„Das ist keine gesunde Entwicklung“
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Herr Landesrat Achammer, die bisherigen Ergebnisse der KOLIPSI-Studie der EURAC zeigen, dass die Zweisprachigkeit unter Jugendlichen abnimmt und auch die Kontakte zwischen der deutschen und italienischen Sprachgruppe weniger werden. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Die jüngste KOLIPSI-Studie aus dem Jahr 2025 wird im Herbst vorgestellt. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich die bisherigen Trends fortgesetzt haben. Das stimmt mich schon sehr nachdenklich.
Schaut man etwa auf das deutsche Schulwesen, zeigt sich ein paradoxes Bild: Das Schülermobilitätsprojekt LISE verzeichnet zwar mehr Zulauf, gleichzeitig verliert aber das heimische Zweitsprachenjahr („Un anno in L2“) tendenziell an Interesse. Dementsprechend werden wir uns überlegen müssen, was wir tun können, um die Kontakte zwischen den Sprachgruppen wieder zu stärken – denn das ist keine gesunde Entwicklung. Wir wissen alle, dass sich Sprache am besten durch praktische Anwendung vermittelt.
Ich habe das damals schon in der SALTO-Diskussion angesprochen: Meines Erachtens wäre es wichtig, den Schein einer „perfekten“ Zweisprachigkeit abzulegen. Wir müssen den Jugendlichen mehr Mut machen, die zweite Sprache einfach effektiv zu sprechen – selbst wenn dabei Fehler passieren. Die Erwartungshaltung ist mittlerweile oft so hoch, dass sich viele gar nicht mehr trauen zu sprechen.
Das Südtiroler Sprachbarometer 2025 der ASTAT zeichnet ein ähnliches Bild: 96 Prozent der Befragten sehen erhebliche Probleme beim Erlernen der Zweitsprache. Ist die Zweitsprachenförderung im Südtiroler Bildungssystem gescheitert?
Die Frage lasse ich so dahingestellt. Wir haben an den zentralen Schwierigkeiten gearbeitet – im Wesentlichen an drei Punkten:
Erstens: Hin zu mehr Konversation, Literatur nur als Brücke dazu. Wir haben die Rahmenrichtlinien schon vor Jahren so angepasst, dass Dialog und Austausch im Mittelpunkt stehen. Aber Veränderungen im Bildungssystem brauchen Zeit.
Zweitens: Die Didaktik. In der Südtiroler Lehrbefähigung ist Fremdsprachendidaktik nun Pflicht. Viele Lehrkräfte absolvieren ihre Ausbildung jedoch nicht hier, kommen mit einem völlig anderen Hintergrund ins Land.
Drittens: Die Kontinuität. Besonders im ländlichen Raum ist der häufige Lehrpersonenwechsel nach wie vor ein Thema. Wir haben zwar die Zugangstitel erweitert, können dadurch aber nur mäßig steuern.
Mein Fazit lautet: Erstens macht reine Quantität noch keine Qualität – viele Unterrichtsstunden garantieren noch keinen Lernerfolg. Und zweitens lässt sich keine Sprache lernen, wenn die Umgebung und die Motivation fehlen. Während Englisch als „cool“ gilt, nehmen viele Italienisch immer noch als bloße Verpflichtung wahr. An dieser intrinsischen Motivation müssen wir ansetzen.
„Das nimmt die Verkrampftheit, mit der bei uns im Land manchmal an das Thema herangegangen wird.“
Zwar interessieren sich mehr Schülerinnen und Schüler für LISE, aber ein klassisches Auslandsjahr in den USA oder Kanada ist weiterhin deutlich beliebter. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
LISE hat sich sehr positiv entwickelt und ich wäre absolut dafür, das Programm auszubauen – die Nachfrage ist sogar größer als das Angebot an Plätzen. Allerdings setzt das Projekt voraus, dass man in eine andere italienische Region geht. Dass man Italienisch lieber in einer anderen italienischen Region lernt, als ein Zweitsprachenjahr an einer anderen Schule innerhalb Südtirols zu machen, muss uns zu denken geben.
Das ist übrigens kein reines Problem der deutschen Schule. Auch die italienische Schule muss sich hinterfragen, wie sie Deutsch vermittelt – denn die Deutschkenntnisse dort schneiden im Vergleich oft noch schlechter ab. Und das ist kein Werten – nicht falsch verstehen –, sondern das ist ein beidseitiger Prozess, der von beiden Seiten Offenheit verlangt.
Laut Sprachbarometer 2025 befürworten 60 Prozent zweisprachige Schulen als Zusatzangebot. Ist es Zeit, über solche Modelle nachzudenken?
Heute gibt es schon ganz viele Möglichkeiten, die zum Teil noch ungenutzt bleiben. Diese Grautöne zwischen Schwarz und Weiß müssen wir massiv fördern. Das beginnt bereits im Kindergarten mit spielerischen Ansätzen, die an die Sprache heranführen und Lust auf eine zweite Sprache machen – wie etwa das Projekt Papperlapapp. Ebenso gibt es Sprachenzüge oder CLIL als Projekt in Grund-, Mittel- und Oberschulen.
