Book-Reader lesen?
Die Seiten des Buches „Immer nach Hause“ von Ursula K. Leguin habe und möchte ich selber umblättern, auch wenn mit 863 Seiten ein ziemlicher Wälzer ist.
Welches Buch zu Südtirol oder eines/einer Autors/Autorin aus Südtirol würden Sie unbedingt weiterempfehlen?
„Frühere Wasser. Ein Aufwachsen in Absätzen“ von Martha Lanz vereint beides. Es ist ein Buch über Südtirol aus der Feder einer Südtiroler Autorin. Das allein reicht für eine Empfehlung natürlich nicht. Was es für mich besonders macht, ist, wie auch die Lyrikbände von Martha Lanz, die präzise Sprache, die trotz oder gerade wegen ihrer Kargheit unvermutete Bilder hervorruft und immer wieder überrascht.
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