Sport | Interview

„Jetzt bekommt ihr Pustertal“

HCP-Kapitän Raphael Andergassen spricht im Interview nach dem Overtime-Krimi gegen Salzburg über schwere „Haxen“, den Teamgeist der Wölfe und warum der Halbfinaleinzug für Pustertal erst der Anfang war.
Goldtorschütze Raphael Andergassen.
Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • SALTO: Herr Andergassen, Gratulation zum Halbfinaleinzug. Lassen Sie uns vielleicht jetzt mit ein paar Tagen Abstand den Viertelfinal-Krimi noch einmal Revue passieren. Nach 100 Minuten und zwei Overtimes: Die letzte Pause vor der dritten Verlängerung – was geht da in der Kabine, was geht in den Köpfen der Spieler vor?

    Raphael Andergassen: Schwer zu sagen, es ist alles ein bisschen verschwommen. Man kommt wieder raus aus der Kabine und denkt sich: Die wievielte Overtime ist das jetzt eigentlich? Man ist so sehr im Spiel drin, man spürt die Müdigkeit, man spürt, dass die „Haxen“ schwerer werden. Aber der Wille zu gewinnen ist so groß, dass man trotzdem noch laufen kann. Jedes Mal, wenn sie aufs Tor zulaufen und schießen, ist man nervös und hofft, dass man selbst trifft. Umso größer war am Ende aber die Freude. 

    Haben Sie als Kapitän auch gewisse Worte finden müssen, oder ist so ein Spiel ein Selbstläufer?

    In der Situation ist es ein Selbstläufer. Speziell mit unserer Mannschaft. Wir haben viele gestandene Spieler, jeder weiß eigentlich, worum es geht und was zu tun ist. Überhaupt in diesem Spiel. Sie haben im Schlussdrittel nur noch mit drei Linien gespielt; man hat gesehen, dass sie gegen Ende hin etwas geschlaucht waren. Wir hingegen haben mit vier Linien durchgespielt und deshalb noch ein bisschen frischer ausgesehen.

  • Der Jubel war groß: Mehr als 105 Minuten mussten sich die Wölfe am Dienstag letzter Woche in Bruneck gedulden, ehe Andergassen den erlösenden Treffer erzielte. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Salzburg stand mit dem Rücken zur Wand. Aber wie groß war der Druck für den HCP, den Sack zuzumachen?

    Es ist Overtime und du kannst das Spiel immer noch verlieren. Dann müsstest du am nächsten Tag noch einmal nach Salzburg fahren und dort gewinnen. Wenn nicht, dann kommst du zurück und es steht 3:2. Wir waren 3:0 vorne in der Serie, aber nach so einem langen, hart umkämpften Spiel kann es schnell gehen. Das könnte dich als Team schon brechen. Die Serie zuzumachen, ist immer am schwierigsten.

    Am Ende avancierte dann gerade der Kapitän zum Matchwinner, dem in dieser Saison noch nicht so viele Tore vergönnt waren. Am Dienstag ist Ihnen wohl einer der wichtigsten Treffer Ihrer Karriere gelungen. Wie viel Last fällt da von einem ab?

    Heuer schaut es mit den Toren bei mir überhaupt nicht gut aus. Ich bin jetzt aber in einem Alter, in dem das zunehmend zweitrangig wird. Ich will, dass die Mannschaft erfolgreich ist. Deswegen ist es ganz gleich, wer das Tor geschossen hat oder hätte schießen können. Am Ende war es eine große Erleichterung, Salzburg auszuschalten und weiterzukommen. Ich würde sogar sagen, das war die schönere Emotion, als das Tor selbst zu erzielen, auch wenn es natürlich ein super Gefühl ist.

  • Zur Person

    Raphael Andergassen (Jahrgang 1993), von den Fans liebevoll Raphi genannt, lernte das Eishockeyspielen in seiner Heimat Kaltern, wo er schon in jungen Jahren Erfahrung bei den Großen sammelt. In der Saison 2014/15 folgt der Sprung zu den Wölfen, damals noch in der Serie A. Schon bald mischt Andergassen mit dem HCP aber die AlpsHL auf und kommt in fünf Jahren auf 230 Spiele und 200 Scorerpunkte (70 Tore, 130 Assists). Fester Bestandteil und schließlich Kapitän wird der Kalterer auch in der ICE Hockey League. Meist als Teil der Power-Linie gemeinsam mit Matthias Mantinger und Ivan Deluca, kommt Andergassen auf über 260 Ligaspiele (67 Punkte) und verpasste in fünf Spielzeiten nur eine Handvoll Partien. 

    Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Sie sagen, es ist egal, wer die Tore schießt. Das scheint beim HCP tatsächlich zuzutreffen. In den vier Viertelfinalspielen gegen die Salzburger konnten sich zehn verschiedene Wölfe in die Torschützenliste eintragen.

