Musik | Backstagetechnik

Am Mischpult der Weltstars

Als gefragter Tontechniker ist Hannes Dander auf den größten Bühnen der Welt zu Hause. Wir blicken hinter die Kulissen seiner Arbeit für die ganz großen Stars.
Hannes Dander Tontechniker
Foto: Ross Steward
  • SALTO: Hannes, mit wem warst du zuletzt unterwegs und wohin geht es als Nächstes? 

    Hannes Dander: Die letzte Tour, die ich absolviert habe, war eine Europa-Tournee mit dem amerikanischen R’n‚B-Künstler Giveon. Das dauerte ungefähr einen Monat. Als Nächstes steht die Metallica-Tour an. Wir sind gerade in Belgien für die zehntägigen Vorbereitungen, danach geht es weiter nach Athen für das erste Konzert Anfang Mai. 

    Das sind große Namen. Wie schaffst du es eigentlich, bei solch weltbekannten Künstlern zu landen? 

    Mein Ziel waren nie die großen Weltstars. Mich hat die Technik schon als Kind fasziniert, seit ich bei meinem Bruder mitgegangen bin. Er war als Hobby-Techniker bei Theatergruppen wie der „Dekadenz“ in Brixen oder dem Kleinen Theater Bruneck aktiv. Er hat mich früh mitgenommen, und so bin ich in diese Kunstszene hineingewachsen. Im Kleinen Theater in Bruneck habe ich das erste Mal an einem Mischpult gedreht. 

     

    Mich zog es jedoch mehr in die Musikwelt.

     

    Da es damals in Brixen keinen richtigen Soundverleih gab, haben wir bei kleinen Live-Konzerten beim Altstadtfest ausgeholfen. Über ein paar Jobs kam ich dann mit Klemens Riegler in Kontakt, der die Firma Spacelight in Bozen hatte. Danach war ich eineinhalb Jahre bei „Oscar Light“ in Meran. Das waren tolle Erfahrungen, aber dort ging es viel um Konferenzen, Raiffeisen-Versammlungen oder Veranstaltungen im Kursaal. Mich zog es jedoch mehr in die Musikwelt. Nach langer Suche kam ich schließlich durch einen Zufall zu der Firma, die große Konzerte abwickelt. Ich hatte zuvor im Stadttheater Bozen gejobbt, wo ein technischer Leiter  meine Leidenschaft für die Tontechnik bemerkte. Er gab mir Kontakte in der Schweiz, unter anderem zu einem Unternehmen, das Rock’n‘Roll und große Produktionen macht. Ich habe mich beworben, bekam zunächst eine Absage, weil keine Stelle offen war, habe aber hartnäckig nachgehakt. Nach einem Jahr durfte ich schließlich einen Testjob machen – und dann hat es zum Glück gepasst. 

  • Foto: Hannes Dander

    War dieser Testjob der Moment, in dem alles Fahrt aufnahm? 

    Ja, mein erster Einsatz war „Rock im Park“ in Nürnberg. Das war ein besonderer Moment, da eine meiner absoluten Lieblingsbands, die Smashing Pumpkins, Headliner war. Da die Band ihr eigenes Equipment und ihre Crew mitbringt, hatte ich als lokaler Techniker keinen großen Druck. Ich stand damals einfach auf der Bühne, konnte das Konzert hautnah genießen und dachte mir nur: „Wow, wie cool ist das denn?“ Das war der Moment, in dem mir klar wurde, warum ich diesen Job eigentlich machen will. 

    Wie fühlt es sich an, mit Bands wie U2, Metallica oder AC/DC zu arbeiten? Realisierst du das? 

    Ich bin jetzt nicht der klassische „Fanboy“. Aber es gab durchaus Bands, bei denen ich sehr glücklich war, den Auftrag erhalten zu haben. Mir ist schon bewusst, dass das besondere Gelegenheiten sind. Auf Tour kommt es vor allem darauf an, dass das Team harmoniert. Es ist eine massive Teamarbeit, denn der Aufbau und Abbau müssen wie ein geöltes Uhrwerk funktionieren. Jeder muss genau wissen, was zu tun ist, damit alles „smooth“ läuft. 

