Musik | Popmusik/Blasmusik

„Unsere größte Backingband bisher“

Wenn Popsounds auf Blasmusik treffen. Das Brixner Duo ANGER präsentiert zum Jubiläum der Bürgerkapelle Brixen ein einzigartiges Crossover-Projekt in der Hofburg.
Pop trifft Tradition: das Brixner Duo ANGER gemeinsam mit der Bürgerkapelle Brixen. Bürgerkapelle Brixen

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

SALTO: Nora Pider und Julian Angerer, wie fühlt es sich an, eure elektronischen Songs plötzlich von einem 60-köpfigen Blasorchester spielen zu lassen? 

ANGER: Wir glauben, spätestens nach dem Konzertfilm „Homecoming“ von Beyoncé wünscht sich das jede Band, so etwas mal zu erleben, und das direkt aus dem eigenen Kulturkreis heraus. Die Bürgerkapelle Brixen ist logisch für uns Menschen aus Brixen ein vertrautes Projekt und eine feste Instanz der Kulturlandschaft. Die Songs in eine derartige Instrumentierung zu bringen, haben wir uns immer schon gewünscht. 

Spielt die Bürgerkapelle reine Neuarrangements eurer bereits veröffentlichten Songs, oder habt ihr eigens für dieses Projekt ganz neues Material für das Orchester komponiert? 

Wir spielen das neue Album „Bau a Stodt au über die Wolken gonz weit oben glei neben dir“, das im Oktober des letzten Jahres erschienen ist, zur Gänze. Es gibt aber durchaus neue Parts und Instrumentalteile, die extra für dieses Projekt komponiert wurden.

Das Duo ANGER: Nora Pider und Julian Angerer Theo Kortschack

Wie lief die Arbeit an den Noten ab? Musstet ihr eure Songs stark für das Orchester anpassen? 

Wir haben gemeinsam mit Fabian Pichler, mit dem wir auch unser aktuelles Album aufgenommen haben, die Arrangements am Computer entwickelt und geschrieben. Fabian kennt unsere Musik sehr genau, ist Teil unserer Liveband und hat auch bei diesem Projekt unglaublich viel Arbeit und musikalisches Gespür eingebracht. Im zweiten Schritt hat Valentin Gasser die Arrangements für die Bürgerkapelle ausgearbeitet und die Noten gesetzt. Valentin hat uns zuletzt auch immer wieder mit seinem Saxofon begleitet. Er ist ein wahnsinnig guter Musiker und ein großes Talent. Es ist schön, solche Projekte gemeinsam mit Menschen umzusetzen, mit denen uns musikalisch schon so vieles verbindet. 

Dieser Song wird am kommenden Samstag von der Bürgerkapelle Brixen live performed.
Anger

Popmusik ist oft sehr komprimiert, eine Blaskapelle hat eine riesige Dynamik. Wie klang das Zusammenspiel für euch in den Proben? 

Wir sind sehr genaue Musiker*innen, spielen ein Leben lang mit Metronom und arbeiten sehr gewissenhaft an Timing und Intonation. Wir haben zuletzt immer wieder den Band-Approach gesucht, von dem wir auch kommen, und die Arbeit mit der Kapelle ist eine Erweiterung von diesem analogen Zugang. 

Es ist die größte Backingband, die wir je hatten. 

Wir haben uns beide an die gemeinsame Arbeitsweise herantasten müssen und sind an einem guten Punkt angekommen, wo Kapelle und Band wirklich miteinander spielen. Es ist die größte Backingband, die wir je hatten. 

Euer Sound mischt Indie-Pop und elektronische Elemente. Welche Synthesizer oder Tools sind für euch im Studio unverzichtbar? 

Bei uns lässt sich das pauschal gar nicht so sagen. In den mittlerweile fast zehn Jahren haben wir nach jeder Veröffentlichung unser Rezept wieder verworfen und etwas Neues probiert. Wir haben uns die Prämisse gesetzt, nicht Nein zu sagen. Die letzte Platte war irgendwie mehr der Versuch, in eine akustische Richtung zu gehen und diesen Rubber-Bridge-artigen Gitarrensound zu chasen, ohne altbacken zu klingen. 