    Das wusste ich gar nicht. Es zeigt aber, was für eine Mannschaft wir sind. Und speziell in den Playoffs zählt die Mannschaftsleistung. Da benötigt man ein Kollektiv, das zusammenarbeitet und sich gegenseitig unterstützt. Gegen Salzburg war es eine Mannschaftsleistung über die gesamten vier Spiele hinweg. Jeder hat einen Schritt gemacht, jeder war für jeden da. War eine Linie nicht in Fahrt, dann waren es stattdessen die anderen drei. Und im letzten Spiel war das ganze Team gut. Was man auch sagen muss: Wir haben mit Eddie Pasquale einfach einen gewaltigen Tormann. Mich hat tatsächlich überrascht, dass Salzburg uns gepickt hat, obwohl wir so einen Goalie haben.

  • Variable Wölfe

    In den vier Spielen gegen den EC Red Bull Salzburg gelangen dem HC Falkensteiner Pustertal, bei nur sieben Gegentoren, elf eigene Tore. Mit Greg Di Tomaso, Henry Bowlby (2), Rok Ticar, Daniel Glira, Cole Bardreau, Mikael Frycklund, Markus Lauridsen, Jon Blum, Tommy Purdeller und Raphael Andergassen, schrieben zehn verschiedene Spieler der Wölfe mit mindestens einem Treffer an. 

  • Im Vorfeld hatten viele die Favoritenrolle klar definiert. Der HC Pustertal ging als vermeintlicher Außenseiter in die Serie. Salzburg war klarer Favorit, trotz einer Saison mit Höhen und Tiefen – man dachte, sie würden den Schalter schon umlegen. Wann ist bei den Wölfen im Team der Schalter umgelegt worden? Wann habt ihr als Team gesagt: Die Serie gehört uns?

    Dass Salzburg diese Favoritenrolle innehatte, kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Wir haben in der Regular Season dreimal gegen sie gewonnen und nur einmal in der Overtime verloren. Schon in den letzten Jahren war Salzburg eine Mannschaft, die uns eigentlich immer gelegen hat. Ohne jetzt arrogant klingen zu wollen: Ich war verwundert, dass sie als haushoher Favorit gehandelt wurden. Uns war klar, dass wir eine Mannschaft haben, um Schaden anzurichten. Ich habe mir den Pick live angeschaut. Als der Trainer meinte: „Wir nehmen Pustertal“, da habe ich mir gedacht: Jetzt bekommt ihr Pustertal.

  • Raphael Andergassen mit dem Siegtor in der 106. Minute.: Der Moment, als der Wölfe-Captain die Fans des HC Pustertal, im entscheidenden Viertelfinalspiel gegen Salzburg, in den siebten Himmel schoss. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Ich zitiere Sie: „Das war erst der Anfang“, haben Sie nach dem OT-Krimi am Dienstag gesagt. Jetzt wartet im Halbfinale entweder Ljubljana oder Klagenfurt. Vor allem mit dem KAC hätte man noch eine Rechnung offen, oder?

    Vor zwei Jahren hatten wir im Halbfinale keine Chance, da waren wir schlicht platt – angefangen bei den Pre-Playoffs bis hin zu den sieben Spielen gegen Fehérvár mit den langen Busfahrten. Klagenfurt hatte eine starke Mannschaft, bei uns war nicht mehr viel übrig. Letztes Jahr sind uns zum Schluss ein bisschen die Leute ausgegangen, aber Klagenfurt war schlagbar. Diese Saison sind wir viel, viel kompetitiver. Wenn es Klagenfurt wird, dann wird es, glaube ich, eine spannende Serie. Aber auch Ljubljana ist richtig stark.

     

    Ich habe mir den Pick live angeschaut. Als der Trainer meinte: „Wir nehmen Pustertal“, da habe ich mir gedacht: Jetzt bekommt ihr Pustertal.

     

    Wie sehr hat es Sie überrascht, dass der HC Bozen gegen die Slowenen schlussendlich doch recht deutlich den Kürzeren gezogen hat?

    Ljubljana hat viel umgestellt und hatte unter dem Jahr einige Verletzte. Jetzt zum Schluss war klar, dass sie gut sind und Bozen sich schwer tun würde. Das hat mich nicht gewundert. Aber dass der HCB ausscheidet, hätte ich vor der Serie nicht geahnt. Erst nach den ersten zwei Spielen hatte ich die Vermutung, dass das in die Hose gehen könnte.

    Schwingt etwas Traurigkeit mit, dass sich jetzt die Chance auf ein mögliches Final-Derby zerschlagen hat?

