Gesellschaft | #Multilingual

Wie wir den „disagio“ überwinden

Seit ich das Unbehagen, zuhause eine Fremdsprache zu hören, selbst erlebe, habe ich mehr Empathie für italienische Südtiroler. Das Gefühl kann man aber überwinden.
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Scham.jpg
Foto: Rollstein on Pixabay

Sprache hängt mit Emotionen zusammen. Und wenn ein ständiges, latentes Unbehagen dich mit einer Sprache verbindet, wirst du sie schwer (gut) lernen. Was die Sprachwissenschaft durch Studien untermauert, wissen viele italienischsprachige SüdtirolerInnen seit der Kinderkrippe. Dieses unangenehme Gefühl, im eigenen Land eine Fremdsprache zu hören und diese nicht immer ausreichend zu sprechen erleben sie täglich; es wurde sogar ein Wort dafür gefunden: ”Il disagio“ degli Italiani in Alto Adige. Umgekehrt fühlen sich auch einige deutschsprachige Südtiroler unwohl, wenn sie im Italienurlaub überraschten Landesleuten erklären müssen, warum sie als italienische Staatsbürger der italienischen Sprache nicht zu 100 Prozent mächtig sind.

Mit diesem Unbehagen konnte ich mich – dank meines italienischsprachigen Opas fast zweisprachig aufgewachsen ­– wenig identifizieren. Bis ich meinen Lebenspartner ausgerechnet in einem abgelegenen Südtiroler Tal fand, das sich den gängigen Sprachgesetzen des Landes entzieht: im ladinischsprachigen Gröden.

Mein Grödner Freund, und sein ganzer Familien-und Bekanntenkreis haben mich den „disagio“ der Südtirolerinnen und Altoattesini zu spüren gelehrt. Sie haben mich aber auch gelehrt, wie ich dieses Gefühl des Unbehagens umwandeln kann: In ein Gefühl der Dankbarkeit, des Selbstbewusstseins und in einen Motor, meinen Wortschatz zu erweitern.

 

 

Der Weg dahin war nicht immer leicht. Beim Mittagstisch im Zuhause meines Freundes musste ich erstmal schmerzlich feststellen, dass Ladinisch nicht bloß eine Mischung aus Deutsch und Italienisch ist, und dass ich gerade mal 30 Prozent des Gesagten aus meinem romanischen Wortschatz (neben Italienisch, auch Französisch und Latein) ableiten konnte. Brachen also am Tisch plötzlich alle in Gelächter aus, saß ich schulterzuckend daneben, die Pointe hatte ich verpasst.

Dazu kam die Erkenntnis: Ladinisch ist eigentlich die Ursprache meiner Heimat, nicht der Südtiroler Dialekt. Römische SiedlerInnen, die einen vulgärlateinischen Dialekt sprachen, ließen sich zuerst in der Alpenregion nieder. Danach erst wurde Südtirol durch die Bajuwaren germanisiert. Das Vulgärlatein, das heute Ladinisch heißt, wird nur mehr in wenigen Tälern des Trentino-Südtirol, des Veneto und der Schweiz (in verschiedenen dialektalen Ausprägungen) gesprochen – in den Tälern, die die deutschsprachigen Stämme aufgrund ihrer Abgeschiedenheit nicht erreichten.

Trotz des Unbehagens, die die fremden Wörter in meiner eigenen Heimat in mir auslösten, streute meine Schwiegermutter auch noch Salz in die Wunde und sprach unbeirrt weiter Ladinisch mit mir. Vor Scham, nicht antworten zu können, wollte ich manchmal im Boden versinken.

Druck und Unbehagen entstehen meist aus Ansprüchen der Perfektion. Diese Ansprüche müssen wir loswerden.

Heute ist mir bewusst, wie kontraproduktiv und unbegründet meine Scham war. Meine Schwiegermutter spricht nicht stur Ladinisch mit mir, weil es ihr Spaß macht, mir dabei zuzusehen wie ich verzweifelt versuche Sätze wie „Co dijun pa a chej per Ladin“ richtig auszusprechen, sondern weil sie weiß: Die beste Art, eine Sprache zu lernen, ist, sie zu sprechen; dazu gehört auch zu lernen, einen Fehler zehnmal und mehr zu machen, bis man den Satz richtig sagen kann.

Mittlerweile verstehe ich 60 Prozent von dem, was beim Abendtisch in Gröden gesagt wird, und kann manchmal sogar auf Ladinisch antworten. Im Ausland kann ich damit angeben, dass ich eine Sprache (mehr oder weniger) beherrsche, die weltweit nur rund 30.000 Menschen sprechen. In einer Zeit, wo statistisch gesehen alle zwei Wochen eine Sprache ausstirbt und die Hälfte der Weltbevölkerung eine von 11 Hauptsprachen spricht (obwohl es 6.000 gibt), kommt das gut an. Ladinisch ist übrigens im UNESCO-Weltatlas der bedrohten Sprachen festgehalten. Das macht es umso cooler, sie zu sprechen, und umso wichtiger, sie zu schützen.

 

 

Doch solange wir das Sprachenlernen mit negativen Emotionen verbinden, wird das nichts mit der Sprachenvielfalt. Wie können wir also den Prozess des Sprachenerwerbs statt mit Druck, mit Freude verbinden?

Zum einen müssen wir weg vom Anspruch, die Sprache perfekt zu sprechen oder sie andernfalls ganz zu lassen. Niemand lacht mich in St. Ulrich aus, wenn ich ein italienisches Wort, vermeintlich ladinisiert, in meinen Satz einbaue, obwohl es auf Ladinisch eigentlich ein ganz anders Wort dafür gäbe. Im Gegenteil: Die Augen eines Grödners leuchten, wenn ich auf Ladinisch antworte, egal wie viele Fehler im Satz stecken.

Solange wir das Sprachenlernen mit negativen Emotionen verbinden, wird das nichts mit der Sprachenvielfalt.

Diese Selbstverständlichkeit, trotz Unsicherheiten auf Ladinisch zu sprechen, verdanke ich auch der Beharrlichkeit meiner Schwiegermutter. Seitdem spreche ich auch deutsch mit italienischsprachigen SüdtirolerInnen, anstatt beim ersten Ansatz eines italienischen Dialekts ins Italienische zu wechseln, wie es oft passiert. Denn damit tut man niemandem einen gefallen, sondern nimmt den Menschen die Chance, im Alltag die zweite Sprache zu üben.

Was für mich und meinen Partner eine ausschlaggebende Motivation dafür war, fleißig Ladinisch zu üben: In keiner Sprache kann man sicherer über den nervigen Nachbarstisch im Restaurant lästern als auf Ladinisch. Und zwar weltweit. Denn auch wenn wir auf Französisch oder Russisch Dinge besprechen, die nicht für das öffentliche Ohr gedacht sind – die Wahrscheinlichkeit, dass die Person nebenan diese Sprache ebenso beherrscht, ist gegeben. Bei einer Minderheitensprache wie dem Ladinischen sinkt diese Gefahr fast auf null. Und so können wir freudig in der Welt unser „Gossip“ auf Ladinisch fortführen.

Egal wie edel die Beweggründe – eine neue Sprache ist immer eine Bereicherung. Druck und Unbehagen entstehen meist aus Ansprüchen der Perfektion. Diese Ansprüche müssen wir loswerden, und uns erinnern: Neue Sprachen öffnen neue Türen. Ob die Grammatik dabei perfekt ist oder jedes einzelne Wort verstanden wird, ist zweitrangig. Und wer diese Überwindung üben will und ins kalte Wasser springen: Der statte Gröden einen Besuch ab.