Politik | Landwirtschaft

„Es waren die Bauern selbst“

SBB-Obmann Leo Tiefenthaler über Gemeinsamkeiten von Tourismus und Landwirtschaft und weshalb die Bauern Arnold Schuler nicht mehr als Landesrat haben wollten.
Leo Tiefenthaler
Foto: SBB
  • SALTO: Herr Tiefenthaler, der designierte Landesrat Luis Walcher wird die Ressorts Landwirtschaft und Tourismus übernehmen. HGV-Präsident Manfred Pinzger war nicht unbedingt erfreut und meinte, dass sich diese Konstellation in der Vergangenheit nicht bewährt habe. Wie ist Ihre Meinung?

    Leo Tiefenthaler: Der HGV hat bereits kurz nach den Wahlen erklärt, dass er die beiden Ressorts lieber getrennt sehen möchte. Ich hingegen sehe die Zusammenlegung nicht so negativ und bin überzeugt, dass eine Zusammenarbeit immer gegeben ist. Zum überwiegenden Teil hängt das aber natürlich von der Person ab, die dieses Amt übernehmen wird und wie die beiden Bereiche schlussendlich geführt werden. Es gibt zwischen den Sektoren Landwirtschaft und Tourismus sehr viele Schnittstellen und Gemeinsamkeiten. Wir Bauern produzieren nicht nur Nahrungsmittel, die in der Gastwirtschaft eingesetzt und konsumiert werden, sondern pflegen auch die Landschaft. Was die Nahrungsmittelproduktion für Gastronomiebetriebe betrifft, sollte dieser Sektor meiner Meinung nach noch viel stärker ausgebaut werden.

  • Manfred Pinzger: Laut des HGV-Präsidenten hat sich die Zusammenlegung der Ressorts Landwirtschaft und Tourismus unter einem Assessor in der Vergangenheit nicht bewährt. Foto: HGV

    Konfliktstoff bietet vor allem Urlaub auf dem Bauernhof, der von den Touristikern als Konkurrenz gesehen wird.

    Mit unseren Urlaub am Bauernhof-Betrieben sind wir auch im Tourismussektor tätig, das rührt zum Teil noch aus unserer Geschichte her. Früher war es so, dass der Dorfgastwirt gleichzeitig auch Bauer war. Und heute noch ist zum Beispiel der Inhaber des Bozner Hotel Laurin auch der Eigentümer eines großen landwirtschaftlichen Betriebes südlich von Bozen. Auf den Feldern wurde Getreide, Obst und Gemüse angebaut, das in der Küche der Gastbetriebe dann Verwendung fand. Das gleiche mit dem Vieh bzw. Fleisch, Butter, Milch und Käse. Das ist nichts Neues. Eine Trennung, in der sich beide Bereiche spezialisiert haben, fand dann durch die Erbschaften statt, wodurch die verschiedenen Besitzungen auf die Nachkommen aufgeteilt wurden. Einer hat den Gastbetrieb übernommen, ein anderer die Landwirtschaft. Diese Entwicklung war über das Land verteilt beinahe überall zu beobachten. Was ich damit sagen möchte: Vom Ursprung her haben diese beiden Bereiche eigentlich seit jeher zusammengehört. Deshalb kommt es mehr auf die Köpfe an und wenn man will, dann kann man sicherlich gut zusammenarbeiten. Ich sehe hier keine großen Probleme.

  • Laut Manfred Pinzger darf es keine weitere Aufweichung von Urlaub am Bauernhof geben und Agri-Camping muss ein Tabu bleiben.

    Wir haben seit Beginn der Diskussionen erklärt, dass Agri-Camping nur unter ganz bestimmten Bedingungen zugelassen werden sollte, die gemeinsam ausgehandelt werden müssen. Dass der HGV von vornherein jede Diskussion zu diesem Thema ablehnt, finde ich nicht richtig. Agri-Camping wird mittlerweile in ganz Europa betrieben, warum also nicht auch in Südtirol? Wir sollten hier schon etwas offener sein und eine machbare Lösung finden. Ich bin der Meinung, dass es unter ganz bestimmten Konditionen möglich sein muss. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir in gemeinsamen Gesprächen zu einer Einigung kommen.

     

    „Dass der HGV von vornherein jede Diskussion zu diesem Thema ablehnt, finde ich nicht richtig.“

     

    In der vergangenen Legislatur gab es große Reibungen zwischen Bauernbund und HGV. Die gegenseitigen Forderungen richtete man sich lautstark über die Medien aus. Sehen Sie nun mit Landesrat Walcher „ruhigeren“ Zeiten entgegen?

    Wie bereits vorhin gesagt, spielt hier die Person des Landesrates sicherlich eine große und wichtige Vermittlerrolle. Jeder Verband versucht natürlich bestmöglich, seine Mitglieder zu vertreten. Der Politik fällt hauptsächlich die Rolle des Vermittlers zu und die Aufgabe, einen Konsens zu finden. Ob Luis Walcher seine Sache nun besser macht als Arnold Schuler, wird man erst sehen müssen. Ich bin jedoch sehr positiv gestimmt.

  • Arnold Schuler: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Landeshauptmann Arno Kompatscher lieber seinen Vertrauensmann Arnold Schuler in der Position des Landesrates für Landwirtschaft und Tourismus gehabt hätte. Dagegen opponierten die Bezirke Bozen, Pustertal und Eisacktal sowie der Bauernbund. Foto: Seehauserfoto

    Im Vorfeld zur Ernennung von Luis Walcher zum Landesrat hat  es einige Missstimmung gegeben. Die SVP-Bezirke Bozen, Pustertal und Eisacktal sowie der Bauernbund wollten Walcher, Kompatscher hingegen Schuler.