    Nein, nein (lacht). Wir sind noch nicht im Finale, wir müssen ja noch das Halbfinale überstehen. Nach dem 4:0 gegen Salzburg ist der Hype natürlich groß, aber wir haben noch nichts erreicht. Deshalb habe ich am Dienstag gesagt, dass das erst der Anfang sei. Das war erst die erste Runde. Nur weil wir den Titelverteidiger rausgeschossen haben, heißt das nicht, dass wir jetzt ein Freiticket für das Finale haben. Da hat die nächste Mannschaft sicher etwas dagegen.

  • Andergassen und sein Wolfsrudel: Headcoach Jason Jaspers hat aus den Wölfen eine eingespielte Truppe geformt. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Der Halbfinalspielplan

    1. Spiel: Sonntag, 29. März
    2. Spiel: Dienstag, 31. März
    3. Spiel: Donnerstag, 2. April
    4. Spiel: Sonntag, 5. April
    5. Spiel: Dienstag, 7. April
    6. Spiel: Donnerstag, 9. April
    7. Spiel: Sonntag, 12. April
       

    Ob die Serie für den HC Pustertal am 29. März auswärts oder zuhause beginnt, hängt davon ab, wer sich im letzten Viertelfinalspiel zwischen Klagenfurt und Fehervar durchsetzt. Gewinnen die Kärntner die Serie, sind sie zugleich auch der Gegner des HCP und die Halbfinalserie startet in Klagenfurt. Setzt sich Fehervar durch, treffen die Wölfe mit Heimrecht auf die Drachen aus Ljubljana. 

  • Präsident Erich Falkensteiner hat gegenüber RAI Südtirol ebenfalls gemahnt, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben.

    Genau. Meine Aussagen sind vielleicht etwas zweideutig rübergekommen. Es war zwar eine Kampfansage, aber wir haben gerade mal die erste Runde überstanden. Uns steht ein weiter Weg bevor.

    Recht eindeutig war eine andere Ihrer Aussagen: Es sei beneidenswert, was sich Salzburg mit ihrem Stamm an einheimischen Spielern aufgebaut hat. Im Pustertal haben sich zuletzt einige junge Südtiroler ins Rampenlicht gespielt, darunter Nitz, Gschliesser, Zandegiacomo, aber vor allem natürlich Purdeller und Lobis. Hat der Verein für die Wachablöse gut vorgesorgt?

    Es ist eine gute Ausgangslage. Aber man darf nicht schlafen. Da geht immer noch mehr. Das Ziel muss sein, immer mehr Einheimische einzubringen. In diese Richtung muss man weiterarbeiten. Dann ist es nicht nur für den Verein langfristig gut, sondern auch für das italienische Eishockey.

     

    Nur weil wir den Titelverteidiger rausgeschossen haben, heißt das nicht, dass wir jetzt ein Freiticket für das Finale haben.

     

    Sie sind mittlerweile seit mehr als zehn Jahren beim HC Pustertal und haben hier noch Zeiten erlebt, in denen die Infrastruktur und die Liga ganz andere waren. Wenn Sie heute in die Intercable Arena einlaufen: Fühlt sich das manchmal wie ein Traum an?

    Es ist schon ein bisschen surreal, wenn man vor so vielen Menschen spielen darf. Wir waren, von der Alps Hockey League kommend, mit dem neuen Stadion imstande, jedes Jahr beim Zuschauerschnitt zuzulegen. Dieses Jahr liegen wir bei mehr als 2700. Das sind hunderte Menschen mehr als damals bei ausverkauftem Haus. Das spricht schon für den Verein und wie gearbeitet wird. Die Begeisterung der Fans ist toll und motiviert die Mannschaft zusätzlich. Und natürlich hilft es auch, wenn man vorne mitspielt.

  • Das letzte Spiel im alten Rienzstadion: Im Testmatch gegen Villach nahm Raphi Andergassen in der Preseason 2021 gemeinsam mit Daniel Glira Abschied von der ehrwürdigen 'Rienzbaracke'. Foto: Iwan Foppa/HC Falkensteiner Pustertal
  • Was motiviert Sie nach all den Jahren im Eishockeygeschäft noch, die ganzen Strapazen auf diesem Niveau auf sich zu nehmen?

    Einen großen Titel zu gewinnen. Seit ich 16 bin, spiele ich in einer ersten Mannschaft und bin noch nie Meister geworden. Das ist das, was noch fehlt. Das wäre das größte Ziel.

    Solange der Titel nicht in Bruneck ist, werden wir einen Raphael Andergassen also noch auf dem Eis sehen?

    (Lacht). Das ist eine heftige Aussage. Nein, ich bin jetzt in einem Alter, in dem man von Saison zu Saison schaut und in kleinen Schritten denkt. Wir versuchen jetzt, das Maximum aus dieser Saison herauszuholen. Was danach ist, weiß ich selbst noch nicht.