Lang lebe der Schah?
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„Tschüss, mein Bruder, ich habe dich lieb.“ – „Ich gehe jetzt auf die Strasse. Ich schreibe dir, wenn ich zurück bin“. – „Und wenn ich heute Abend sterbe? Dann ist es ein glorreicher Tod, dann sterbe ich für Iran.“ So lauten einige Textnachrichten, die sich Iraner am Donnerstag letzter Woche zuschickten. Sie folgten dem ersten Protestaufruf von Reza Pahlevi, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlevi.
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Unser Autor
Teseo La Marca stammt aus Südtirol. Als Reporter und Autor schreibt er vor allem Reportagen über Süd- und Osteuropa oder den Nahen Osten. La Marca schreibt unter anderem für Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, taz, Geo, Reportagen und Fluter.
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Pahlevi, heute 65 Jahre alt, hatte aus seinem Exil in den USA die iranische Bevölkerung dazu aufgefordert, um 20 Uhr Ortszeit zu demonstrieren. Und tatsächlich: Die Iraner reagierten. Zwar hatte es schon in den Tagen zuvor große Proteste gegeben, doch nun zogen die Menschen zu Hunderttausenden und in Dutzenden iranischen Städten auf die Straßen.
„Dieses Land wird keine Heimat sein, solange die Mullahs nicht begraben sind!“, riefen sie unter anderem. Aber sie skandierten auch: „Lang lebe der Schah!“ oder „Dies ist die letzte Schlacht, Pahlevi wird zurückkehren!“.
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Internet-Blackout als Reaktion auf Protest
Das Regime reagierte mit einem vollständigen Internet-Blackout, der seit Donnerstagabend anhält. Berichte, die aus dem Land dringen, lassen Massaker gegen die eigene Bevölkerung befürchten. In manchen Berichten ist die Rede von Hunderten Todesopfern, in anderen heisst es, Tausende seien getötet worden. Verifizieren lässt sich das kaum.
Dass die Menschen in den letzten Tagen trotz der brutalen Repression massenweise weiter auf die Strassen gingen, ist bemerkenswert – und liegt wohl nicht zuletzt an Pahlevis Aufruf. Einen solchen Aufruf eines Oppositionspolitikers, der Millionen Iraner erreicht, gab es bisher noch nie. Doch wie konnte ausgerechnet Reza Pahlevi, der Sohn des gestürzten Monarchen, zum neuen Gesicht der iranischen Opposition werden?
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Vom Party-Prinz zum Staatsmann
Bis vor kurzem schien es unwahrscheinlich, dass Reza Pahlevi einmal Hunderttausende mobilisieren könnte. Er galt als wohlstandsverwöhnter Party-Prinz im Exil, als einer, der mit der iranischen Lebensrealität nichts mehr zu tun hat. Vor allem aber sahen viele Iraner in ihm ein Symbol der gefallenen Schah-Monarchie.
Pahlevi selbst bemüht sich seit Jahrzehnten konsequent, diesem Bild etwas entgegenzusetzen. Seine Vision sei eine liberale, säkulare Demokratie. Er stelle sich lediglich zur Verfügung, im Falle eines Regimewechsels den Übergangsprozess zu leiten, um Chaos zu verhindern – dies betonte er zuletzt auch in einem Dokument, das sein Büro am Freitag an grosse Medienhäuser verschickte und das einem Bewerbungsschreiben für die Führung des Iran glich.
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Rechte Monarchisten & der 12-Tage-Krieg
Zweifel, ob man ihm das glauben darf, säten in den letzten Jahren jedoch in erster Linie seine eigenen Anhänger. Viele von ihnen sind rechte Monarchisten, die gegenüber Andersdenkenden aggressiv auftreten. So auch im Februar 2023, als Pahlevi nach den „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten gemeinsam mit anderen Oppositionsfiguren eine breite Koalition der Regimegegner gründete, die „Allianz für Freiheit und Demokratie in Iran“ (Afdi). Dem Bündnis schlossen sich etwa die feministische Aktivistin Masih Alinejad und der kommunistische Kurdenführer Abdullah Mohtadi an.
Das Projekt zerfiel nach nur zwei Monaten. Grund dafür waren nicht zuletzt hasserfüllte Nachrichten von Pahlevi-Anhängern, unter deren Druck bald mehrere Mitglieder die Koalition verließen. Viele Iraner machten den Kronprinzen selbst für das Scheitern der Allianz verantwortlich. Er sei nicht in der Lage gewesen, seine eigenen Anhänger unter Kontrolle zu halten.