  • Zur Person: Hannes Dander

    Der 1981 in Brixen geborene und wohnhafte Südtiroler wuchs als jüngstes von sechs Geschwistern auf. Den Grundstein für seinen beruflichen Weg legte er an der Gewerbeoberschule mit Schwerpunkt Elektrotechnik. Nach Stationen bei Oskar-Light und einer Zeit als freier Mitarbeiter bei Spacelights fand er 2007 bei AudioRent Clair seine berufliche Heimat, wo er seither seine Expertise einbringt.

    Referenz-Liste (Auszug der Tourneen & Konzerte): AC/DC, Andrea Bocelli, Backstreet Boys, Black Sabbath, Blackpink, Def Leppard, Die Fantastischen Vier, Eagles, Elton John, Enrique Iglesias, Fleetwood Mac, Giveon, Halsey, Herbert Grönemeyer, Kane Brown, Kastelruther Spatzen, Lauryn Hill, Mainfelt, Meat Loaf, Metallica, Mötley Crüe, New Kids on the Block, Nickelback, Paul McCartney, Queen, Queens of the Stone Age, Roger Waters, Seal, Smashing Pumpkins, Sting, Twice, U2, Vasco Rossi, Whitesnake, Yello. 

  • Erklär mir einen typischen Arbeitstag bei einem solchen Konzert. 

    Das hängt natürlich von meiner Position ab. Ich arbeite im Audiobereich – vom Aufbau der Anlage bis zur Verkabelung. Der Tag beginnt oft sehr früh, mal um 6 Uhr morgens, mal kommen wir erst im Tourbus am nächsten Ort an. Bei meiner ersten großen Tour hatten wir drei Sattelschlepper voll mit Audiomaterial! Sobald wir in der Halle oder im Stadion sind, beginnt die Arbeit. Es wird alles aufgebaut und gecheckt. Leider gibt es bei der vielen Technik immer wieder Dinge, die nicht sofort funktionieren, da ist Troubleshooting gefragt. 

     

    Oft sind wir von morgens um 6 Uhr bis nachts um 1 Uhr durchgehend in Aktion. 

     

    Wenn wir morgens ankommen, frühstücken wir kurz, dann geht es an den Aufbau, meist bis Mittag. Danach folgt der Linecheck: Die Mikrofone und Instrumente werden getestet, bis das Signal sauber am Mischpult ankommt. Was den Soundcheck angeht: Die Vorstellung, dass die Band da persönlich stundenlang steht, stimmt oft gar nicht. Meistens übernehmen das die sogenannten „Backliner“ – unglaublich gute Musiker, die das Setup der Band in- und auswendig kennen. Sie spielen die Instrumente, während der Techniker den Sound für die jeweilige Location perfekt einstellt. Ein solcher Tag ist ein Knochenjob: Oft sind wir von morgens um 6 Uhr bis nachts um 1 Uhr durchgehend in Aktion. Da gibt es nur kurze Pausen,  eine Teamdusche in einer Arena, einen kleinen Snack im Tourbus und ein paar Stunden Schlaf, bevor man am nächsten Ort aufwacht. Das ist „Back-to-back“ pur – manchmal einen Monat lang ohne freien Tag. 

  • Metallica Konzert in Denver-Colorado: Foto: Hannes Dander
  • Wie groß ist die Konkurrenz in deinem Bereich? 

    Da habe ich Glück. Es gibt natürlich viele Leute, die das machen, aber ich denke nicht in Konkurrenz. Ich bin Freiberufler und arbeite hauptsächlich für diese eine Firma, werde aber auch hier in Südtirol immer wieder angefragt. Ich bin jetzt seit 18 Jahren dabei. 

    Was muss man als Mensch mitbringen, um da mithalten zu können? 

    Man braucht ein dickes Fell und viel Geduld. Vor allem muss man ein guter Teamplayer sein. Man muss lange Arbeitstage durchhalten, auch wenn man wenig geschlafen hat und die Stimmung vielleicht mal kippt. 

    Gibt es eine Geschichte, die du nie vergessen wirst? 

    Ein lustiger Moment war am Anfang meiner Zeit bei der Firma, beim Heineken-Jammin-Festival bei Venedig. Queens of the Stone Age spielten dort. Die Crew hatte den Flug verpasst – das passiert oft, da man selten mit der Band im selben Flugzeug sitzt. Wir waren plötzlich mit der Band allein. Die Jungs hatten schon ewig ihr Equipment nicht mehr selbst aufgebaut, aber sie mussten anpacken. Wir haben gemeinsam versucht, die komplexen Setups – Gitarren, Bass, Keyboards – zum Laufen zu bringen. Das war eine echte Herausforderung, weil das gar nicht so einfach war, aber wir haben es irgendwie hinbekommen. Das war ein genialer, direkter Austausch. 