    Tatsache ist, dass Luis Walcher mehr Stimmen als Arnold Schuler bekommen hat. Aufgrund des Wahlergebnisses waren wir der Meinung, dass es sinnvoller wäre, Walcher zum Landesrat zu ernennen. Insgesamt kam bei diesen Wahlen klar der Wunsch nach einer Erneuerung zum Ausdruck. Angefangen bei Hubert Messner über Peter Brunner bis hin zu Rosmarie Pamer und Luis Walcher. Zum Glück standen diese neuen Kandidaten und Kandidatinnen zur Verfügung. Das hat der Südtiroler Volkspartei wirklich gutgetan. Unsere Forderung beruhte alleine auf dem Wahlergebnis. Dass trotz der ganzen Diskussionen schließlich Luis Walcher den Posten als Landesrat erhalten hat, freut uns.

  • Nach Außen hatte es den Anschein, dass es einen Bruch zwischen dem Bauernbund und Landesrat Schuler gab, erkennbar auch daran, dass er nicht an den Vorwahlen teilgenommen hat – wo ihm eine Niederlage wohl sicher gewesen wäre.

    Er hat weder an den Vorwahlen von vor zehn Jahren, noch an jenen von vor fünf Jahren teilgenommen und an den letzten auch nicht.

     

    „Es hat keinen Sinn, gegen solche Bewegungen vorgehen zu wollen.“

     

    Die Zustimmung für Schuler – zumindest was die Bergbauern betrifft – war letzthin an einem Tiefpunkt angelangt, vor allem wegen der Wolfsproblematik.

    Diese Stimmung haben wir aus den verschiedenen Rückmeldungen natürlich auch wahrgenommen, dasselbe gilt übrigens auch für den Obst- und Weinbau. Deshalb haben wir der Partei und den Entscheidungsträgern empfohlen, sich für Luis Walcher zu entscheiden, weil …

    … man nicht gegen das eigene Volk regieren sollte?

    Es hat keinen Sinn, gegen solche Bewegungen vorgehen zu wollen. Gegen Schuler hat sich eine regelrechte Antipathie entwickelt, was mir persönlich sehr leid tut. Das ist aber nun einmal Tatsache, die man zur Kenntnis nehmen muss. Es war nicht der Bauernbund, der sich gegen Schuler ausgesprochen hat, es waren die Bauern selbst.

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Salto User
nobody Fr., 26.01.2024 - 21:07

Bei den letzten Wahlen sind die Arbeitnehmer abgesprungen, diesmal noch dazu die Bauern (minus 15 - 20 Prozent in Ultn, Psseir und Sarntal).

Fr., 26.01.2024 - 21:07 Permalink
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Salto User
nobody Fr., 26.01.2024 - 23:11

Von einem Politiker (und auch einer -in) erwarte ich mir Kompetenz; muss mir weder sympathisch sein, noch sexy Eyes haben. Sind ja nicht Schauspieler/innen.

Fr., 26.01.2024 - 23:11 Permalink
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Profil für Benutzer Herta Abram
Herta Abram Sa., 27.01.2024 - 14:00

..."Es war nicht der Bauernbund, der sich gegen Schuler ausgesprochen hat, es waren die Bauern selbst."...Was Schuler wohl von dieser Aussage hält?
- Ich habe das Gefühl , es gibt im BB konservative Kräfte, die versuchen, ihre Macht mit allen Mitteln zu erhalten, um damit auszubremsen, statt Landwirtschaft von heute in die Zukunft zu interpretieren.

Sa., 27.01.2024 - 14:00 Permalink
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Salto User
wartl Sa., 27.01.2024 - 16:06

Antwort auf von Herta Abram

Als externer Beobachter (bin Österreicher) gesprochen: Wenn die Wählerstromanalyse tatsächlich bestätigt, dass der SVP diesmal viele Bauern abhanden gekommen sind, dann ist dem "Es war nicht der Bauernbund, der sich gegen Schuler ausgesprochen hat, es waren die Bauern selbst." schwer zu widersprechen. Es gibt wohl nicht nur im BB Kräfte, die versuchen, ihre Macht mit allen Mitteln zu erhalten. Das gehört zur Eigendynamik jeglicher Organisation; dabei unterminiert nichts auf lange Sicht so sehr die Glaubwürdigkeit wie dieses Verhalten.
Die kleinräumig strukturierte Landwirtschaft, wie sie besonders in Südtirol und Österreich aus geografischen und soziokulturellen Gründen ausgeprägt ist, steht gegen die Interessen der Großbetriebe (die auf eine mächtige Lobby in den Regierungen Deutschlands und Frankreichs zählen können, an denen sich schon Franz Fischler* damals die Zähne ausgebissen hat) mit dem Rücken zur Wand. Immer mehr Betriebe geben auf (zumeist beim Generationenwechsel), weil sie mit den kargen Erträgen die geforderten Umstellungen (etwa in der Rinderhaltung) nicht mehr stemmen können. Weder Milchpreis noch Getreidepreis decken die Kosten, ohne Förderungen und Zuverdienst (Urlaub am Bauernhof, Selbstvermarktung) müssten mindestens 3/4 der Betriebe in Südtirol und Österreich in Kürze zusperren.
*: Der frühere Agrarkommissar Fischler hat jüngst das bestehende Agrarsystem als nicht zukunftsfähig bezeichnet

Sa., 27.01.2024 - 16:06 Permalink