Noch tiefer stand Pahlevis Stern während des 12-Tage-Kriegs mit Israel im vergangenen Sommer. Unter dem Eindruck, einem fremden Aggressor ausgeliefert zu sein, waren auch viele Regimegegner plötzlich von einem Patriotismus erfasst, der sie für kurze Zeit hinter ihrer Regierung stehen ließ. Pahlevi, der gute Beziehungen nach Israel pflegt und sich 2023 persönlich mit Benjamin Netanyahu getroffen hatte, galt manchen als Verräter.
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Garant für eine prowestliche Zukunft
Doch die politische Stimmung in Iran hat sich geändert. Zara Mousavian, eine 29-jährige Buchhalterin aus der Stadt Isfahan, erinnert sich gut, wie auch sie Pahlevi als politischen Opportunisten geringschätzte – bis vor wenigen Monaten. Inzwischen teilt aber auch die junge Frau auf Instagram die Ansprachen des Kronprinzen an die iranische Bevölkerung. Über einen verschlüsselten Chat erklärt sie, warum sich ihr Blick auf Pahlevi verändert hat. Ihren wahren Namen will sie aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlichen.
„Ich bin keine Monarchistin. Pahlevi ist nicht perfekt und auch nicht das, was alle Iraner brauchen“, sagt Mousavian. „Aber er ist die einzige Option, die wir haben, um die Islamische Republik loszuwerden. Er hat ein Programm und er trifft Staatschefs, um für Unterstützung für ein freies Iran zu werben.“
Das sei ihr kurz nach dem Krieg mit Israel bewusst geworden. „Wir mussten mit ansehen, wie das Regime nichts dafür tat, uns zu schützen. Stattdessen nahm die Unterdrückung zu, aus den Wasserhähnen kam kein Wasser mehr, mein Gehalt ist nichts mehr wert“, schreibt die Iranerin. „Da wurde uns endgültig klar, dass nicht israelische Kampfjets, sondern die Mullahs und ihre Schergen unsere größten Feinde sind.“
Wie viele andere junge Iranerinnen und Iraner hatte sich Mousavian schon 2022 und 2023 in der feministischen Protestbewegung engagiert. In ihrem Buchhaltungsbüro widersetzte sie sich der Kopftuchpflicht, bis ihr Arbeitgeber nachgab. Doch abgesehen von kleinen Freiheiten sei von der damaligen Bewegung nicht viel übrig geblieben. „Sie war führungslos und wurde deshalb von allen möglichen Gruppen instrumentalisiert.“ Mit Pahlevi, so hofft sie, könne dies nicht mehr geschehen.
Ein weiterer Grund, weshalb Mousavian heute den Sohn des Schahs unterstützt: Er stehe wie kein anderer Oppositionspolitiker für eine prowestliche Zukunft. „Von China und Russland können wir uns keine Hilfe erwarten, von den USA aber schon – auch wenn sie es nur aus Eigeninteresse tun“. Tatsächlich hat der amerikanische Präsident Donald Trump in den letzten Tagen dem iranischen Regime mehrmals mit einem militärischen Eingreifen gedroht, sollte es Demonstranten erschießen. „Auch das gibt uns Mut, auf die Strasse zu gehen“, sagt Mousavian.
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Pahlevi kann es nicht schnell genug gehen
Trotzdem machen das Regime und sein Repressionsapparat bisher keine Anstalten, nachzugeben. Stattdessen macht Ayatollah Ali Khamenei, der Oberste Führer des Iran, wieder einmal die USA und Israel für die Aufstände verantwortlich. Die Demonstranten brandmarkt er als von fremden Mächten gesteuerte „Terroristen“. Auffällig ist, dass Reza Pahlevi vom Regime bislang mit keinem Wort erwähnt wird.
Inzwischen hat der Kronprinz die Iraner zu weiteren Streiks und Protesten aufgefordert: „Unser Ziel ist es nicht mehr nur, auf die Straße zu gehen, sondern sich darauf vorzubereiten, Innenstädte zu erobern und zu halten“, erklärte Pahlevi am letzten Samstag auf seinen Kanälen auf Social Media.
Einigen Kritikern gehen solche Statements aber zu weit. Pahlevi würde damit bewusst iranische Menschenleben aufs Spiel setzen, heißt es. Andere sagen, es sei unrealistisch, dass die Menschen mehrere Tage infolge auf die Straße gingen – wer einmal in Iran unter Lebensgefahr protestiert habe, der wisse, wie nervenaufreibend dies sei.
Doch Pahlevi kann es jetzt offenbar nicht schnell genug gehen. Er selbst bereite sich schon darauf vor, bei der ersten Gelegenheit in seine Heimat zurückzukehren, sagte er am Sonntag in einem Interview bei Fox News.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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