Kunst | Nachgerufenes

Bewegung ist Leben

Zum Tod des Künstlers Robert Scherer, der in Kortsch aufwuchs, in Österreich zum Künstler ausgebildet wurde, lange im Überetsch lebte und nun mit 97 Jahren verstarb.
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Foto: Seehauserfoto
  • Robert Scherer war eine ganz außergewöhnliche und sicher eine der bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten Südtirols“, kommentiert die Kunsthistorikerin Eva Gratl die Nachricht vom Tod des bekannten Künstlers.  „Er war ein Einzelgänger in der Kunst mit einer beeindruckenden Vielfalt von unterschiedlichen Werken und Techniken, die er alle - und wie! – beherrschte“, sagt sie. 
     

    Fließende, sich überschneidende Linien, kräftige Farbgebung und phantastisch-surreale Grundstimmungen...

  • Meister in vielen Fächern: Malerei, Zeichnung, Kunst am Bau, Glasarbeit... Foto: Lanserhaus Eppan

    Anlässlich seines 90. Geburtstages widmete ihm die Gemeinde Eppan an der Weinstraße, in der Scherer viele Jahre seines Lebens wohnte und wo er sich an viele Plätzen und Fenstern verewigt hat, eine umfassende Retrospektive. Die letzte. „Seiner persönlichen Devise Bewegung ist Leben und seinem Drang nach permanenter Veränderung entsprechend durchwirkt ein farbig fließend expressives Liniengeflecht weite Teile seiner malerischen Bildsprache“, meinte damals der Kurator und Kunsthistoriker Mathias Frei. „Das Spiel der fließenden Linien als Ordnungselement in der Verflechtung von Figuration und Abstraktion im Netzwerk expressiver Farbakkorde wird zum Markenzeichen seines künstlerischen Selbstverständnisses. Dazu mag wohl das Erbe des österreichischen Expressionismus und ein Erinnerungssubstrat an den ornamentalen Sinn des Jugendstils beigetragen haben“. 

  • Kloster Docharion, 1985: Robert Scherer in der Sammlung Kreuzer. Foto: Sammlung Kreuzer

    Robert Scherer wurde am 7. Juni 1928 in Kortsch (Schlanders) geboren, besuchte in der Zeit des Faschismus die italienische Volksschule und gleichzeitig auch die Katakombenschule. In den Jahren 1939/40 optierten die Scherers, die Familie übersiedelte mit zehn Kindern nach Ottensheim bei Linz. Dort verstarb die Mutter bei der Geburt des elften Kindes. 
    Mit 14 Jahren besuchte der junge Robert (wie viele weitere Südtiroler) die nationalsozialistische Heimschule in Rufach im Elsass, daraufhin absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Bayern. Als noch nicht 17-Jähriger kam es auch für ihn knapp vor Kriegsende zur Einberufung an die Front in die Nähe Berlins. Nach dem Krieg kam er in amerikanische Gefangenschaft. Scherer gelang die Flucht und er eilte zu Fuß zu seiner Familie zurück nach Ottensheim. 

  • Robert Scherer (1928-2025): Sinnbilder des Lebens, des Seins, als Identitätssuche des Menschen und Künstlers selbst. Foto: Seehauserfoto
  • 1946 kehrten die Scherers nach Kortsch zurück und es begannen für den kunstsinnigen Robert bis 1950 die Lehrjahre als Malergehilfe in Schlanders und dann in Bruneck bei einem Restaurator. Von 1951 bis 1959 absolvierte der vielseitig Kreative das Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien – darunter auch zwei Semester bei Clemens Holzmeister. Nach dem Studium folgten Studienreisen nach Italien, Deutschland, Frankreich und England und 1960 Rückkehr nach Südtirol, wo er gemeinsam mit seiner Frau, der Journalistin Elisabeth Baumgartner in Brixen/Milland wohnte. Bis 1966 arbeitete er als Kunsterzieher an Mittelschulen und erhielt erste künstlerische Aufträge. Ab 1966 war er als freischaffender Maler und Grafiker in Bozen ansässig.

     

    Und dazu noch die besondere Farbe: Blau in seinen Tönen, immer wieder. Das prägt sich tief in unser Gedächtnis. Das wird bleiben.

  • Reitender Engel auf blauem Grund: Eine Arbeit aus dem Jahr 1972 Foto: Sammlung Eccel-Kreuzer

    „Faszinierend für mich“, sagt Eva Gratl, „wie er Landschaft und Mensch von einem inneren Gefühl her erfasst hat. Linien und Fläche und Raum mit diesen unverkennbaren Schwingungen und seinem besonderen Rhythmus und seiner Harmonie. Expressiv, poetisch, figurativ und abstrakt, oft auch dramatisch und dann ganz sanft: Und dazu noch die besondere Farbe: Blau in seinen Tönen, immer wieder. Das prägt sich tief in unser Gedächtnis. Das wird bleiben.“

    Von 1970-73 war Robert Scherer im Ansitz Paschbach in Eppan wohnhaft, wo bereits vor ihm Arturo Benedetti Michelangeli, einer der berühmtesten Pianisten des 20. Jahrhunderts lebte und sich künstlerisch entfaltete. Nach seiner Zeit auf Paschbach zog Scherer in den abgeschiedenen Weiler Altenburg in Kaltern. Im kleinen Überetsch erhielt er zahlreiche Aufträge für Wandmalereien, doch es zog ihn auch immer wieder in die weite Welt. Die zahlreichen Studienreisen führten ihn nach Griechenland, Israel, Nordafrika, USA, Mexiko oder Sri Lanka. 

  • In Buñol in Spanien: Natur- und Kulturlandschaften umgesetzt in Skizzen, Zeichnungen und Zyklen. Foto: Sammlung Eccel Kreuzer

    „Fließende, sich überschneidende Linien, kräftige Farbgebung und phantastisch-surreale Grundstimmungen" betont der Kunsthistoriker Carl Kraus „mit diesen, von der Wiener Ausbildungszeit mitbestimmenden Ansätzen hat Robert Scherer die Südtiroler Kunstszene nach 1945 entscheidend mitgeprägt und dabei wie kaum ein anderer ein vielgestaltiges Werk vom Tafelbild und Fresko und zur Glasskulptur hinterlassen."

    Robert Scherer war Ende der 1970ern auch Lehrer für Wandmalerei an der von Oskar Kokoschka gegründeten Internationalen Sommerakademie in Salzburg, Anfang der 1980er Jahre auch Mitbegründer und Leiter der vom Südtiroler Bildungszentrum initiierten Freskoschule Bozen. Ende der 1980er Jahre wurde ihm das Ehrenzeichen des Landes Tirol verliehen. Nach seinem Aufenthalt in Kaltern bezog er 1996 Schloss Freudenstein in Eppan, später hatte er sein Atelier im alten Bahnhofsgebäude der Großgemeinde im Überetsch, bevor er im Jahr 2000 nach Ala ins Trentino übersiedelte. 

    2003 wurde ihm der Walther-von-der-Vogelweide-Preis für außerordentliche künstlerische und kulturelle Leistungen und Verdienste verliehen. Im Alter von 97 Jahren ist Robert Scherer verstorben. Er hinterlässt ein großes Schaffenswerk, ist mit seinen Arbeiten in zahlreichen Sammlungen vertreten, sowie mit seinem Stil an vielen Wänden und großflächigen Festern des Landes weiterhin sichtbar.

  • Farbig und großflächig: Frekso am Eingang des Kultursaales in Eppan Foto: Lanserhaus Eppan