Fragen der Fairsorgung

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Die Frage, wer sich im Land Südtirol um Pflege in den vielen Bedeutungen des Wortes kümmert, ist schnell gestellt, ob man sie für den deutschen Begriff zum Themenfeld beantwortet oder auch für den akademischen Anglizismus „care“. Der Blick ins Publikum gab am Montag um 19.30 Uhr im Pressesaal des Palazzo Widmann eine Negativantwort: „Männer eher nicht“. Der von Katharina Crepaz mit 24 Kolleg:innen an der eurac ausgearbeitete Gender Report Südtirol 2024 gibt eine detailliertere, tendenziell aber ähnliche Antwort. Bis zur von der politischen Ökonomin und Aktivistin Elisabeth Klatzer geforderten „Fairsorgung“, die zu forderst eine gerechte Aufteilung und Entlohnung bezahlter und auch bislang unbezahlter Pflege vorsieht, ist es ein weiter Weg.
Zeit für Pflegearbeiten nehmen sich hierzulande nach wie vor die Frauen mehr als die Männer. Katharina Crepaz unterstreicht dies mit einigen Daten des letztjährigen Gender Reports: Zu 83 Prozent bleiben die Mütter zu Hause, wenn kranke Kinder zu betreuen sind, zu 77 Prozent kocht die Frau und zu 74 Prozent kümmert sie sich ums Ankleiden der Kinder. Knapp männlich dominierte Felder in der Zeitaufteilung zwischen Ihm und Ihr sind dann erst Spiel & Freizeitaktivitäten sowie das Abliefern bei der Schule. Frauen verwenden damit beachtlich mehr Zeit auf die unbezahlte „care Arbeit“. Die dritte Frau im Bunde, die sich unter anderen Personen um den Abend gekümmert hat, ist Dramaturgin Elisabeth Thaler. Sie hatte auch die Entscheidung für die Bühne des Palais Widmann getroffen, das Signal ist klar und wird ausformuliert: Es braucht nach wie vor politischen Support. Daran können kein Equal Care Day (1. März), kein 8. März und keine Theaterpremiere der VBB morgen Abend so schnell etwas ändern.
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Angstzentrum: Wer entführt hier wen? Ab morgen kümmern sich die Vereinigten Bühnen Bozen um das Thema Pflege. Foto: Theo Kortschak
Man greift nicht zu sehr vorweg, was „Die Entführung der Amygdala“, Anna Gschnitzers neuesten Theatermonolog anbelangt, der vom 14. bis zum 28. März von Barbara Romaner unter der Regie von Nele Lindemann gespielt wird. Was man mitteilt, ist nur ein Spiegel der Realität: Meistens wird erst dann zugehört, wenn zuvor etwas passiert. Dabei gäbe es Gründe um genau jetzt aktiv zu werden, besonders wenn es nach der Ökonomin Elisabeth Klatzer geht. Sie sieht die Pflegearbeit „im Kern der Wirtschaftspolitik“ und nicht nur in der Sozialpolitik. Bezahlte und unbezahlte sei zudem in deutschsprachigen Ländern der größte Wirtschaftssektor und zudem Grundbedingung jeden wirtschaftlichen Arbeitens: „Ohne care steht alles still.“, so Klatzer. „Wirtschaftspolitik auch mal als care- oder Sorgearbeit zu sehen heißt, sich einmal andere Gedanken zu machen.“ Man wisse bereits, dass sich Investitionen in die Pflege selbst finanzieren würden, meint die Professorin der Universität Graz und verweist etwa auf Studien von Jerome De Henau und Susan Himmelweit der Open University. Investitionen in Betreuung, Bildung und Pflege – so definieren die Autoren das Feld care – lohnen sich im Vergleich mit solchen in anderen Sektoren auf besondere Weise, berichtet Klatzer. „Es ist unglaublich, wieviel an Ideologie in wirtschaftspolitischen Konzepten von Ökonomen und manchmal auch Ökonominnen steckt.“ Feministische Perspektiven würden in der Ökonomie generell eher ignoriert.
Einen essenziellen Ausgangspunkt für die Spirale der Ungleichheit sehen beide gerade bei der Kinderbetreuung und Klatzer lamentiert, dass eine Bedarfserhebung für die notwendigen Plätze etwa in der Sommerbetreuung bereits im Monat September wenig Sinn ergebe. Plätze würden hier Nachfrage schaffen, statt dass sich die Plätze an einer täuschend niedrigen Erhebung des „Bedarfs“ orientieren. Neben direkt geschaffenen Arbeitsplätzen könnten viele Mütter mehr oder überhaupt erst ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen.Von Ideen, einfach im Namen der Geschlechtergerechtigkeit, Frauen einfach für die von ihnen „vielleicht aus Liebe, vielleicht aus biologischer Veranlagung“ sowieso verrichtete care Arbeit einfach zu bezahlen, halten beide am Ende wenig, nachdem Katharina Crepaz diese Provokation in den Raum stellt. Es gelte vielmehr die sowohl bezahlten, wie auch bislang unbezahlten Pflegetätigkeiten gerechter zu entlohnen, auch um diese Positionen den Männern schmackhafter zu machen. Im Burgenland werde eine geringfügige Entlohnung – „für an Schlapf, würde man in Österreich sagen“ – derzeit erprobt und es zeige sich, dass diese Ansätze bestehende Geschlechterstrukturen eher noch einzementieren.
Wie aber zur Aktion übergehen? Neben dem Geld geht es sehr wesentlich auch um Zeit, die für Klatzer essenziell sei. Sie verweist dabei auf „Die 4-in-1-Perspektive“ nach Frigga Haug. Man brauche Zeit nicht nur für care- und Erwerbsarbeit, sondern auch für Selbstsorge oder „selfcare“, sowie für das politische Gestalten. Rechnerisch würde man dabei auf vier Stunden Erwerbstätigkeit am Tag kommen, damit für die übrigen drei Punkte ausreichend Zeit bliebe, was mit zu den Gründen zählen dürfte, dass es in den Ländern im Norden Europas bei der gerechten Aufteilung tendenziell besser aussieht. Wie sehr die Lösung des Problems an der Zeit hängt, unterstreicht für Klatzer auch der 24. Oktober 1975, als in Island 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit niederlegten. So kann es gehen.
Fragen sind noch viele aufgekommen, die Hebel müssen wohl auch an vielen Stellen angesetzt werden, um auch nur längerfristig zu einer Besserung der Situation zu kommen. Bis dahin wird die Pflegearbeit wohl noch viel Kummer bereiten.
Auch das dritte Pop-up-Podium soll als Podcast online gestellt werden. Folge zwei mit dem Thema „Ungesundes Schweigen – Status, Stigma, Sex“ mit der Dragqueen Candy Licious und Sexualtherapeut Michael Peintner befindet sich momentan noch in Ausarbeitung.
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Wir Männer sind zu sehr…
Wir Männer sind zu sehr damit beschäftigt unsere Dominanz (?) zu erhalten, unseren Egozentrismus zu pflegen, den Frauen das Leben zu erschweren, unseren Impulsen zu folgen anstatt uns mit anderen auszutauschen, gemeinsam Probleme zu überlegen und Lösungsansätze zu finden. Che figuraccia.