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Eine Flamme, die niemals erlischt

Von den Toten, die wir nennen müssen, und den Lebenden, die wir nicht vergessen dürfen. Ein politischer und poetischer Text über Erinnerung, Verlust und die unzerstörbare Verbindung zur eigenen Heimat — auch aus der Ferne.
Iran 40 Tage
Foto: Screenshot
  • Vierzig Tage nach den jüngsten Protesten im Iran und der darauffolgenden Welle der Repression und Gewalt — von einer Brutalität, die selbst Kenner der Methoden des Ajatollah-Regimes überrascht hat — ist die Trauer unvermindert groß. In vielen Gesellschaften des Nahen Ostens steht der vierzigste Tag für das bewusste Erinnern an die Toten. SALTO hat Mohsen Farsad, den in Bozen lebenden Arzt iranischer Herkunft, gebeten, seine Sicht auf diese Wochen zwischen Hoffnung, Entsetzen und Verantwortung zu schildern. 

    Jeder von uns trägt eine unauflösliche Verbindung zu seiner Heimat in sich. Es sind die Dörfer, in denen wir geboren wurden, die Städte, die uns aufwachsen sahen, die Länder, die wir tief in unserem Herzen bewahren. Eine intime, fast körperliche Beziehung zu den Mauern, die unsere Kindheit umfingen, zu den Straßen, die wir tausendmal entlanggingen, zu den vertrauten Stimmen und Gesichtern, die wir als die unsrigen erkennen. Diese Verbindung lebt in uns wie eine Flamme: manchmal vergessen, manchmal in den entferntesten Winkeln der Erinnerung verborgen — und doch niemals erloschen. Sie brennt weiter, auch im Stillen, auch wenn die Distanz sie erstickt zu haben scheint.

    In meinem Herkunftsland wurden Tausende von Menschen getötet. Wieder einmal. Frauen, Männer, Kinder — niedergeschossen mit Kriegswaffen, während sie friedlich für ihre Rechte auf die Straße gingen. Tausende sind spurlos verschwunden. Tausende schmachten in Gefängnissen.

    Doch nicht immer tötet man, um zu beseitigen. Manchmal neutralisiert man, zerstört auf subtilere, kältere Weise. Die Kugeln sind so berechnet, dass sie die Augen treffen: Sie rauben den Opfern das Augenlicht, lassen sie aber am Leben — als lebende Mahnung, als Warnung für alle, die es wagen könnten, wieder aufzustehen. Vergewaltigung ist zu einer systematischen Waffe der Kontrolle geworden. Die Körper werden gezielt gezeichnet und gebrandmarkt, um zu terrorisieren, um Schuldgefühle hervorzurufen, um jede Hoffnung auf Würde und Wiedergutmachung im Keim zu ersticken.

    Selbst Krankenhäuser — jene Orte, die Zuflucht und Heilung bieten sollten, die in jedem Krieg und in jeder Zivilisation als heilig gelten — haben sich in tödliche Fallen verwandelt. Verletzte Menschen haben Angst, medizinische Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie in eben jenen Mauern, die sie schützen sollten, verhaftet, zum Verschwinden gebracht oder hingerichtet werden könnten. Die Sanitäter, direkte Zeugen des Grauens, werden ihrerseits verfolgt und bestraft — dafür, dass sie es wagten zu heilen und zu berichten.

    Genau vierzig Tage sind seit jenen schrecklichen Tagen vergangen.

    Vierzig Tage: in vielen Kulturen des Orients die Zeit der Trauer, des Gedenkens, des Innehaltens vor dem Unbegreiflichen. Und genau deshalb haben wir heute die Pflicht, an diese Männer und Frauen zu denken. Ihre Namen auszusprechen. Ihre Geschichten zu erzählen, damit sie nicht in der Stille des Vergessens verschwinden.

  • Namen, nicht Statistiken

    Hamid Mahdavi, der Feuerwehrmann, der ermordet wurde, während er versuchte, einen Verletzten zu retten. Mohammad Jabari, der sein Leben gab, während er mit dem eigenen Körper die Tür gegen die Regimekräfte hielt, um die Demonstranten zu schützen, die in sein Haus geflohen waren. Und dann Sepehr Ebrahimi — und hier versagen die Worte, denn was bleibt, ist nur der Schrei eines Vaters, der in der Leichenhalle von Kahrizak an Blutspuren vorbeiging, die von geschleiften Körpern hinterlassen worden waren, der Leichensack für Leichensack öffnete, bis er seinen erschossenen Sohn fand, und rief: „Sepehr, Papas Sepehr, wo bist du, mein Sohn? Steh auf, ich bin gekommen, um dich zu holen. Ich werde dich finden.“

    Diese Namen sind keine Statistiken. Sie sind Leben, Träume, Stimmen, die noch hätten erklingen sollen.

    Und solange ihre Namen im Umlauf sind, solange ihre Geschichten erzählt und erinnert werden, sind die Gefallenen nicht allein. Sind auch wir, die wir von ferne zusehen und schweigen könnten, nicht ganz frei von Verantwortung.

    Vor Jahrhunderten schrieb der persische Dichter Saadi Verse, die heute mit schmerzlicher Aktualität widerhallen — als hätte er sie für diesen Moment geschrieben:

    Die Kinder Adams sind Glieder eines Leibes,

    aus demselben Stoff in der Schöpfung erschaffen.

    Wenn ein Glied vom Schmerz betroffen ist,

    bleiben die anderen Glieder nicht in Ruhe.

    Wer das Leid der anderen nicht fühlt,

    verdient nicht, ein Mensch genannt zu werden.

    Die Flamme brennt noch. Es liegt an uns, sie nicht erlöschen zu lassen.