Der Ansatz von CLIL ist doch genau der: Sprache nicht isoliert zu betrachten, sondern als Mittel zum Inhalt zu nutzen. Das nimmt die Verkrampftheit, mit der bei uns im Land manchmal an das Thema herangegangen wird. Warum sollte man etwa Rechts- und Wirtschaftskunde in der Oberstufe nicht ein halbes Jahr lang auf Italienisch unterrichten?
„Anstatt ständig über den dritten Schritt zu streiten, müssen wir den zweiten Schritt endlich machen.“
Um noch einmal auf das zweisprachige Schulmodell zurückzukommen: Inwiefern wäre ein solches Modell aus Ihrer Sicht und innerhalb der Landesregierung überhaupt umsetzbar – auch im Hinblick auf die Südtiroler Autonomie und den Schutz der Sprachgruppen?
Auch wenn ich mir persönlich vieles vorstellen kann, was dem Minderheitenschutz gleichzeitig gerecht werden muss, begehen wir in dieser Diskussion meines Erachtens einen großen Fehler: Wir streiten immer heftiger ideologisch darüber, vergessen dabei aber das zu tun, was schon heute möglich wäre.
Also anstatt ständig über den dritten Schritt zu streiten, müssen wir den zweiten Schritt endlich machen, also Austauschprojekte beispielsweise entschlossen und nicht halbherzig umsetzen. Da muss ich auch Mea Culpa sagen – da müssen wir noch einiges tun, damit Schulen noch mehr in diese Richtung gehen.
An der geplanten Schule in der Baristraße sollen deutsche und italienische Klassen künftig unter einem Dach lernen. Kann ein solches Modell ein Weg sein, die Zweisprachigkeit zu stärken?
Das ist ein bisschen ein Missverständnis. In der Baristraße geht es im Wesentlichen um Modelle, wie wir sie schon aus der Langer-Schule kennen: Eine deutsche und eine italienische Schule befinden sich nebeneinander und nutzen gemeinsame Momente.
So etwas befürworte ich absolut, denn die natürliche Sprachanwendung entsteht durch den Austausch. Allerdings muss man auch der Realität ins Auge sehen: Wir bräuchten das viel mehr im peripheren, deutschsprachigen Gebiet, denn im städtischen Raum ist die Konversationssprache außerhalb der Schule so gut wie immer Italienisch. Treffen sich dort deutsche und italienische Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof, sprechen sie in der Regel zu 99 Prozent Italienisch.
Was sagen Sie Eltern, die den Eindruck haben, dass ihre Kinder trotz jahrelangen Unterrichts am Ende nicht ausreichend Italienisch beziehungsweise Deutsch sprechen?
Wir tragen alle eine gemeinsame Verantwortung – Schule wie Elternhaus. Die Schule nimmt sich nicht aus der Pflicht und arbeitet weiter an der Unterrichtsqualität. Aber Eltern können die Aufgabe nicht einfach abwälzen. Sie müssen sich fragen: Welche Gelegenheiten schaffen wir außerhalb der Schule? Welche Einstellung zum Sprachenlernen geben wir unserem Kind mit?
Gleichzeitig braucht es ein klares gesellschaftliches und politisches Commitment. Wenn wir alle in aller Deutlichkeit sagen würden, dass die Begegnung der deutschen und italienischen Sprache in Südtirol ein riesiger Mehrwert ist, brächte uns das massiv weiter.
„Um eine Sprache wirklich gut zu lernen, braucht es einen breiten gesellschaftlichen Konsens.“
Also braucht es ein gesellschaftliches Umdenken?
Ja, zu 100 Prozent. Ich glaube, wir müssen gewisse Kapitel der Geschichte endlich hinter uns lassen. Ich nehme bei manchen Gruppen sogar eine Art Rückwärtsentwicklung wahr – nach dem Motto: „Du brauchst eigentlich gar kein Italienisch.“ Auf der anderen Seite gibt es Gott sei Dank auch Gruppen, die extrem aufgeschlossen sind. Aber am Ende gilt: Um eine Sprache wirklich gut zu lernen, braucht es einen breiten gesellschaftlichen Konsens.
Ehrlich gesagt fragt man…
Ehrlich gesagt fragt man sich schon wo der Landesrat das Selbstbewusstsein in punkto Mehrsprachigkeit hernimmt? Die Frage die nicht gestellt wurde: kann der Landesrat, der ja offenbar auch für die sprachliche Weiterbildung zuständig ist, dieses Interview auch in italienisch und englisch geben?
Hätten die Regierenden nur ein bisschen Bezug zur Wirklichkeit wüssten Sie dass die mehr oder weniger perfekte Dreisprachigkeit in jeder größeren Firma sowie in der Hotellerie heutzutage Standard ist..... Von Menschen in dieser Preisklasse (das gilt nicht nur für den Landesrat) würde ich mir das erwarten....