Innovation über den Amtsweg
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Wiederaufbau heißt in Stilfs erstmal Abriss. Um das neue Gemeinschaftshaus zu bauen, wird das alte Rathaus derzeit mit Bagger und Lkw abgetragen. Nachdem die Gemeinde den Zuschlag für die Gelder aus dem nationalen Wiederaufbaufonds PNRR erhalten hat, sind drei Jahre vergangen, bevor die Bauarbeiten starten konnten.
„Die Komplexität haben wir unterschätzt. Denn die Auflagen aus Rom sorgen für einen enormen Verwaltungsaufwand“, sagt Urban Rinner, Generalsekretär der Bezirksgemeinschaft Vinschgau, der nun gewissermaßen zum Schatzmeister der Gemeinde Stilfs geworden ist. Denn der Bezirk hat die bürokratische Abwicklung für das 20-Millionen-Euro-Projekt aus dem PNRR-Topf übernommen. Wir treffen den Generalsekretär und die Koordinatorin des PNRR-Projekts Daria Habicher im Sitz der Bezirksgemeinschaft in Schlanders. Die beiden betreuen das Vorhaben, das in Form eines PNRR-Vertrags im Oktober 2022 unterzeichnet wurde. Bisher hat die Gemeinde 40 Prozent der Gelder erhalten.
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„Wenn man ehrlich ist, haben wir viel zu wenig Personal, um so etwas umzusetzen. Die Überstunden häufen sich deshalb, aber man findet momentan nicht einfach so Personal. Der Arbeitsmarkt ist leer“, sagt Rinner. Gleichzeitig sorgen die Auflagen zur Vorbeugung von Korruption der italienischen Behörden für zusätzliche bürokratische Arbeit. „Meines Erachtens hat das keinen Erfolg, nur die Bürokratie hat sich verzehnfacht. Aber mit der Bürokratie bekämpfe ich die Korruption nicht, da müsste ich im Kopf der Menschen etwas bewirken.“ Das sehen offenbar nicht alle so.
Daria Habicher muss sich weniger mit Auflagen aus Rom beschäftigen. Sie ist für die Organisation vor Ort verantwortlich, um das Projekt mit Leben zu füllen. Das glückt offenbar, das Interesse an den Veranstaltungen und Kursen sei nicht nur bei der Dorfbevölkerung groß. Für Habicher bedeutet das Projekt ein Stück weit auch Kulturarbeit. „Wir versuchen partizipativ zu arbeiten, ein neues Verständnis zu kreieren und neue Zugänge zu bestimmten Themen zu ermöglichen. Denn wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit diesem Projekt auf bestehende und zukünftige Herausforderungen zu reagieren, ob die Schwierigkeiten in der Nahversorgung oder die Anpassung an den Klimawandel.“
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Was passiert mit den 20 Millionen?
7,3 Millionen Euro werden für soziokulturelle Maßnahmen investiert, wozu das neue Gemeinschaftshaus mit Bibliothek, Archiv, Dorfladen und Seniorenwohnungen zählt, aber auch das Kulturfestival im vergangenen Jahr und die Förderung zeitgenössischer Kunst. Für das Mobilitätszentrum mit Buswendeplatz, Parkplätzen, Gemeindebauhof und Gehsteig nimmt Stilfs 7,2 Millionen Euro in die Hand. Und um Abwanderung vorzubeugen, soll weiterer Wohnraum durch die Sanierung von drei alten Häusern enstehen, Kostenpunkt 3,1 Millionen Euro.
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935.100 Euro aus dem PNRR-Topf werden für die Bereiche Landwirtschaft und Landschaft bereitgestellt. Damit sollen nicht nur Null-Kilometer-Produkte entwickelt, sondern auch eine neue Bewässerungsanlage errichtet, Aufforstung und Drainagearbeiten durchgeführt werden. Für den Bereich Handwerk hat die Gemeinde vor, für 716.000 Euro zwei bestehende Gebäude für Handwerksstätten und eine Künstlerresidenz zu nutzen, zudem wird am 6. September ein Streumarkt mit lokalen Lebensmitteln und Handwerkskunst im Dorf stattfinden. 700.000 Euro sind für Partizipation, Kommunikation und Dokumentation im PNRR-Projekt vorgesehen.
Auch an die touristische Entwicklung wird gedacht: 515.000 Euro fließen in die Sanierung von zwei Gebäuden für die Gründung eines Streuhotels oder Albergo Diffuso. Das Konzept aus dem Friaul sieht vor, dass die Hotelzimmer nicht in einem einzigen Gebäude untergebracht sein müssen und eröffnet damit neue Möglichkeiten. Umgesetzt hat das Konzept in Südtirol bereits die Unternehmerin Iona Cires im Unterland, mit „Ela living“ in Neumarkt.
Die VorgeschichteEingereicht hat das Projekt die Gemeinde selbst: Innerhalb weniger Wochen musste ein Konzept her, um zuerst die Ämter in Bozen und dann auch das Kulturministerium von der eigenen Idee zu überzeugen. Stilfs beauftragte den vor zwei Jahren verstorbenen Experten für Regionalentwicklung aus Schluderns, Armin Bernhard. Die Landeskommission unter dem Vorsitz von Abteilungsdirektor Volker Klotz habe dem Projekt von Bernhard gut durchdachte kulturelle Aspekte bescheinigt, erklärte Landesrat Philipp Achammer. Damit setzte sich Stilfs gegen Salurn, Klausen, Sterzing, Graun im Vinschgau und Franzensfeste durch, die ebenso am Wettbewerb für das PNRR-Förderprogramm teilgenommen haben.
Die große Aufgabe, aus dem Rohentwurf von Bernhard ein detailliertes Programm zu erarbeiten, hat nun eine eigene Arbeitsgruppe übernommen. Mitte des letzten Jahres konnten die ersten Aufträge an Dritte ausgeschrieben werden, bis Juni 2026 muss das gesamte PNRR-Projekt abgeschlossen sein. Kürzlich starteten die ersten Bauarbeiten für den Bau des neuen Gemeinschaftshauses. Im ersten Schritt wird dafür das alte Rathaus abgerissen.
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