„Wissenschaftliche Erklärungen“
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SALTO: Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit nachhaltiger geprägt, als Sie damals je geglaubt hätten?
Roland Psenner: Deutsche Heldensagen, vorgelesen von meinem Vater – ich konnte noch nicht lesen. Die exzessive Grausamkeit (Wieland der Schmied, Wälsungenblut, die Nibelungen …) und der Eindruck, hier etwas Authentisch-Unheimliches zu hören, eine Ahnung der unerbittlichen Welt der Vorfahren zu bekommen … das alles hat mich nachhaltig beeindruckt. Später, viel später, schien mir Der Herr der Ringe als weichgespülte, also eigentlich kindgerechte Version „echter“ Sagen. Ich vermute, dass eine für Kinder umgeschriebene, „sanfte“ Fassung von Sagen und Märchen (man denke an die Hexenverbrennung in Hänsel und Gretel oder der Foltertod in Schneewittchen) etwas Essentielles verschweigt. Wissenschaftliche Erklärungen für Eruptionen der Grausamkeit, die zum Beispiel Meller, Michel, van Schaik in Die Evolution der Gewalt (dtv 2025) liefern, gab es in meiner Kindheit nicht.
Welcher letzte Satz eines Romans ist und bleibt für Sie ganz großes Kopfkino?
„Nach dem Kriege wurden Princips Gebeine ausgegraben, nach Sarajevo gebracht und dort bestattet.“ (Ludwig Winder, Der Thronfolger. Erschienen 1937 und sofort verboten).
Sarajevo als Beispiel für multiethnisches Zusammenleben, Auslöser und Opfer europäischer Kriege. [Gavrilo Princip erschoss 1914 Franz Ferdinand und Sophie; Sarajevo wurde von der Jugoslawischen Volksarmee und der Armee der Republika Srpska 1425 Tage belagert, 13.952 Menschen wurden getötet.]
Kein Buch, eine Bibliothek. Aus Pietät: Keine Namen!
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Sachbuch-Debatte: Auch in diesem Jahr ist Roland Psenner wieder bei der Sachbuch-Debatte dabei. Heuer geht es um Machtverhältnisse. Am Donnerstag, 5. Februar, 18 Uhr, im Waltherhaus Bozen. Foto: Südtiroler KulturinstitutReimen ist doof, Schleimen ist noch doofer… Auf welches – anscheinend gute – Buch konnten Sie sich nie wirklich einen Reim machen?
Da mich viele Bücher enttäuscht oder ratlos zurückgelassen haben, hier nur das zuletzt gelesene: László Krasznahorkai. Zsömle ist weg. (S. Fischer 2025)
Ein Fall für Commissario Vernatschio. Wie erklären Sie einem Außerirdischen die geheimnisvolle Banalität von Lokalkrimis?
Schöne Welt – böse Leut (Claus Gatterer). Eine künstliche kleine Welt, wo die Gletscher unmittelbar auf Weinberge stoßen, wo man sich – ein bisschen – gruseln kann, denn man weiß, es ist nur Heimatwerbung.
Gewichtig! Welchen Buch-Tipps schenken Sie noch uneingeschränkt Vertrauen?
Ich verlasse mich seit 2018 auf Monika Obrist vom Südtiroler Kulturinstitut. Wenn Sie nicht selbst lesen wollen, gehen Sie zur Bücherdiskussion im Waltherhaus. (Mein Gott, schon wieder Heimatwerbung).
Was für ein Fehlschlag! Welches Buch würden Sie auf einer einsamen Insel zurücklassen?
Kein Buch, eine Bibliothek. Aus Pietät: Keine Namen!
Das Rauschen des Blätterns. Welches Buch würden Sie auf keinen Fall am E-Book-Reader lesen?
Keines. Ich brauch das haptische, akustische (Rauschen des Blätterns) und die Unabhängigkeit von Strom- und anderen Netzen.
Welches Buch zu Südtirol oder eines/einer Autors/Autorin aus Südtirol würden Sie unbedingt weiterempfehlen?
Immer das zuletzt gelesene: Stefano Zangrando. I padri si saltano. Arkadia 2025
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