  • Aufbau Metallica Konzert München: Foto: Karina Lazo
  • Hättest du jemals gedacht, dass dein Leben so verlaufen würde? 

    Nein, sicher nicht. Aber ich bin froh, dass es so gekommen ist. Das Schöne an dem Beruf ist, dass man viele neue Leute kennenlernt und das Reisen – das ist ein schönes Element. Letztes Jahr ging es mit der Metallica-Tour nach Australien und Neuseeland. Da ich viel gearbeitet hatte, habe ich danach drei Wochen Urlaub drangehängt. Das sind die Privilegien, die man genießen kann. 

    Du bist also bei Metallica eher im Hintergrund? 

    Ja, bei Metallica habe ich mit der Band direkt nichts zu tun. Ich bin als PA-Techniker und „Climber“ dabei. Bei meiner ersten U2-Tour wurde ich gefragt, ob ich Angst vor Höhen habe. Da ich privat leidenschaftlicher Kletterer bin, habe ich verneint. Sie brauchten jemanden, der in der Höhe arbeitet. Wir haben eine kleine Ausbildung für Höhenarbeit gemacht, ich habe ein Level-1-Zertifikat bekommen. Man muss an den Bühnengerüsten hochklettern, um Dinge in der Luft zu erledigen – zum Beispiel, wenn bei den Boxen etwas nicht funktioniert. Man muss sich absolut sicher bewegen können und genau wissen, was man tut – das ist schon ein besonderer Nervenkitzel. 

  • AC/DC Konzert in Karlsruhe: Foto: Hannes Dander
  • Wie stolz ist deine Familie auf dich? 

    Mama und Papa haben den Beruf leider nie ganz verstanden, sie sind mittlerweile verstorben. Ich habe sie zwar zu den Konzerten eingeladen, aber es war ihnen einfach zu laut. Sie haben aber gemerkt, dass es mir etwas gibt und ich leidenschaftlich dabei bin. Dass ich so viel unterwegs war, fanden sie vermutlich nicht immer ideal, aber das Verständnis für dieses spezielle Tourleben fehlte ihnen einfach. 

    Wenn du nach langer Zeit nach Hause kommst – genießt du das? 

    Ich freue mich riesig, weil Südtirol ein wunderschönes Land ist. Ich wohne im selben Haus wie meine Geschwister und genieße die Zeit hier sehr. Leider ist sie meist zu kurz. 

    Kannst du dir vorstellen, das noch lange zu machen? 

    Ich werde es sicher noch eine Zeit lang machen. Natürlich ist es schwierig, dabei eine Familie zu gründen – das ist auch ein Grund, warum ich mir vorstellen kann, irgendwann wieder verstärkt lokal zu arbeiten. In der Firma habe ich aktuell eine neue Position mit mehr Verantwortung. Mal schauen, wohin die Reise geht. Ich bin jedenfalls gerne jemand, der im Hintergrund bleibt. 

  • Metallica-Audio-Crew: Foto: Brett Murray
  • Was würdest du einem jungen Südtiroler Techniker oder einer Technikerin raten, der oder die den gleichen Weg einschlagen möchte? 

    Sich einfach umschauen und den Schritt wagen. Man muss aus der Heimat raus, um bei größeren Produktionen Erfahrungen zu sammeln. Und man muss hartnäckig bleiben. Bei mir hat es fast ein Jahr gedauert, in dem ich jeden Monat nachgefragt habe, ob es eine Möglichkeit gibt. Man braucht eine gewisse Ausdauer.  Natürlich hilft es, wenn man eine Grundausbildung hat. Bei mir war es klassisches „Learning by doing“. Kurse zur Tontechnik habe ich mal im Kassianeum in Brixen gemacht, aber das meiste habe ich „on the job“ gelernt. Mittlerweile gibt es bessere Ausbildungsmöglichkeiten, aber die erste Voraussetzung ist immer: Such dir eine Firma, bei der du anfangen kannst. Man muss sich trauen, den Schritt zu machen, und dann mit Leidenschaft dabeibleiben.