Wir haben extrem viel experimentiert mit Autotune, Vocoder, mit DX7 oder JP-8000, Juno-60 oder irgendwelchen Drum-Machines, mit Vintage-Sounds und mit zeitgemäßen Sounds. Für uns unverzichtbar ist der Weg ins Studio und nicht so sehr die Tools. Es wird sich sowieso ständig ändern. Das ist die Natur der Sache. Das ist die Lust, alles für die Kunst zu tun. 

Anlässlich ihres 225-jährigen Jubiläums lädt die Bürgerkapelle Brixen zu einem besonderen Crossover-Abend: Bürgerkapelle Brixen

Verändert so ein großes Orchesterprojekt auch die Art und Weise, wie ihr künftig Songs schreibt? 

Das kann man im Moment noch gar nicht sagen. Solche Dinge passieren, wenn dann, unterbewusst. Keine Ahnung, es wird sich dann zeigen, wenn wir wieder ins Studio gehen. 

Wie blickt ihr auf die musikalische Entwicklung in Südtirol? 

Ja, es tut sich einiges. Es gibt viele aufstrebende Acts, die auf sehr hohem Niveau Songs releasen und Konzerte spielen. Es gibt in Bozen einige coole Veranstalter*innen, die versuchen, abseits vom Mainstream Dinge zu organisieren, sei es in der Zona oder über das Skate Project oder AMA. Musikalisch beobachten wir, quer durch alle Genres, so etwas wie eine neue Dialektwelle, also junge Artists, die sich im Dialekt ausprobieren.

ANGER – das sind die beiden Brixner Musiker*innen Julian Angerer und Nora Pider. Mit ihrem vielschichtigen Sound zwischen Indie-Pop, Synthesizer-Klängen und zeitgemäßen Texten hat sich das Duo weit über Südtirol hinaus einen Namen in der deutschsprachigen Musikszene gemacht. 

Zwei Welten. Eine Stadt. Seite an Seite. 

Anlässlich ihres 225-jährigen Jubiläums lädt die Bürgerkapelle Brixen zu einem besonderen Crossover-Abend: Gemeinsam mit ANGER bringt das 60-köpfige Blasorchester das jüngste Album des Duos – „Bau a Stodt au über die Wolken gonz weit oben glei neben dir“ – in eigens dafür geschaffenen Uraufführungs-Arrangements auf die Bühne. 

Am 1. August 2026 um 20:30 Uhr im Innenhof der Hofburg Brixen (bei schlechter Witterung im Forum Brixen) 

Wie sehr prägt der Blick von außen – durch das Leben und Reisen abseits? 

Man sehnt sich eigentlich ständig nach dem Mindset der Anfangstage. Da war so viel Magie in der Luft, und dieser unermüdliche Einsatz, überall hinzugehen und alles auszuprobieren, ist eine gewaltige Kraft. 

Der Blick von außen hat uns extrem geprägt.

Je mehr man unterwegs ist, je mehr Konzerte man spielt und je stärker man mit dem eigentlichen Musikbusiness in Berührung kommt, desto mehr wird manches auch entzaubert und nüchterner. Gleichzeitig wären wir ohne all die Reisen, die großen Festivals, die unzähligen Konzerte und unsere Verankerung in der Musikszene im deutschsprachigen Raum heute mental nicht dort, wo wir sind. Wir haben in den vergangenen Jahren fast jede Situation schon einmal erlebt und sind dadurch sehr gefestigt in dem, was wir sind und können. Diese Erfahrung bringen wir jetzt mit nach Südtirol und auch eine gewisse Selbstverständlichkeit, sich als das zu zeigen und zu präsentieren, was man ist. Der Blick von außen hat uns extrem geprägt. Wir sind über die Jahre zu Profis in dem geworden, was wir tun. 

An welchen neuen Sounds, Experimenten oder Themen arbeitet ihr derzeit im Studio? 

Wir arbeiten permanent an neuen Sounds und Songs. Wir sind süchtig danach, Dinge zu erschaffen. Wir sind aber auch sehr schnell und schmeißen vieles weg. Nach dem letzten, sehr akustischen Album wollen wir wieder zurück zu mehr Elektronik, aber let’s see.