Tibet im Exil
-
Bis zu 200.000 Tibeterinnen und Tibeter leben heute im Exil – verstreut in Nepal, Indien, Europa und Übersee. Doch während andere Konflikte die Schlagzeilen beherrschen, ist Tibet weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Die Fotografin Paola Marcello, in Meran geboren und laut Kurator Luca Chistè „staatenlos in ihrer Zugehörigkeit“, setzt genau hier an. Ihr Werk ist nicht nur Kunst, sondern ein zivilgesellschaftliches Engagement für ein vergessenes Volk. Ursprünglich hegte Marcello den Traum, direkt nach Tibet zu reisen. Doch die Realität der Besatzung machte dies unmöglich. „Die strengen Beschränkungen haben mir klar gemacht, dass das Tibet, das ich kennenlernen wollte, das authentische Tibet mit seiner jahrtausendealten Geschichte und einzigartigen Kultur, sich verändert hatte“, schildert sie im Katalog. Die systematische Unterdrückung durch Kontrollen der Religion, der Kultur und der Meinungsfreiheit bedrohe die tibetische Identität heute massiver denn je. Da ihr die Einreise als unabhängige Reisende verwehrt blieb, führte sie das Schicksal zum „anderen Tibet“ jenseits der Grenzen. 2023 begegnete sie in Nepal beinahe zufällig Bergdörfern, die von Exiltibetern bewohnt waren.
-
Gesichter und Stimmen geben
Diese zufälligen Begegnungen entwickelten sich schnell zu einer tiefen menschlichen Erfahrung. Marcello berichtet: „Jedes Treffen war eine Gelegenheit zum Austausch. Eingeladen, mich zu ihnen zu setzen, mit einer Tasse heißen Tees in den Händen, hörte ich mir ihre Geschichten an: Leben, geprägt von Exil, verlorene Kindheiten, zerbrochene Beziehungen, Träume, die trotz allem weiterleben“.
Worte und Bilder zu sammeln, um den Tibetern im Exil ein Gesicht und eine Stimme zu geben
Diese Erzählungen öffneten ihr die Augen für eine Realität, die von den Medien zunehmend ignoriert wird. „Irgendwann wurde mir diese Recherche zu einer Mission: Worte und Bilder zu sammeln, um den Tibetern im Exil ein Gesicht und eine Stimme zu geben“. Ihre Reise führte sie weiter von Nepal nach Indien, durch die Berge von Ladakh bis in die Täler von Himachal Pradesh, wo sie in Flüchtlingslagern, einfachen Häusern und Klöstern Fragmente von Erinnerungen festhielt. Dabei reflektiert die Fotografin auch über den Wert der Freiheit, den sie im Exil neu bewertet hat: die Freiheit, im eigenen Land zu leben, sich ohne Angst zu bewegen oder schlicht einen Ausweis zu besitzen, der das Reisen erlaubt. Ihr Projekt versteht sie als Geste der Dankbarkeit und Solidarität gegenüber einem Volk, das trotz jahrzehntelanger Entwurzelung an gewaltfreien Widerstand, Liebe und universelles Mitgefühl glaubt.
Kurator Luca Chistè betont, dass Paola Marcellos Arbeit weit über bloße Fotografie hinausgeht. Er beschreibt ihre Bilder als „Blicke, die sich in der Zeit festsetzen und nicht verblassen“. Die oft in Innenräumen aufgenommenen Porträts schaffen eine seltene Intimität und verlangen von der betrachtenden Person nicht nur Empathie, sondern Präsenz.Für Chistè wird die Fotografie hier zu einem „ethischen Akt“ – zu einem Akt der Teilnahme am individuellen wie kollektiven Drama der Exiltibeter. In den Gesichtern spiegele sich eine universelle Frage nach dem Recht, dazuzugehören, zu wohnen und zurückzukehren.
Alle, ohne Ausnahme, trugen denselben Wunsch in sich: nach Hause zurückzukehren
Die Ausstellung ist auch eine Mahnung an die Weltpolitik. Während der „globale Süden“ der Supermacht China oft den Vorzug gibt, besteht zwischen Südtirol und den Exiltibetern seit 1993 ein reger Austausch, der von den Landeshauptleuten Luis Durnwalder und Arno Kompatscher gefördert wurde. Interessanterweise ließ sich der Dalai Lama bei seinen Vorschlägen für eine friedliche Lösung der Tibet-Frage unter anderem von der Südtiroler Autonomie inspirieren. „Alle, ohne Ausnahme, trugen denselben Wunsch in sich: nach Hause zurückzukehren. Ein Traum, der seit mehr als 70 Jahren andauert“, so das Resümee von Paola Marcello
- Titel: TIBET IM EXIL – Identität und Resilienz eines Volkes
- Eröffnung: 26. Januar, 18:00 Uhr, Freie Universität Bozen
- Veranstalter: GfbV – Gesellschaft für bedrohte Völker Südtirol
- Kurator: Luca Chistè
- Projektpartner: Eurac Research (Institute for Minority Rights), Freie Universität Bozen
- Unterstützung: Autonome Provinz Bozen (Ressort Sozialer Zusammenhalt, Familie, Senioren, Genossenschaften und Ehrenamt)
- Paola Marcello (@paolamarcello9)
Weitere Artikel zum Thema
Kultur | Fotoausstellung„Home Sweet Home“
Kunst | ArtstoreVom Laufsteg an die Wand
Kunst | Öffentlicher Raum„Lösungen des Zusammenlebens“
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.